Der Diminuitiv macht uns Frauen klein
Ladies,
ihr da draußen am Schreibtisch, im Call und an den Tasten … Wie sitzt ihr denn da? Rücken gerade! Brust raus! Schultern zurück! Das hier ist ein Reminder, ab sofort und stets auf eure Haltung zu achten, euch aufzurichten.
Und weiter geht’s: Macht euch für einen Augenblick bewusst, wie tief der weibliche Diminuitiv und damit die weibliche Rollenvorstellung in unsere Sprache eingebaut ist. Oder warum verwendet ‚Mäd-chen‘ und ‚Fräu-lein‘ die Verkleinerungsform, während im allgemeinen Sprachgebrauch ein Junge ein Junge ist, ein Mann seinen Mann steht und ein ‚Männ-lein‘ höchstens als Zwerg in Märchen herumgeistert?
Das ist kein Zufall, sondern wie so oft systemisch in unserer Sprache als gesellschaftlicher Auftrag angelegt. Der eingebaute Diminuitiv macht uns Frauen klein, bevor unser Leben überhaupt losgeht – um uns auf eine kleine Rolle an der Seite und im Schatten eines großen Mannes vorzubereiten.
Kleine Jungs werden von Anfang an dazu ermutigt, groß zu denken. Was die großen Jungs auch regelmäßig tun, wenn sie ihre Finger nach dem Mond, dem Mars oder Grönland ausstrecken, Millionen-Deals machen, Märkte erobern, die Welt retten, einen 1.000-PS-Cybertruck fahren oder ihre Posts IN GROSSBUCHSTABEN RAUSHAUEN!!!
Frauen hingegen sollen sich qua Sozialisierung lieber klein machen und so wenig Raum wie möglich einnehmen. Das zieht sich durch die Familie, die gesamte wirtschaftliche Welt und monetäre Angelegenheiten: Frauen bekommen bekanntlich für ihre Leistung systematisch weniger Gehalt, weniger Rente und ihre Start-ups weniger Investments. Fund F-Gründerin, Fondsmanagerin und Minerva-Gewinnerin Lisa-Marie Fassl berichtete auf der Bühne der letzten Award-Verleihung von ihren ersten Investorengesprächen das, was viele Frauen im Business erleben: Sie bekam den wohlmeinenden Rat, doch lieber erstmal klein anzufangen, lieber „kleine Brötchen zu backen“ … Männer hören diesen Rat im Business Game eher selten. Entsprechend ist der größte Vorwurf, den man einer Frau machen kann, sie sei „zu viel“. Zu laut. Zu fordernd. Zu anspruchsvoll. Zu ehrgeizig. Sie wolle zu viel.
Wenn Frauen groß denken, kommt meist etwas Gutes dabei raus. Weil es uns nicht nur um Dominanz geht. Dazu müssen wir jedoch den Diminuitiv-Denkfehler entlarven und überwinden – die tiefsitzende Überzeugung, dass Bescheidenheit eine weibliche Tugend und Groß-Denken eine Anmaßung seien. Wie das geht, führen uns starke Frauen vor. Lisa-Marie Fassls Antwort auf die kleinen Brötchen (die dafür verdient tosenden Beifall erntete): „Geh sch***en!“ Heute übertrifft ihr Fonds mit einem Gesamtvolumen von rund 28 Millionen Euro alle Erwartungen. Oder die Januar-News von EU-Präsidentin Ursula von der Leyens „Mutter aller Deals“: Während wir den Welteroberungsfantasien großer Männer zusahen, schlossen die EU und Indien in aller Stille das größte Handelsabkommen der Geschichte ab, um einen Markt mit zwei Milliarden Menschen zu begründen: Ein Viertel des weltweiten BIP und der Weltbevölkerung. Wenn das mal nicht „Think Big“ ist.
Wenn Frauen groß denken, stoßen sie auf Gegenwind, weil sie sich nicht konform der erwarteten Geschlechterrolle benehmen. Bekanntlich ist jedoch Selbsterkenntnis der beste Weg zur Besserung. Der erste Schritt ist also, sich selbst die Erlaubnis zu geben, groß zu denken, groß zu fordern, groß zu sein. Sich mit Allies umgeben, die die Vision teilen und dir Rückendeckung geben. Und beim nächsten Hinweis, erstmal klein anzufangen oder kleine Brötchen zu backen, die innere Lisa-Marie und Ursula channeln.
Über die Autorin:
Die Designerin Julia Peglow ist seit 25 Jahre als Strategische Beraterin und Führungskraft im internationalen Design Business tätig. Sie ist Hochschuldozentin für Brand Building, Speakerin und Autorin („Wir Internetkinder“, Verlag Hermann Schmidt). Derzeit gründet sie THE SKILL – Denkschule und Beratung für Kreativität und KI.