Von der Bestattung zum Pole-Dance: Ein mutiger Neuanfang mit 48
Schwarze Fledermäuse hängen von der Decke, aus den Lautsprechern dröhnt Gothic-Musik. So beschreibt Sandra Praßl die Atmosphäre ihrer Pole-Dance-Stunden. In wenigen Tagen eröffnet die 48-Jährige in Graz einen eigenen Raum für Frauen: ihr Pole-Dance-Studio „Shadows“. „Im Namen Shadows findet sich meine Gothic-Seele wieder – deshalb kann es nur dieser Name sein“, sagt Praßl lachend.
Dabei kommt sie ursprünglich aus einer ganz anderen Branche. Denn: Ihre Leidenschaft für das Dunkle prägte schon früh auch ihren absoluten Traumberuf: Bestatterin. Über viele Jahre arbeitete sie in der Bestattungsbranche, zuletzt in leitender Position. „Wenn man mir vor einem Jahr gesagt hätte, dass ich bei der Bestattung aufhöre, dann hätte ich das nie geglaubt“, sagt sie.
Schon früh stellt Praßl fest, wie stark männerdominiert die Bestattungsbranche ist. „Ab und zu ist in Büros eine Dame gesessen. Aber eine Frau, die eine Bestattung leitet – das war ganz was Neues“, erinnert sich die 48-Jährige. Sandra Praßl beschreibt sich selbst als sehr selbstbewusst, dennoch habe sie in der Bestattung noch einmal gelernt, was es heißt, sich durchzusetzen.

Vor gut zwei Jahren, entdeckt Sandra Praßl dann ein neues Hobby: Pole-Dance. Die Sportart verbindet Elemente aus Tanz, Akrobatik und Kraftsport – und das alles an einer vertikalen Stange. Im Pole-Dance findet Sandra Praßl den Ausgleich, den sie zum stressigen Berufsalltag braucht. Schnell wurde daraus jedoch mehr und sie beginnt die Trainerinnenausbildung.
„Poledance wird oft als junge Szene wahrgenommen. Aber ich habe gemerkt, dass es viele Frauen gibt, die sich ausprobieren wollen – jedoch vermissen sie oft den passenden Raum. Meine Kurse sollen genau dieser Raum sein – sicher, wertschätzend und offen für alle Frauen“, sagt Sandra Praßl.
Schritt für Schritt wird ihr Hobby immer wichtiger in ihrem Leben. Gleichzeitig wuchs in ihr der Wunsch nach mehr Selbstständigkeit. Bis es soweit ist: Vergangenes Jahr kündigt sie ihren Job als Betriebsleiterin in einem Bestattungsunternehmen und arbeitet von da an als Trainerin. „Ich habe einfach gespürt: Ich möchte mein Leben selbst organisieren. Ich möchte mein Leben selbst gestalten.“ Nun erfüllt sie sich mit ihrem eigenen Studio diesen Wunsch.
Sandra Praßl ist damit keine Ausnahme. In Österreich zeigt sich: Immer mehr Frauen gründen Unternehmen. Sie starten nicht nur häufiger, ihre Unternehmen bestehen oft auch länger am Markt, zeigen Zahlen der Wirtschaftskammer Österreich (WKO). Sind Frauen Teil eines Gründungsteams, bleiben Unternehmen länger bestehen – auch wenn sie langsamer wachsen.
Ein Grund mehr, einen Ort zu schaffen, an dem sich Frauen gegenseitig stärken. „Wir Frauen müssen zusammenhalten und uns unterstützen. Ich bin auch in vielen Frauennetzwerken. Daraus entstehen so viele Projekte, wenn man sich gegenseitig pusht und unterstützt“, sagt Sandra Praßl.
Am 2. Mai 2026 eröffnet sie ihr Studio „Shadows“ in Graz. Und auch wenn Sandra Praßl ihren Fokus nun auf Pole-Dance legt, lebt ihre Leidenschaft für den Bestatterinnenberuf auch im Studio weiter – in der Deko, der Musikauswahl und dem besonderen Ambiente. „Meine Kursteilnehmerinnen wissen das und mögen mich dafür.“ So findet sich ein Stück ihres Kindheitstraums auch in ihrer neuen Leidenschaft wieder.