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Kein gutes Jahr

Zwischen dem Weltfrauentag 2020 und jenem von 2021 liegen eine steigende Zahl von Gewaltverbrechen gegen Frauen, sinkende Karrierechancen und ein immer noch eklatanter Einkommensunterschied.

Das Glas halb voll zu sehen – das war eigentlich mein Ziel, für den heutigen Weltfrauentag. Einmal mehr die bemerkenswerten Frauen und ihre Werdegänge hervorzuheben, wie wir, das Team von SHEconomy, es seit unserer Gründung vor zweieinhalb Jahren, immer wieder mit Freude tun. Ich wollte über die vielen selbstbewussten Kämpferinnen schreiben, die ihren Ideen und ihrer Begeisterung fürs Machen nachgehen und sich von gläsernen Decken und anderen wohlbekannten Widrigkeiten nicht abschrecken lassen. Über Organisationen wie HeForShe berichten, deren Ziel es ist, Männer als Unterstützer für einen Wandel hin zur Verwirklichung einer Gleichberechtigung der Geschlechter zu gewinnen. Und Brückenbauern applaudieren wie Martin Speer, HeForShe-Botschafter von UN Women Deutschland oder Ali Malhodji, „Motivator“ und Innovator, in Österreich oder dieser neuen, jungen, andersdenkenden Generation von Männern, für die Halbe-Halbe keinem Kastrationsereignis gleichkommt. Denn unsere Kernmission, die Botschaft von SHEconomy lautet: Women Empowerment!

Aber dann erreichte mich vergangenen Freitag, zwischen mehreren Veranstaltungen im Vorfeld des Weltfrauentags, die Nachricht der Wiener Trafikantin, die von ihrem Ex-Freund angezündet worden war. Weil er ihr einen „Denkzettel“ verpassen wollte, hatte er sie in ihrem Geschäft geschlagen, mit einer Flüssigkeit überschüttet, angezündet und dann eingesperrt. Seither ringt die arme Frau ums Überleben.

Immer wieder ereilen uns alle Nachrichten von solchen Gräueltaten, die tagtäglich irgendwo in der Welt passieren. Fast immer sind die Opfer Frauen, die es wagten, einen „eigenen Kopf“ zu haben, finanziell eigenständig zu sein oder Unabhängigkeit anzustreben. Kurz – ein ganz normales Leben zu führen. Und jedes Mal empfinden wir fassungsloses Entsetzen, das sich mit den Wochen und Tagen verflüchtigt, weil wieder Neues passiert.

Anders aber, wenn man das Opfer kennt. Wenn die Person ein vertrautes Gesicht, einen Namen und man mit ihr eine persönliche Geschichte hat.

Die 35-jährige Nadine ist „meine“ Trafikantin, und sie ist viel mehr als das. Sie ist eine von denen, die die Gesellschaft zusammenhalten in unserem Eck. Man tauscht sich mit ihr über die Tagespolitik aus, sie hat immer ein Ohr für die Alten, die oft niemanden mehr zum Reden haben. Für die zahlreichen Hunde der Gegend hält sie immer ein „Leckerli“ bereit und den Lottospielern wünscht sie mit so viel Verve „Viel Glück!“, als ob es um ihre eigene Fortüne ginge. Jeder, der sie in dem Grätzel kennt, sieht in ihr nicht nur die Geschäftsfrau sondern auch den guten Menschen – eine anständige, erfolgreiche, selbstbestimmte Frau.

Jedes Schockereignis färbt natürlich die Gedanken. Doch selbst, wenn ich heute nach positiven Zahlen suche, ploppt – gerade im Zusammenhang mit den Entwicklungen der letzten zwölf Monate – nur wenig Erfreuliches auf: Die „Denkzettel“, die Männer Frauen verpassen, haben seit Corona erschreckend zugenommen, viele davon endeten lebensbedrohlich oder sogar tödlich. Übergriffe liegen an der Tagesordnung. Auch auf den Arbeitsmarkt ist die Wetterlage für Frauen im vergangenen Jahr düsterer geworden: In Deutschland haben drei Viertel der börsennotierten Unternehmen keine Frau im Vorstand. In Österreich sitzt in 45 von 58 börsennotierten Unternehmen keine einzige Frau – seit Corona ist die Tendenz weiterhin fallend. Die Frauenarbeitslosigkeit ist um 40 Prozent gestiegen (Vergleich Männer: 25 Prozent). Und die Lohnschere liegt immer noch – je nach statistischer Auswertung zwischen 14,3 und 19,9 Prozent.

Umso aufmerksamer und wertschätzender muss man gegenüber den unerschrockenen Versender*innen von Positivbildern und -botschaften sein. Gegenüber einer Politik, die wie in Deutschland eine fortschrittliche Quotenregelung nun endlich gesetzlich verankert. Gegenüber den Unternehmen, für die Gender Equality mehr als nur Lippenbekenntnis ist. Den Energieträger*innen, die Schöpfer und Förderer des Neuen sind. Den vielen Frauen, den trotz privaten und/oder beruflichen Gegenwinds nicht die Luft ausgeht.

Mein persönliches Kraftfeld und meinen Respekt schicke ich dieser Tage der Trafikantin, die als Geschäftsfrau wie als Mensch schon so viel Gutes aus ihrem kleinen Laden auf die Straße hinausgetragen hat. Ich hoffe so sehr, dass sie diesen Anschlag überlebt und für sie ein Leben in Selbstbestimmtheit wieder möglich wird. Und vor allem aber wünsche ich ihr ein Leben ohne Schmerzen.

Weiterführender Link: ORF Moderator Stefan Gehrer im Gespräch SHEconomy Chefredaktuerin Michaela Ernst zum Thema Gewalt an Frauen

 

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