Zu spät? Von wegen. Warum Frauen später gründen – und genau darin ihre Stärke liegt
Wenn man mich heute fragt, was ich als junge Frau gern gewusst hätte, dann hätte ich gern diesen einen Satz gehört: Du bekommst im Leben viel mehr Chancen, als Du glaubst. Aber ich komme aus einer Generation, in der Frauen – vor allem jungen Frauen vor der Familiengründung oder einer möglichen Mutterschaft – unterschwellig das Gegenteil vermittelt wurde. Die Botschaften waren leise, subtil und wirksam: Plane vorsichtig. Setze nicht alles auf eine Karte. Und vor allem: Rechne damit, dass Deine Möglichkeiten irgendwann kleiner werden.
Vielleicht erklärt genau das die heutigen Zahlen. Aktuelle Start-up-Zahlen aus Deutschland und Österreich* zeigen: Das Durchschnittsalter von Gründerinnen liegt in Deutschland bei 38 und in Österreich bei 32 Jahren, Start-ups entstehen überwiegend im Team – und der Anteil von Frauen darin ist zuletzt leicht geschrumpft. Gemischte Teams machen in Deutschland 21 Prozent und in Österreich 23,8 Prozent aus, während rein männliche in beiden Ländern weiterhin überproportional stark vertreten sind (64 bzw. 51 Prozent). Kurz gesagt: Die sichtbare Start-up-Welt bleibt weiterhin männlich geprägt.
Gleichzeitig passiert etwas anderes. Abseits der jungen, dynamischen Bühne zeigt sich ein gegenteiliger Trend: Frauen entscheiden sich zunehmend später für die Selbstständigkeit – und das keineswegs marginal. Laut aktuellen Daten der Wirtschaftskammer Österreich liegt der Frauenanteil bei Neugründungen insgesamt bei rund 50,8 Prozent und steigt mit dem Alter deutlich an: über 57 Prozent sind es bei den 40- bis 50-Jährigen, mehr als 63 Prozent zwischen 50 und 60. In Deutschland entfallen rund 40 Prozent der Gründungen auf Frauen in höheren Altersgruppen.* Was oft als „später Start“ interpretiert wird, ist in Wahrheit eine aufgeschobene Entscheidung. Viele gehen diesen Schritt nicht früher – nicht aus fehlendem Zutrauen, sondern weil sie ihn sich zwischen Care-Verantwortung, strukturellen Hürden und Teilzeitarbeit schlicht nicht leisten konnten.
Netzwerke, Marktverständnis und ein klarer Blick
Mit 45+ bringen sie dann genau das mit, was in der Start-up-Rhetorik gern beschworen, aber deutlich seltener konsequent gelebt wird: Netzwerke, Marktverständnis, einen klaren Blick auf Chancen und Risiken – und Erfahrung.
Während die klassische Start-up-Welt auf Geschwindigkeit und Skalierung setzt, entsteht parallel ein anderes Unternehmertum: eines, das stärker auf konkrete Ziele, nachhaltige Entwicklung und Substanz baut. Vielleicht ist es an der Zeit, den Blick zu weiten. Nicht jede Gründung muss heute ein Start-up sein, und nicht jede erfolgreiche Unternehmerin war mit 30 auf Pitch-Bühnen unterwegs. Manche kommen später – aber dafür präziser.
Genau darum geht es auch in unserer nächsten Career Session am kommenden Montag: Denn „Gründen mit 50+“ heißt nicht, etwas nachzuholen, sondern Erfahrung gezielt in Wirkung zu übersetzen. Was oft nüchterner gesehen wird als in jungen Jahren: Niemand wartet auf dein Angebot – und Kapital folgt nicht Ideen allein, sondern Klarheit. Gemeinsam mit der deutschen Unternehmerin, Bankerin und Aufsichtsrätin Stefanie Salata verbinde ich genau diese beiden Perspektiven: Markt und Geld auf der einen Seite, Sichtbarkeit und Positionierung auf der anderen. Ein Reality Check, jenseits von Gründungsromantik, aber voller Chancen. Denn am Ende ist Gründen mit 50+ keine Frage des Alters, sondern eine strategische Entscheidung.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft: Gelegenheiten entstehen immer wieder. Aber oft beginnen wir sie mit zunehmender Reife wirklich zu nutzen. Denn die Chancen waren nie weg – nur die Spielräume waren zu eng. Und genau die werden mit den Jahren größer.
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*Information zu den Zahlen:
Die Start-up-Zahlen entstammen dem kürzlich publizierten Austrian Start-up Monitor 2025 sowie dem deutschen Female Founders Monitor 2025. Die Gründerinnen-Zahlen sind der DIHK-Statistik entnommen. Direktvergleiche mit jenen der Österreichischen Wirtschaftskammer (WKO) sind nur teilweise möglich, da die Berechnungsgrundlagen unterschiedlich sind.
Dass in Österreich der Anteil älterer Gründerinnen (45+) deutlich prominenter erscheint als in Deutschland, liegt an mehreren Faktoren:
1. Der „Statistik-Effekt“ durch die Personenbetreuung
In der österreichischen WKO-Statistik sind die sogenannten Personenbetreuerinnen (24-Stunden-Betreuung) enthalten, die als selbstständige Einzelunternehmerinnen gemeldet werden. In Deutschland wird diese Form der Arbeit oft über Agenturen oder andere Beschäftigungsverhältnisse abgewickelt und taucht daher nicht im selben Maße in der Gründungsstatistik der IHKs auf.
2. Fokus auf Einzelunternehmen vs. Start-ups
Die WKO-Zahlen, die einen Frauenanteil von über 60 % in der Altersgruppe 50+ ausweisen, beziehen sich primär auf Einzelunternehmen. Österreich hat eine extrem starke Tradition im kleinstrukturierten Gewerbe und Handwerk, wo die Gründung als „zweiter Karriereweg“ nach der Familienphase (oft 45+) kulturell sehr etabliert und durch die WKO stark gefördert wird.
3. Österreich steht vor einer massiven Welle an Betriebsübergaben im KMU-Bereich.
Frauen übernehmen in Österreich ca. 42 % der Betriebe. Diese Nachfolgerinnen sind bei der Übernahme meist erfahrener und damit älter (oft zwischen 40 und 55 Jahren). In Deutschland liegt die Quote der weiblichen Nachfolgen mit etwa 25 % deutlich niedriger, was den Altersschnitt der Gründerinnen dort nach unten zieht.
4. Förderlandschaft
Die WKO hat mit „Frau in der Wirtschaft“ eine sehr präsente Struktur, die gezielt Frauen in Umbruchphasen anspricht. In Deutschland ist die Landschaft der Gründungsförderung (IHK, HWK, private Initiativen) fragmentierter, wodurch die gezielte Ansprache älterer Frauen weniger gebündelt erfolgt.