StartBusiness„Ein Gefüge, das größer ist als man selbst“

„Ein Gefüge, das größer ist als man selbst“

Das diesjährige Zukunfts.Symposium in Eferding steht unter dem Schwerpunkt „Optimismus & Liebe. Im Business“. Aber ist dies in einer wachstums- profitgetriebenen Wirtschaft wie der unseren überhaupt möglich? Die Anthropologin und Veranstalterin Bettina Ludwig beruft sich auf das Ur-Gefühl des Menschen von Zusammenhalt und meint, die Welt würde längst darauf „warten, dass wir unsere Herzen öffnen“.

Beginnen wir gleich mit der Frage, die Sie selbst den Teilnehmer:innen am diesjährigen Zukunfts.Symposium, das am 20. und 21. Juni in Eferding stattfindet, stellen: Was ist Liebe in der Wirtschaft und wie kann sie gelebt werden?

Wieviel Menschlichkeit verträgt Erfolg? Gewinnen ohne echte Verbindungen? Das sind Fragen, die für mich zentral sind, wenn wir von Liebe in der Wirtschaft sprechen. Unsere Aufgabe als Menschen ist es, nicht uns an der Welt zu bereichern, sondern die Welt mit uns zu bereichern. Vor allem als UnternehmerInnen ist es an der Zeit uns an dieses Bild wieder zu erinnern und uns daran zu orientieren. Wir prägen Gesellschaft sehr stark mit und tragen deswegen die Verantwortung unsere Handlung zu reflektieren. Ist unsere Form des Wirtschaftens noch zeitgemäß? Sich diesen Fragen sehr ehrlich zu stellen, das ist der Beginn von Liebe in der Wirtschaft.

Unser kommendes Cover-Testimonial, die Trendforscherin Oona Horx, die „Kindness Economy“ als eine mögliche und wünschenswerte Wirtschaftsform der Zukunft anpreist, sagt im Interview: „kindness“ wird selten mit Wirtschaft in Verbindung gebracht. Warum ist das so?

Weil wir uns seit Jahrzehnten andere Geschichten über Wirtschaft erzählen. Wirtschaft ist kühl, zahlenorientiert, emotionslos, getrieben, effektiv, … kindness und Erfolg ging im Business Kontext nie zusammen, weil Erfolg sich nicht über den Weg definiert hat, sondern ausschließlich über das Ziel. Wie man zum Ziel kam bzw. kommt war irrelevant, die Ergebnisse zählten. Wir haben es dadurch geschafft Wirtschaft und Menschlichkeit auseinander zu dividieren. Der Abstand zwischen Menschheit und Menschlichkeit wurde dadurch immer größer.

Sie sind Anthropologin und forschen immer wieder beim Stammesvölkern in Afrika. Gibt es in diesen „Jäger und Sammler“-Kulturen mehr Liebe bzw. „kindness“?

Es gibt ein klares Gefühl von Zusammengehörigkeit. Jäger-Sammler-Gesellschaften, das heißt Gesellschaften mit ein paar hundert bis ein paar Tausend Menschen, brauchen ein starkes Communitygefüge, um zu funktionieren. Was heißt das? Die Menschen leben in Strukturen, in denen jeder etwas beitragen darf. Jeder will das auch, denn dazu sind wir gemacht. Wir sind darauf „programmiert“, einen Beitrag leisten zu wollen. Bekommen wir diese Möglichkeit stellt sich ein Gefühl von Zugehörigkeit ein. Dieses vermittelt uns wiederum, dass wir Teil einer Gemeinschaft sind, Teil eines größeren Ganzen. Und wenn man nun mit diesem Gefühl und in diesem Modus durchs Leben geht, dann ist die Liebe omnipräsent. Liebe, das bedeutet ein Gefühl dafür zu haben, dass es letztendlich nicht um einen selbst geht, sondern immer um ein Gefüge, das größer ist als man selbst. In der südafrikanischen Ubuntu Philosophie sagt man dazu: I am, because we are.

Durch die Einführung der ESG-Reportings bewegt sich zumindest ein bisschen was in eine sozialere Richtung, also – überspitzt ausgedrückt – in Richtung „Liebe“. Gleichzeitig ist damit eine weitere Bürokratisierung verbunden. Kann „gute“ Wirtschaft nur auf diesem Weg erreicht werden?

Solche Richtlinien sind gut und wichtig. Dennoch muss man tiefer gehen und sich fragen, was der Motor für solche Entwicklungen ist. Wenn beispielsweise Gier der Motor eines Menschen oder größer gedacht, eines Unternehmens, ist, dann ist der positive Effekt derartiger Richtlinien hinfällig. Es braucht einen sehr ehrlichen Blick auf die Idee von wirtschaften an sich, wenn wir Systeme neu denken wollen. Es gilt es an der Wurzel, am Fundament, zu arbeiten, anstatt an den Symptomen.

Wie erklärt man „Liebe in der Wirtschaft“ einer Konzernführung?

Meine Erfahrung ist, dass man da meist sehr wenig erklären muss. Man spricht es aus und an. Dann kommt ein Moment des Staunens und überrascht seins und dann beginnt ein Gespräch über das Leben, das Mensch sein, unsere Welt. Ich nenne es „Liebe in der Wirtschaft“, weil es auf eine Art provoziert und dadurch wach/aufmerksam macht. Andere sprechen von kindness economy, andere vom „notwendigen Wandel“. Unabhängig von der Wortwahl löst das Aufmachen dieses Themenfeldes etwas im Gegenüber etwas aus. Die Menschen spüren, was ich meine. Gerade die Konzernführung spürt diese Sehnsucht nach mehr Menschlichkeit oft ganz stark, weil dort die Strukturen meist noch am starrsten sind. Die Menschen darin sehen sich nach Menschlichkeit und wenn jemand genau das ausspricht wird es meist als Geschenk angenommen. Vor 10 Jahren wäre das noch ganz anders gewesen. Heute fordert uns die Welt in der wir leben regelrecht dazu auf, unsere Herzen zu öffnen.

Es gibt ja auch vermehrt kritische Stimmen, die bemängeln, wir würden bereits in einer zu emotionalisierten Zeit leben und daher alle wieder etwas mehr Sachlichkeit und Faktenbezogenheit vertragen. Was sagen Sie denen?

Ich bin Wissenschaftlerin und habe einen sehr realistischen und pragmatischen Zugang zu den Dingen. Als Wissenschaftlerin weiß ich aber auch, dass Emotionen oder etwa Mitgefühl den Menschen eben einfach ausmachen. Meine Forschungen über die letzten 300.000 Jahre Menschheitsgeschichte zeigen ganz eindeutig, dass der Mensch in seinem Ursprung Wissenschaftler war und immer noch ist (Spurenlesen ist der Ursprung von Wissenschaft, beschreibe ich in meinem Buch). Ich fordere also ebenfalls Fakten. Gleichzeitig fordere ich aber auch einen ganzheitlichen Blick auf den Menschen, der alles in die Gleichung miteinbezieht, wenn wir uns die Frage stellen, wie kann Mensch sein und wirtschaften einhergehen?

Bei ihrer diesjährigen Veranstaltung haben sie als Speaker: Dream-Developer, die Gründerin einer Jobplattform für neurodivergente Menschen, die Gründerin einer Kommunikationsplattform für Menschen, die von einer modernen digitalen Welt weitestgehend ausgeschlossen sind … Nach welchen Kriterien stellen Sie das Programm zusammen?

Als Anthropologin versuche ich den Blickwinkel immer so weit einzustellen wie möglich. Ich habe selbst immer wieder gemerkt, dass wir von den gefühlt am weitesten entfernten Welten am meisten über die eigene Lebenswelt lernen können. Denn die Distanz bzw. das Rauszoomen hilft uns dabei aus einer „sicheren Perspektive“ auf die eigenen Abläufe zu schauen und sie kritisch zu hinterfragen. Ich bin überzeugt davon, dass wenn wir Wirtschaft und Unternehmensstrukturen wirklich neu denken wollen, wir die Antworten nicht im System sondern außerhalb finden. Deswegen freue ich mich über Ubuntu zu sprechen, mit einer Ordensfrau über den Kreislauf des Lebens zu philosophieren, VorständInnen und junge Changemaker diskutieren zu lassen und Dream-Developer, die seit 17 Jahren frei von Geld leben Geschichten teilen zu lassen. Mir ist wichtig Menschen das Wort zu erteilen, die mit dem Herzen sprechen, die sich weit aus ihren Komfortzonen hinausbewegt haben um für uns alle zu lernen, und die gleichzeitig einen unternehmerischen Spirit in sich tragen.


„Visionäre, Entscheidungsträger, Unternehmen“

Das bietet das Zukunfts-Symposium 2024

Das Zukunfts.Symposium findet dieses Jahr bereits zum dritten Mal im oberösterreichischen Eferding statt. Ziel von Initiatorin Bettina Ludwig ist es, Strukturen zu schaffen, die es Menschen ermöglichen würden, „bedingungslos zu geben“. Sie sowie die Co-Initiatoren Ali Mahlodji und Martina Kapral arbeiten mittlerweile mit einem Team von über 30 freiwilligen Community Mitgliedern, die sich individuell einbringen. Interessant für Ludwig zu beobachten: In einer viel zu schnellen Welt würden es die Menschen doch auch schaffen, „plötzlich“ Zeit zu haben. „Mittlerweile kommen so viele Visionäre, Entscheidungsträger und Unternehmen auf mich zu und wollen dabei sein und von uns lernen“, freut sie sich über ihre Intuition, den richtigen Zeitpunkt für solch ein Projekt er-fühlt zu haben. „Ich sehe hier sehr großes Potential in diesem Projekt in bin in großer Vorfreude auf die nächsten Jahre.“ Beim diesjährigen „kollektiven Fest dieser Kraft“ sprechen:

WAKANYI HOFFMAN, international renommierte Speakerin zu Ubuntu-Philosophie, afrikanisch indigenem Wissen, globale Nomadin, 4-fach Mutter, Co-Founder HumanityLink

ELLA KATZENSCHLÄGER, junge Zukunftsaktivistin, Gründerin Universität des Lebens, Reisende und Lernende

ANNA MARTON, CEO Amazing15 – Förderung der Stärken neurodivergenter Menschen am Arbeitsplatz

MELANIE WOLFERS, Ordensfrau, Bestseller-Autorin, Podcasterin, die es liebt sich den großen Fragen des Lebens zu stellen

STEVE RICHARDS, Anthropologe, globaler Nomade in 60+ Ländern; Überlebender einer Nahtoderfahrung, früher humanitäre Hilfe, seit 2020 in London, Gründer Storytelling Agentur JAGO

ALI MAHLODJI, Unternehmer, Philosoph der Arbeitswelt, EU-Jugendbotschafter, Podcast Host, Autor, Gründer FutureOne Heroes

HARALD KATZENSCHLÄGER, Dream Developer, Visionär, Pionier, seit 17 Jahren unterwegs, um die Leben von 1000en Menschen zum positiven zu verändern, currently: Pilger

HERMANN GAMS, Dream Developer, Visionär, Pionier und überzeugt: the best ist yet to come!

BETTINA LUDWIG, Kulturanthropologin, Jäger Sammler Forscherin, Autorin, Gründerin Zukunfts.Symposium

Weitere Programmdetails und Anmeldung unter: https://www.zukunftssymposium.at/programm2024

Fotomaterial(c) Andrea Sojka
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