Olga Rudenko hat sich der Wahrheit verpflichtet
„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“, heißt es oft. Olga Rudenko will das nicht akzeptieren. Die ukrainische Journalistin ist Chefredakteurin des Kyiv Independent, einer unabhängigen, englischsprachigen Plattform, die nur wenige Monate vor der russischen Invasion 2022 gegründet wurde. Heute zählt das leserfinanzierte Medium zu den wichtigsten internationalen Stimmen aus der Ukraine. Olga Rudenko und ihr Team berichten aus einem schwer verletzten Land. Über Frontverläufe und russische Angriffe, über Zerstörung und Durchhaltewillen. Auch die eigene politische Führung nehmen sie kritisch ins Visier. So veröffentlichte der Kyiv Independent umfangreiche Recherchen zu einem Korruptionsskandal, der die Ukraine erschütterte.
Im Zentrum der Ermittlungen stehen unter anderem der ehemalige Energieminister Herman Haluschtschenko sowie Timur Mindich, ein enger Vertrauter von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Olga Rudenkos Arbeit steht damit für einen Journalismus, der sich auch im Ausnahmezustand nicht zum Sprachrohr von Regierungen machen lässt. Im Interview gibt sie Einblicke in ihre Arbeit, ihre Vision für die Zukunft und erklärt, warum Glaubwürdigkeit die wichtigste Währung unserer Gegenwart ist.
Frau Rudenko, Sie sagen, Journalismus müsse gerade in Krisenzeiten Korruption im eigenen Land aufdecken. Warum ist das so wichtig?
Während eines Krieges haben viele Akteure, darunter auch die Regierung, bestimmte Erwartungen an Journalist*innen. Sie wollen, dass Medien sowohl im Inland als auch international eine propagandistische Rolle übernehmen. Für uns würde das bedeuten, Ereignisse zu beschönigen, kritische Aspekte auszublenden und bestimmte Themen ganz zu vermeiden.
Mit Ihrer Berichterstattung machen Sie sich nicht überall beliebt …
Das stimmt. Es gibt Stimmen, die meinen, wir sollten das in Kriegszeiten nicht tun. Sie argumentieren, dass negative Berichte das Bild der Ukraine im Ausland beschädigen und die Bereitschaft internationaler Partner zur weiteren Unterstützung verringern könnten. Vereinzelt habe ich auch schon von Kolleg*innen gehört, dass unsere Arbeit schädlich sei.
Wie halten Sie dagegen?
Ich bin überzeugt, dass Journalismus eine zentrale Säule der Demokratie ist – und dass Krieg diese Säule zwangsläufig unter Druck setzt. Gerade deshalb ist es so wichtig, alles zu tun, um sie ebenso wie die anderen demokratischen Institutionen zu schützen und zu stärken. Eigentlich hätten im vergangenen Jahr Wahlen abgehalten werden sollen, doch unter den gegebenen Umständen war das organisatorisch nicht möglich. Insofern funktioniert das demokratische System nicht mehr unter normalen Bedingungen – es ist bereits stark belastet und verwundbar.
Eine Gesellschaft kann ohne eine gemeinsames Verständnis von Wahrheit nicht bestehen.
Was steht für die Ukraine langfristig auf dem Spiel?
Unabhängigen Journalismus kann man nicht für mehrere Jahre aussetzen und anschließend erwarten, dass er nahtlos zur Normalität zurückkehrt. Eine Regierung, die über längere Zeit ohne kritische Kontrolle agiert, gewöhnt sich daran – und wird Kritik später womöglich nicht mehr im gleichen Maße zulassen.
Zustände, wie man sie aus Russland kennt …
Ja. Es geht nicht nur darum, dass die Ukraine den Krieg gewinnt, sondern auch darum, welches Land sie nach dem Krieg sein wird. Wenn sie militärisch siegt, dabei aber zunehmend autoritäre Züge annimmt, wäre das kein wirklicher Sieg.
An der Front verteidigen sie nicht nur Territorium, sondern auch Werte, darunter die Meinungs- und Pressefreiheit. Es wäre daher schwer zu rechtfertigen, wenn Journalist*innen, die diese Freiheit ausüben können, freiwillig darauf verzichten, während andere ihr Leben für eben diese Freiheit riskieren. Deshalb halte ich Selbstzensur im Krieg für moralisch problematisch und langfristig schädlich. Sie mag kurzfristig als Schutz erscheinen, untergräbt jedoch auf Dauer genau die Werte, die verteidigt werden sollen.
Ihre Arbeit wird derzeit nicht nur durch den Krieg und politischen Druck erschwert, sondern auch durch KI. Auf Plattformen wie TikTok verbreiten sich aktuell etwa KI-generierte Videos, die angeblich junge ukrainische Soldaten zeigen, die zwangsweise an die Front geschickt werden. Welche Auswirkungen hat diese Form der Desinformation?
Das Problem ist die schiere Erschöpfung, die damit einhergeht, ständig beurteilen zu müssen, ob Inhalte authentisch oder KI-generiert sind. In sozialen Medien scrollen Menschen durch endlose Feeds und sehen sich gezwungen, jedes einzelne Video zu hinterfragen. Noch vor einem Jahr waren Deepfakes eine Ausnahme, heute hat man oft das Gefühl, dass alles gefälscht sein könnte.
Was macht das mit uns allen?
Ich glaube, es treibt Menschen in zwei Richtungen: Entweder hören sie auf, sich darum zu kümmern, was wahr ist, oder sie verzichten ganz darauf, Informationen zu überprüfen. Wenn jede Wahrnehmung zur mühsamen Einzelfallentscheidung wird, entsteht ein starker Anreiz, sich innerlich zurückzuziehen. Das ist gefährlich. Eine Gesellschaft kann ohne ein gemeinsames Verständnis von Wahrheit nicht bestehen – ohne grundlegende Tatsachen, auf die sich alle einigen können. Unser Handeln basiert auf einer gemeinsamen Realität, auf der Übereinkunft darüber, was real ist und was nicht. Diese geteilte Wirklichkeit ist in jeder Gemeinschaft unverzichtbar, ob in einer Partnerschaft, einer Familie oder einem Staat. Und genau deshalb ist unabhängiger Journalismus heute wichtiger denn je.