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Profitiert meine Kanzlei von Diversität? Klar, aber…

Dass es Diversität braucht, ist unumstritten. Zur Herausforderung wird sie allerdings dann, wenn aus ihr heraus eine Ego-Spielfläche für die Mitarbeiter entsteht.

Gedankenspuren von Claudia Stadler

Diversität ist eine tolle Sache. Sie ist Gegengift zu Ausgrenzung und Rassismus. Diversität will, dass alle Menschen an der Gesellschaft teilhaben, egal ob alt oder jung, mit oder ohne Migrationshintergrund männlich, weiblich oder divers. In Schulklassen ebenso wie bei der Oscarverleihung und am Arbeitsplatz. Das ist wichtig und richtig. Doch gleichzeitig ist Diversität ein umstrittenes Thema. Denn die Umsetzung braucht Feingefühl. Einfach mal auf Diversität zu setzen, weil es gerade chic ist, kann mehr schaden, als es nutzt. In London beschloss das Management der English Touring Opera, dass es mehr Diversität im
Orchester brauche. Um Platz für Diverses zu schaffen, sollten 14 langjährige Mitarbeiter entlassen werden. Nach einem Aufschrei der Empörung musste das Management vorerst zurückrudern.

Auch Motivation ist divers Dieses Problem stellt sich in meiner Kanzlei nicht. Wir sind divers, und das seit Jahren. Sowohl in Hinblick auf Alter und Geschlecht, als auch bei Religion und ethnischer Herkunft. Und meine Firma profitiert davon. Alleine schon wegen der vielfältigen Sprachkenntnisse der Mitarbeiter*innen, die es ermöglichen, internationale Kund*innen in ihrer Muttersprache zu beraten. So weit, so gut. Und noch viel mehr: Auf Diversität zu setzen, so könnte frau meinen, erweitert auch den Pool an möglichen zukünftigen Mitarbeiter*innen. Alle Personalprobleme also gelöst? Mitnichten! Dabei mangelt es nicht so sehr an der Ausbildung, als vielmehr an der Motivation, sich auch mit Knochenarbeit zu beschäftigen, und das nachhaltig! Auch wenn es zäh und langweilig wird; immer neuen Spaß spielt es eben im Alltag nicht wirklich. Da gibt’s die Mitarbeiter*innen, die nach zwei Monaten im Dienst gleich mal zwei Wochen Urlaub beantragen. Dann die Arzttermine – muss sein, klar. Aber: Dass völlig unkoordiniert drei Mitarbeiter*innen am selben Tag zum Zahnarzt gehen, muss nicht sein. Das Ego, unabhängig davon, ob divers oder nicht, steht heutzutage schon mal gerne im Vordergrund. Das private Programm und die Diversität an Freizeitangeboten können im Einklang mit business as usual zum Spagat werden. Und damit wir uns richtig verstehen: Auch dieses Motivationsproblem ist ein diverses. Es betrifft junge wie alte Mitarbeiter*innen, männliche, weibliche und diverse, ebenso wie jene mit und jene ohne Migrationshintergrund. Das zeigt einerseits, dass Diversität in vielen Bereichen der Gesellschaft bereits zum Alltag gehört. Doch es löst meine Probleme als Selbstständige oft nicht. Die Frage nach Diversität ist für mich mit einem klaren JA abgehakt. Die Frage, woher ich zukünftig motivierte Mitarbeiter*innen bekommen soll, bleibt offen und divers.


Über die Autorin: Claudia Stadler ist Gesellschafterin-Geschäftsführerin der Steuerberatungskanzlei www.cSt-causa.at in Wien und bietet Klient*innen individuell maßgeschneiderte Lösungen an. Sie ist seit 2017 gerichtliche Mediatorin und daher auch Expertin für konfliktfreie Lösungen.

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