Na bitte, geht doch! Zwei Frauen haben es auch heuer wieder geschafft, einen Nobelpreis zu ergattern. Die kanadische Schriftstellerin Anne Carson erhält den Literaturnobelpreis, die südafrikanische Juristin Navi Pillay den Friedensnobelpreis. Herzlichen Glückwunsch! Bei Medizin, Physik, Chemie und Wirtschaft hingegen bleiben die Herren unter sich. Vier Kategorien – mit insgesamt acht Preisträgern, acht Männern. Eine makellose Bilanz. Jedenfalls aus männlicher Sicht.

Natürlich kann man jetzt einwenden, dass Nobelpreise nicht nach Geschlecht, sondern nach wissenschaftlicher Exzellenz vergeben werden. Sollten sie zumindest. Und selbstverständlich soll niemand einen Nobelpreis bekommen, nur weil er oder sie eine Frau ist. Aber dass sich die herausragenden wissenschaftlichen Leistungen auch im Jahr 2026 derart einseitig auf ein Geschlecht verteilen sollen, macht doch ein wenig stutzig.

Matilda, lässt grüßen!

Zumal die Geschichte der Nobelpreise reichlich Anschauungsmaterial dafür liefert, dass Leistung und Anerkennung keineswegs immer bei derselben Person landen. Da wäre etwa die österreichische Physikerin Lise Meitner, die einen entscheidenden Beitrag zur Erklärung der Kernspaltung leistete. Den Chemienobelpreis erhielt 1944 allerdings ihr langjähriger Forschungspartner Otto Hahn. Oder die britische Astrophysikerin Jocelyn Bell Burnell, die als Doktorandin die ersten Pulsare entdeckte. Als 1974 der Physiknobelpreis für die Entdeckung vergeben wurde, ging er an ihren Doktorvater Antony Hewish und den Radioastronomen Martin Ryle. Burnell ging leer aus.

Die Wissenschaftshistorikerin Margaret W. Rossiter prägte für dieses Phänomen 1993 den Begriff Matilda-Effekt: die systematische Unterschätzung wissenschaftlicher Leistungen von Frauen, deren Verdienste häufig männlichen Kollegen zugeschrieben werden.

Wer glaubt, dabei handle es sich um ein paar bedauerliche historische Ausrutscher, sollte einen Blick auf die Statistik werfen. Eine gerade veröffentlichte wissenschaftliche Analyse zeigt, dass seit der ersten Nobelpreisvergabe im Jahr 1901 rund 1.000 Personen ausgezeichnet wurden – darunter gerade einmal 69 Frauen. Noch schlimmer sind die Zahlen, wenn man sich rein auf die Wissenschaftspreise konzentriert: Hier gibt es nur 30 unter insgesamt 769 Preisträger*innen – vier Prozent! Das kann doch nicht wirklich so sein. Oder man stellt endlich die Frage, ob nicht auch die Mechanismen der Anerkennung Teil des Problems sind.

Damit wären wir bei einem Phänomen, das uns aus der Wirtschaft nur allzu vertraut vorkommt.

Alte Rollenverteilung

Auch in den Vorstandsetagen ist die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern traditionell recht eindeutig geregelt. Frauen sind besonders häufig dort anzutreffen, wo es um Personal, Kommunikation, Marketing oder Nachhaltigkeit geht. Die Verantwortung für Umsatz, Produktion und das große Geld liegt dagegen überwiegend in männlichen Händen. Jedenfalls war das über Jahrzehnte das vorherrschende Muster, das sich nur langsam verändert.

Fast könnte man meinen, dass sich hier eine vertraute Rollenverteilung fortsetzt: Die Frauen kümmern sich um die Menschen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Männer erklären die Welt, entwickeln die Technologien und steuern die Wirtschaft.

Wobei ich keineswegs die Bedeutung des Friedens- oder Literaturnobelpreises schmälern möchte. Im Gegenteil. Wer sich wie Navi Pillay jahrzehntelang im Kampf gegen die Apartheid und gegen Kriegsgewalt an Frauen eingesetzt hat, verdient höchste Anerkennung (auch wenn ihre Auszeichnung wegen ihrer Haltung gegenüber Israel und der gegen sie erhobenen Vorwürfe der Voreingenommenheit teilweise umstritten ist). Und Literatur kann unsere Vorstellung von der Welt mindestens ebenso nachhaltig verändern wie manche technische Erfindung.

Aber es lohnt sich, genauer hinzusehen, nach welchen Maßstäben wir Leistungen bewerten. Und vor allem, wer darüber entscheidet, welche Leistungen als außergewöhnlich gelten.

Das Wissenschaftsmagazin Nature forderte erst vor wenigen Tagen, die Nominierungsverfahren für Nobelpreise breiter aufzustellen. Denn bevor jemand ausgezeichnet werden kann, muss diese Person überhaupt erst vorgeschlagen werden. Und wer vorgeschlagen wird, hängt auch davon ab, wer die Kandidatinnen und Kandidaten kennt, ihre Arbeit wahrnimmt und für preiswürdig hält. Kommt uns bekannt vor, oder?

In Unternehmen funktioniert das nicht grundsätzlich anders. Auch dort reicht es nicht, hervorragende Arbeit zu leisten. Es braucht Menschen, die diese Leistung erkennen, sie sichtbar machen und sich im entscheidenden Moment für jemanden einsetzen. Wer Zugang zu den richtigen Netzwerken hat, wer Fürsprecher*innen besitzt und wem Führungsqualitäten zugetraut werden, hat bessere Chancen, ganz nach oben zu kommen.

Aller guten Dinge sind drei. Wirklich?

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass die diesjährigen Nobelpreisträger ihre Auszeichnungen nicht verdient hätten. Aber vielleicht wäre es an der Zeit, eine weitere Nobelpreisregel zu überdenken: Derzeit dürfen pro Kategorie maximal drei Personen ausgezeichnet werden. Doch heute entstehen wissenschaftliche Durchbrüche häufig in internationalen Forschungsteams, deren Mitglieder über mehrere Länder und Kontinente verteilt sind. Warum also die Zahl nicht zumindest auf fünf erhöhen? Auch damit ließen sich längst nicht alle würdigen Mitwirkenden berücksichtigen. Aber es würde mehr Raum für jene schaffen, die entscheidend zum Erfolg beigetragen haben.

Für Frauen ist das eine Lehre, die weit über Stockholm hinausreicht: Wer darauf vertraut, dass gute Arbeit schon für sich selbst sprechen werde, riskiert, dass am Ende jemand anderer die Dankesrede hält.

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