Die tollsten Dinge aus den Niederlanden sind gelb: Gouda-Käse, Clogs, Tulpen. Und einer der jüngsten Player auf dem hart umkämpften Markt der Ladestationenanbieter: Fastned heißt das holländische Unternehmen, dessen Markenzeichen knallgelbe Dächer mit Knick sind. Manche mögen sie vielleicht auch an Flügel erinnern, tatsächlich sind sie von Windkanälen inspiriert. In jedem Fall verraten Name und Corporate Identity, worum es den Gründern Bart Lubbers und Michiel Langezaal mit ihrer Firma geht: schnell zu sein.

In Deutschland soll ihnen dabei Linda Boll helfen. Die 36-Jährige ist seit vier Jahren Country Director Germany, begann Anfang 2021 als sechster Mitarbeiterin bei Fastned Deutschland, mittlerweile sind es 50. „Ich hatte mich damals auf eine LinkedIn-Stellenausschreibung von Fastned beworben“, erzählt Linda Boll beim Interview, „weil ich total Lust darauf hatte, etwas Neues aufzubauen. In meinem Job davor ging es hauptsächlich darum, zu bewahren, zu verwalten. Ich will aber Dinge verändern, vorantreiben.“ Ihr vorheriger Arbeitgeber kommt im Gegensatz zu Fastned fast wie der Antichrist daher: Es ist der Mega-Konzern Shell. Für den arbeitete sie rund sechs Jahre in Brüssel und Den Haag. War der Wechsel denn damals auch wertegetrieben? „Zum einen wollte ich nach insgesamt zwölf Jahren im Ausland wieder zurück nach Deutschland. Zum anderen hatte ich bei Shell aber auch mein ‚prime‘, also mein Ziel erreicht – es gab keinen Job mehr, den ich danach dort hätte machen wollen“, erklärt sie.

Bei dem Mineralöl- und Erdgas-Giganten kümmerte sich die gebürtige Westerwälderin um Social-Responsilibity-Themen, etwa Clean Cooking: „Viele Frauen in Schwellenländern kochen über offenem Feuer, die Mädchen verbringen den Tag damit, Holz zu sammeln, statt in die Schule zu gehen. Unser Ziel war es, diese Kette zu durchbrechen, indem wir Stromzugang ermöglichen – damit nicht nur das Licht in der Schule leuchtet, sondern die Kinder dort überhaupt erst hingehen können“, erläutert sie und ergänzt: „Das sind natürlich nicht die Themen, für die Shell in erster Linie wahrgenommen wird …“

Das signifikante Fastned-Dach war Linda Boll bereits aus ihrer Zeit in den Niederlanden bekannt: „Bevor ich zu Fastned kam, hatte ich schon mal ‚gelbe Dächer Autobahn‘ gegoogelt, weil ich wissen wollte, was das ist“, erzählt sie. In der Konstruktion sind, wenn möglich, stets Solarpaneele eingebaut

Ganz anders in ihrer jetzigen Position – denn vor allem die Konkurrenz bekommt recht deutlich und direkt mit, was Linda Boll so macht: nämlich für den Ausbau des Fastned-Netzes zu kämpfen. Wenn’s sein muss auch vor Gericht. Da hat sie, an dieser Stelle kurz zusammengefasst, das Monopol der Tank & Rast Gruppe angefochten. Warum sie überhaupt so weit gegangen ist, verdeutlicht sie am besten selbst und damit auch eines der vielen Probleme, das dem schnelleren Ausbau der deutschen Ladeninfrastruktur im Weg steht: „Die Konzessionen für bewirtschaftete Autobahnraststätten mit Tankstellen sind in Deutschland seit 1998, also seit der Zeit der Privatisierung, für 40 Jahre an die Tank & Rast GmbH vergeben – und die betreibt 90 Prozent solcher Standorte. Ist ja in Ordnung, haben wir gesagt, wir wollen ja auch keine Tankstellen betreiben, sondern Ladestationen. Der Bund entschied aber, der Tank & Rast die Konzession einfach um den Betrieb von Schnellladeinfrastruktur zu erweitern – also eine Direktvergabe an vorausgewählte Gewinner statt öffentlicher Ausschreibung. Darin sahen wir einen Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht, weil Laden ein eigenständiges Geschäftsfeld und kein automatischer Bestandteil des Tankstellenbetriebs ist.“

Die quasi erste Instanz, die Vergabekammer des Bundes (übrigens beim Bundeskartellamt eingerichtet), wies Fastned ab, also legte das Unternehmen beim Oberlandesgericht Düsseldorf Klage ein. Das wiederum verwies den Fall zur Klärung eines wichtigen Aspekts an den Europäischen Gerichtshof. Anfang dieses Jahres, nach rund viereinhalb Jahren, gewann Fastned schließlich in Düsseldorf. Und kann sich nun dafür bewerben, an 360 bewirtschafteten Raststätten Ladestationen zu bauen. Dabei ging es ihnen aber nie darum, alle Standorte zu kriegen, betont Linda Boll, sondern darum, Wettbewerb an die Autobahnen zu bringen. Das sei schließlich auch für die Kunden besser. Was macht Fastned denn in ihren Augen besser als die Konkurrenz? „Anders als viele Wettbewerber sind wir komplett unabhängig, gehören nicht zu einem Öl-/Gaskonzern, keinem Stadtwerk und keinem Autobauer. Deshalb sind wir von wiederkehrenden Kund*innen abhängig, was von Anfang an zu einer stark kundenorientierten Ausrichtung geführt hat. Natürlich machen wir uns daher besonders viele Gedanken zur Optik und zum Layout der Stationen, dem gastronomischen Angebot. Wir sammeln kontinuierlich Kundenfeedback – etwa über unsere App – ein, sind mit unserem Customer Support-Team rund um die Uhr erreichbar, bieten neben App-Laden und Ladekarten auch unkompliziertes Ad-hoc-Payment an“, so die studierte Politikwissenschaftlerin.

69 Ladestationen betreibt Fastned bei Redaktionsschluss in Deutschland, wöchentlich kommen neue hinzu. Auf die in der Innenstadt von Garmisch-Partenkirchen in Oberbayern ist die Country Director besonders stolz, sie wurde im Juli mit dem dortigen Bürgermeister eingeweiht. Und illustriert ein weiteres, strukturelles Problem der Elektromobilitätspolitik. „Eine Kommune wie Garmisch kann selbst entscheiden, wem sie Flächen für Ladeinfrastruktur zur Verfügung stellt. In den meisten deutschen Großstädten fehlt dieser Wettbewerb allerdings, weil die Stadtwerke eng mit der Stadtverwaltung verflochten sind und Flächen entsprechend selten ausgeschrieben werden. Wir haben in Garmisch vor allem aufgrund des Konzepts überzeugt: kein Betonklotz, stattdessen Hypercharger ohne Dach, deutliche Kennzeichnung ‚Hier wird geladen, nicht geparkt‘ und gute Nachbarschaftsbeziehungen zum Café gegenüber, das bei der Eröffnung das Catering gestellt hat“, erzählt sie.

Damit sind Linda Boll und Fastned auch ein Beispiel dafür, wie moderne Lobbyarbeit funktioniert: Sie findet nicht mehr nur in Hinterzimmern statt, sondern auch unter einer Discokugel. Die hängt bei Ladestation-Openings nämlich immer unterm gelben Dach.

Linda Boll und Lara Gonschorowski im (unbemannten) Fastned-Kiosk in Gummersbach, der was von einem durchdesignten Späti hat.
NILS REUTER
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