Innovation braucht Entscheidungsmut – und mehr Frauen mit Gestaltungsmacht
42 Milliarden Euro Innovationspotenzial, das Deutschland Jahr für Jahr entgehe, weil Perspektiven und Kompetenzen von Frauen nicht ausreichend genutzt werden: Multi-Beirätin und Mentorin Christina Sontheim-Leven brachte bei ihrer Lesung aus dem Buch „Machtgebiete“, das sie gemeinsam mit Bettina Weiguny und Anna Sophie Herken verfasst hat und in dem 50 erfolgreiche Managerinnen ihre Erfahrungen und Live-Hacks teilen, gleich zu Beginn eine ökonomische Dimension in die Debatte. Insgesamt 372 Milliarden Euro Wohlstandsverlust pro Jahr: So hoch beziffern Christina Sontheim-Leven und ihre Mitstreiterinnen die wirtschaftlichen Folgen mangelnder Gleichberechtigung in Deutschland.
Für Sontheim-Leven ist mangelnde Innovationsfähigkeit deshalb nicht ausschließlich eine Frage von Technologie, Kapital oder Forschungsleistung. „Vielleicht haben wir gar keine Innovationsschwäche, sondern eher eine Hörschwäche“, sagte sie. Denn entscheidend sei auch, welche Ideen in Unternehmen überhaupt wahrgenommen würden – und wem Kompetenz zugeschrieben werde. Wie schnell nämlich eine Idee der falschen Person zugeschrieben werden kann, illustrierte sie mit einer Episode aus ihrem Buch: Eine Managerin bringt in einer Besprechung einen Vorschlag ein, der zunächst ohne Reaktion bleibt. Minuten später wiederholt ein männlicher Kollege denselben Gedanken – und stößt auf Begeisterung. Erst der Chef der Managerin interveniert und stellt klar: „To be honest, that’s exactly what Sarah just said.“ Ein kleiner Satz, der die Urheberschaft sichtbar macht und für Sontheim-Leven zugleich zeigt, welche Rolle Verbündete spielen, sowohl unter Frauen, aber auch in der Zusammenarbeit mit männlichen Kollegen.
Innovation sei immer auch eine Frage von Macht, argumentierte sie weiter. Wer Veränderungen anstoßen solle, brauche nicht nur einen Titel, sondern auch Budget, Personal und Entscheidungsbefugnisse. „Was ist denn Innovation anderes als Gestaltungsmacht?“, fragte Sontheim-Leven. Ihr Fazit: „Wer Veränderung, wer Innovation will, braucht Macht und muss sie auch selber wollen und annehmen.“
Dass Netzwerke dabei eine zentrale Rolle spielen, passte zum Rahmen des Abends. she.innovates fand bereits zum dritten Mal gemeinsam mit Page Executive statt. Natalie Schwarz, Commercial Director Germany bei sheconomy, verwies zur Begrüßung auf die gemeinsame Zielsetzung, Frauen in Führungspositionen zu bringen und sie dort zu stärken. Gastgeberin Carolin Gellrich-van Brakel, verantwortlich für Page Executive in Deutschland, Österreich und den Niederlanden, ordnete den Abend zugleich in die Arbeit der Executive-Search-Beratung ein, die Führungskräfte auf Senior-Executive- und Board-Level vermittelt. Moderiert wurde die Veranstaltung von sheconomy-Chefredakteurin Lara Gonschorowski.

Sie diskutierte im anschließenden Panel mit Janine Rensmann (SVP HR Business Partner Product & Technology bei der Deutschen Telekom), Lauren Gesing (Global Market & Customer Activation Manager bei Henkel), Kristina Lazarz (ehemalige Founding Partnerin und Co-Owner sowie Gründerin von MobiLab) und Roksana Siewiorek (Senior Associate & Corporate Innovation Consultant bei PwC) zur Frage, wie Innovation in Unternehmen konkret funktioniert – oder ausgebremst wird.
Kristina Lazarz kennt die Herausforderung aus der Perspektive einer Gründerin. Mit MobiLab entwickelte sie bereits früh Mobile-Payment-Lösungen und arbeitete später unter anderem an Datenplattformen, Cloud-Lösungen und Integrationen für große Unternehmen. Deutschlands größtes Problem sieht sie weniger in fehlender unternehmerischer Freiheit als in der ausgeprägten Risikoscheu vieler Organisationen. Gerade junge Technologieunternehmen seien häufig mit Anforderungen konfrontiert, die sich bei völlig neuen Technologien kaum erfüllen ließen. „Wenn ich immer nur das Alte wähle, dann habe ich keine Chance für das Neue“, sagte Lazarz. Was Unternehmen ihrer Erfahrung nach bei Start-ups mit einkauften, sei nicht nur Technologie, sondern „absolute Dedication“ – die Bereitschaft, ein Problem tatsächlich zu lösen.
Auch Roksana Siewiorek beobachtet bei ihrer Arbeit mit Unternehmen, wie langwierige Analyse- und Abstimmungsprozesse Innovation verzögern können. Vorsicht sei angesichts wirtschaftlicher und geopolitischer Unsicherheiten nachvollziehbar, dürfe aber nicht zum Dauerzustand werden. Entscheidend sei, einen Rahmen zu schaffen, in dem Unternehmen Risiken strukturiert bewerten und dennoch ausprobieren können. „Wir können testen, wir können anfangen, Erfahrungen zu sammeln“, sagte sie. Gerade Kooperationen mit Start-ups sollten allerdings nicht entstehen, weil eine Technologie gerade im Trend liege. Zuerst müsse klar sein, welches Problem ein Unternehmen lösen wolle und wo es künftig stehen möchte. Erst danach stelle sich die Frage, ob die passende Lösung intern, gemeinsam mit einem Start-up, einem Technologiepartner oder sogar mit Kunden entwickelt werde.
Wie stark technologische Innovation gleichzeitig zur Personalfrage wird, beschrieb Janine Rensmann. Die Telekom müsse heute Fähigkeiten für Rollen planen, die sich durch KI in kurzer Zeit stark verändern. „Ich kann den Menschen von morgen nicht an einer Rolle von heute messen“, sagte sie. Daraus folge die Frage, welche Kompetenzen künftig selbst aufgebaut, am Markt rekrutiert oder extern eingekauft werden müssten.
Beim Umgang mit generativer KI setzt die Telekom unter anderem auf eine „Doing Hour“. Die Bezeichnung sei bewusst gewählt, erklärte Rensmann: „Wir haben sie nicht Learning Hour genannt, sondern: Du machst was.“ Beschäftigte sollen die Technologie nicht nur theoretisch verstehen, sondern eigene Anwendungsfälle entwickeln und unmittelbar erleben, wo sie ihre Arbeit erleichtert. Gleichzeitig bleibe menschliches Urteilsvermögen zentral. Ihr Leitgedanke sei deshalb nicht lediglich „Human in the Loop“, sondern „Human in Control“. Kreativität, Kontextverständnis und die Fähigkeit, Entscheidungen einzuordnen, würden mit zunehmender Automatisierung eher wichtiger als weniger wichtig.
Für Lauren Gesing beginnt Innovation auch damit, die eigene Perspektive überhaupt hörbar zu machen. Als sie bei Henkel startete, sei sie gleichzeitig die jüngste Person, einzige Frau und einzige Ausländerin in ihrer Runde gewesen. Anfangs habe sie sich permanent gefragt, wann der richtige Zeitpunkt sei, etwas zu sagen und ob ihre Formulierung richtig sei. Weibliche Führungskräfte, die selbstbewusst ihre Position vertraten, hätten ihr dabei sowohl aktiv, aber auch einfach durch ihre selbstbewusste Art geholfen, ihre eigene Stimme zu finden. „Man weiß manchmal nicht, welchen Einfluss man auf andere hat“, sagte Gesing. Wie konkret dieser Effekt sein kann, erlebte sie, als zwei jüngere Frauen ihr erzählten, dass ihre Sichtbarkeit auf LinkedIn sie dazu motiviert habe, sich bei Henkel zu bewerben.
International sieht Gesing besonders beim Tempo Unterschiede. Bei Reisen nach China habe sie erlebt, wie schnell beispielsweise humanoide Robotik von der Idee in skalierbare Anwendungen überführt werde. Dazu gehöre auch eine größere Bereitschaft, Fehler in Kauf zu nehmen: „Wenn man sagt: schnell skalieren, dann müssen erst mal ein paar Fehler stattfinden.“ Genau hier sah auch Lazarz einen Schwachpunkt in Deutschland. Der hiesige Perfektionismus habe etwa im klassischen Maschinenbau große Stärken hervorgebracht, passe aber nur bedingt zu Innovationszyklen in Software und KI. Unternehmen müssten stärker lernen, früh zu testen und Produkte anschließend weiterzuentwickeln.
Zum Abschluss bat Gonschorowski die Panelistinnen, jeweils eine Innovationsbremse zu benennen, die sie am liebsten sofort beseitigen würden. Lazarz entschied sich für fehlenden Entscheidungsmut. Siewiorek kritisierte „endlose Entscheidungsschleifen“ und plädierte dafür, Innovationsteams tatsächlich die Freiheit zu geben, Entscheidungen zu treffen. Rensmann brachte eine zunächst überraschende Bremse ins Spiel: Erfolg. Gerade erfolgreiche Unternehmen liefen Gefahr, träge zu werden, weil der unmittelbare Veränderungsdruck fehle. Gesing nannte interne Politik und Selbstzweifel – und empfahl als Gegenmittel: „Sei mutig. Probier es einfach mal aus.“