Viele Agenturen spüren aktuell den Druck, schneller, günstiger und „AI-ready“ liefern zu müssen. Wo sehen Sie die größte Veränderung im Verhältnis zwischen Kunde:innen und Kreativ-, Marken- und Digitalagenturen?

Meiner Meinung nach verschiebt sich die Erwartungshaltung. Früher wurden Agenturen oft für ihre operative oder technische Kompetenz beauftragt. Heute werden viele dieser Expertisen durch KI demokratisiert. Das bedeutet aber nicht, dass Agenturen unwichtiger werden – im Gegenteil. Unsere Rolle verändert sich weg von der Umsetzung hin zur Orientierung. Es mangelt nicht an Möglichkeiten, vielmehr überfordert die Vielfalt. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, gemeinsam herauszufinden, welche Richtung wirklich sinnvoll für das Unternehmen und die Marke ist. Dafür braucht es Menschen, die zuhören, Zusammenhänge erkennen, priorisieren und Verantwortung übernehmen können. Die Beziehung wird dadurch strategischer, partnerschaftlicher und gleichzeitig menschlicher. Technologie schafft Optionen, aber für gute Entscheidungen braucht es Vertrauen.

Wenn KI heute in Sekunden hunderte Varianten für Texte, Bilder oder Kampagnen erzeugen kann: Worin liegt dann künftig der eigentliche Wert kreativer Arbeit?

Nicht mehr in der Menge der Möglichkeiten, sondern in der Qualität der Entscheidung. KI kann wahnsinnig viele Varianten erzeugen, aber sie kann keine Haltung entwickeln. Sie kann weder Verantwortung übernehmen noch beurteilen, welche Idee wirklich stark und relevant ist – kulturell, emotional oder strategisch. Der Wert kreativer Arbeit liegt deshalb künftig stärker in Urteilskraft, Kontextverständnis und Autorenschaft. Also in der Fähigkeit, aus unendlich vielen Möglichkeiten die richtige Entscheidung zu treffen und daraus etwas zu entwickeln, das von Bedeutung ist und Menschen wirklich erreicht. Die Frage verlagert sich weg von „Kann man es produzieren?“ hin zu „Warum sollte es existieren?“

Sie haben im Rahmen der Munich Creative Business Week betont, wie wichtig Herzblut, Details und die „letzte Meile“ für starke Markenerlebnisse sind. Wo bleibt der menschliche Faktor unersetzlich?

Immer dort, wo es auf echte Verbindung ankommt.  Ob aus einer Idee ein relevantes und erinnerungswürdiges Ereignis wird, entscheidet sich oft auf der „letzten Meile“, wenn die Zahnräder perfekt ineinandergreifen und durch Atmosphäre, Timing und vor allem das menschliche Zusammenspiel, Qualität entsteht. KI kann dabei viel beschleunigen, aber sie spürt nicht, wie sich ein Raum anfühlt, kann die Unsicherheit in einem Gespräch nicht erkennen oder die Energie eines Teams im entscheidenden Moment nicht wahrnehmen. Gerade weil Marken über Haltung, Begegnung und Vertrauen erlebt werden, bleiben menschliche Empathie, Intuition und Verantwortung bei der Umsetzung erfolgreicher Brand Experiences unersetzlich.

Die kreative Leistung verschiebt sich von der reinen Umsetzung hin zu Urteilskraft, Richtung, Haltung und Empathie. Welche Kompetenzen müssen Agenturen jetzt intern aufbauen, um nicht austauschbar zu werden? Wie geht BECC da heran?

Wir müssen heute viel stärker Fähigkeiten fördern, die nicht automatisierbar sind. Dazu gehören Entscheidungsstärke, kulturelles Verständnis, Empathie, strategisches Denken und vor allem die Fähigkeit zur Kollaboration. Denn kreative Qualität entsteht selten isoliert. Sie entsteht im Austausch, im Widerspruch, im gemeinsamen Weiterdenken. Deshalb investieren wir bei BECC sehr bewusst in Räume und Formate, in denen genau das möglich wird. Menschen müssen gleichzeitig sehen, denken, reagieren und Verantwortung übernehmen können. Weil Mut selten im Chaos entsteht, braucht Kreativität Vertrauen und Sicherheit. Und wir vermitteln, dass Haltung wichtiger ist als reine Zuständigkeit. Ownership schlägt Hierarchie.

Die Führungsspitze der Markenagentur BECC Agency mit Sitz im Münchner Isarwinkel: Leif Geuder, Sabine Kraus, Katharina Kraus, Metin Seyrek (v. li.)

Viele Kundinnen und Kunden fragen sich: „Geht das mit KI nicht schneller und billiger?“ Wie begegnen Sie dieser Erwartung, ohne in eine reine Preis- und Effizienzdebatte gedrängt zu werden?

Natürlich wird vieles schneller und bestimmte Prozesse werden effizienter. Aber die Vorstellung, KI mache kreative Arbeit automatisch günstiger, greift aus meiner Sicht zu kurz. Wer KI professionell in einer Agentur etablieren möchte, investiert massiv – in Infrastruktur, leistungsfähige Systeme, bezahlte Tools, Sicherheit und technisches Know-how. Vor allem aber auch in Menschen. Mitarbeitende müssen mitgenommen, geschult und befähigt werden, verantwortungsvoll mit diesen Technologien umzugehen. Dazu kommen neue Prozesse, rechtliche Rahmenbedingungen und die Frage, wie KI sinnvoll und verantwortungsvoll eingesetzt werden kann. Und ich glaube, genau darüber wird in unserer Branche noch zu selten offen gesprochen. Viele möchten aktuell Innovationskraft, Technologieaffinität und First-Mover-Mentalität demonstrieren. Der ehrliche Blick auf die tatsächlichen Herausforderungen professioneller KI-Integration kommt dabei oft zu kurz.

Ja, wir sparen bei einzelnen Arbeitsschritten Zeit. Aber nicht automatisch Kosten. Der technische, organisatorische und kulturelle Aufwand steigt gleichzeitig erheblich. Für uns lautet deshalb die Frage nicht: „Wie produzieren wir billiger?“ Sondern: „Wie schaffen wir mit technologischer Beschleunigung relevante und differenzierende Markenarbeit?“ Geschwindigkeit allein erzeugt nämlich noch keine Bedeutung. KI generiert Möglichkeiten, aber Richtung entsteht weiterhin durch Menschen.

Wenn alle produzieren können, wird Qualitätsbewertung zur Schlüsselkompetenz. Wie können Agenturen jungen Talenten heute noch echte Erfahrung ermöglichen, damit sie lernen, gute kreative Arbeit von Mittelmaß oder AI-Slop zu unterscheiden?

Indem wir sie nicht nur produzieren, sondern mitdenken lassen. Junge Kreative müssen erfahren, warum eine Idee funktioniert – nicht nur, wie man sie erzeugt. Dafür braucht es Diskussionen, Feedback, das Abgeben und Annehmen von Verantwortung und echte Zusammenarbeit. Diese Kompetenz entwickeln sie durch kontinuierliche Auseinandersetzung. Und ich glaube, dass Erfahrung künftig noch wertvoller werden wird, nicht im Sinne von Hierarchie, sondern als Fähigkeit, Dinge einordnen und beurteilen zu können. Deshalb werden bei uns junge Talente früh in reale Prozesse eingebunden: in Gespräche, Präsentationen, strategische Entscheidungen und kreative Konflikte. Nur dort können sie ein Gefühl für Qualität, Haltung und Relevanz entwickeln. Gute Kreativität entsteht nämlich nicht allein durch den perfekten Prompt, sondern durch Menschen, die gelernt haben, genau hinzusehen.

Die BECC Agency GmbH mit Sitz im Münchner Isarwinkel ist eine Inhabergeführte Marken- und Designagentur. Seit ihrer Gründung im Jahr 2006 positioniert sie sich an der Schnittstelle von Strategie, Design und Raum. Der Name BECC steht für die Kernkompetenzen Brand, Event, Communication und Concept. Das interdisziplinäre Team aus rund 40 Mitarbeitenden entwickelt strategisch fundierte Corporate Designs, Markenstrategien sowie raumgreifende Kommunikations- und Markenerlebnisse. Mit der Eröffnung der eigenen Industriehallen-Location im Isarwinkel verbindet BECC kreative Agenturarbeit mit einem eigenen Veranstaltungsort für Workshops und Events.

Johannes Naumann, Carina Gromer für BECC Agency & Isarwinkel
Erfolg Innovation Management Featured