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„Diversität geht ans Eingemachte“

Ihr erstes Buch mit dem Titel „Die Schönheit der Differenz“ nennt sie ein Wagnis: Die Journalistin, Politikwissenschaftlerin und Moderatorin Hadija Haruna-Oelker gibt viel von ihrer Geschichte als Tochter eines ghanaischen Vaters und einer deutschen Mutter preis. Ihre Biographie verflicht sie mit geschichtlichen und gesellschaftspolitischen Gedanken zu den Themen Rassismus, Intersektionalität und Diskriminierung. Im Interview spricht sie darüber, was die Schönheit der Differenz ausmacht und wie wir sie mehr zu schätzen lernen. Im Oktober kommt Haruna-Oelker mit ihrem Buch zur herCAREER-Expo nach München.

Dieser Artikel erschien am 29. Juni 2022 auf her-career.com.

Hadija, wenn Menschen anders sind als wir selbst, ist das nicht immer einfach. Warum ist Differenz aus Deiner Sicht schön?

Die Schönheit der Differenz ist eine unübliche Wendung. Im ersten Moment sagen viele „Mensch, ist doch schön, dass wir unterschiedlich sind“. Gleichzeitig sehen wir aber in der Gesellschaft, dass Diskriminierung in jeglicher Form an der Tagesordnung ist. Das heißt, unsere Unterschiedlichkeit beziehungsweise die Bedürfnisse, die sich daraus ableiten, werden oft nicht akzeptiert oder sie sind zumindest schwer zu bewältigen. Mit diesem Spannungsfeld spiele ich und suche einen positiven Zugang zu gesellschaftlichen Fragen. Für mich ist Differenz schön, weil ich Unterschiede bereichernd finde. Es ist eine Frage der Sozialisation, aber auch der persönlichen Haltung, die sich entwickeln lässt. Das bedeutet, Unterschiede zu verstehen und aushalten zu lernen – die eigenen und die der anderen.

Meistens suchen wir lieber die Gesellschaft von Gleichgesinnten, also von Menschen, die uns irgendwie ähnlich sind…

Ja, aber was glauben wir denn, wer uns ähnlich ist? Wir haben gelernt, Menschen gesellschaftlich und geschichtlich zu kategorisieren in „Wir“ – also die, die zu uns gehören – und „die anderen“. Vieles passiert unterbewusst. Doch kann ich einem Menschen nicht ansehen, ob, wie viele und welche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede wir haben. Viele Merkmale oder Lebensrealitäten sind unsichtbar. Wie wir begehren, welcher Klasse wir angehören oder nehme wir das Thema Neurodiversität. Die verschiedenen Ebenen der Differenz versuche ich in meinem Buch zu beleuchten und nebeneinander zu stellen. Ich tue das anhand meiner eigenen Geschichte und der von anderen Menschen, die mich in meinem Leben begleitet haben. Wenn wir die gelernten Kategorien verlernen, können wir uns in anderen spiegeln, uns mit mehr Offenheit begegnen. Und das heißt auch, sich selbst die Möglichkeit geben, zu erkennen, was man nicht wusste.

„Wenn man ein Verständnis für sich selbst und seine Position in der Welt hat, ist es leichter, sich auf andere einzulassen“

Du bezeichnest Dich unter anderem als Schwarze Frau. Was heißt das für Dich genau?

Ich bin eine Schwarze, cis-hetero Frau und ich habe als Kind aus einer Arbeiter- und Angestelltenfamilie einen Klassenaufstieg erlebt. Mein Aussehen und mein Frausein sind zwei Merkmale, mit denen Menschen Diskriminierung erfahren können – aufgrund von Anti-Schwarzen-Rassismus und Sexismus. Schwarz zu sein bezieht sich für mich aber nicht auf die Hautfarbe, eben weil es eine Konstruktion ist. Dahinter liegt ein politisches Verständnis von Schwarzsein: Egal, ob dark skinned, light skinned, oder andere Unterschiede, die Schwarze Menschen haben: Alles bezieht sich auf Erfahrungen, die damit verbunden sind. Und während ich damit auf der einen Seite Diskriminierung erfahre, habe ich gleichzeitig auch viele Privilegien. Zum Beispiel bin ich nicht behindert oder identifiziere mich mit meinem mir von Geburt an zugewiesenen Geschlecht.

Hattest Du dieses klare Bewusstsein schon immer oder gab es diesbezüglich einen Schlüsselmoment in Deinem Leben?

Mein Vater ist noch während der Kolonialzeit in Ghana geboren und später nach Deutschland migriert. Er ist dark-skinned und hat dadurch Rassismus in anderer Form als ich, da ich light-skinned bin. Meine Eltern haben versucht, mich zu empowern und zu bestärken. Aber sie hatten damals noch keine Sprache dafür. Ich fand sie erst mit 16 Jahren. In einem Praktikum habe ich das Buch „Farbe bekennen“ in die Hand bekommen, herausgegeben von Katharina Oguntoye, May Ayim und Dagmar Schultz. Es gilt als das Standardwerk der Schwarzen Bewegung in Deutschland. Damit begann mein Bewusstwerdungsprozess. Mein Studium der Politikwissenschaft und der Geschichte von Rassismus hat mein Wissen über das System vertieft. So bekam ich eine Idee von mir selbst. Und mit diesem Bewusstsein war ich in der Lage, auf die Seite derer zu wechseln, die ich nicht bin. Ich habe mir entsprechende Wissen über die Jahre angeeignet, aber auch durch Begegnungen und Zuhören viel erfahren. Ich glaube, wenn man ein Verständnis für sich selbst und seine Position in der Welt hat, ist es leichter, sich auf andere einzulassen und zuzulassen, dass wir alle viel zu verlernen haben.

Du sprichst in Deinem Buch eher ironisch von einem „großen Versprechen“: Alle, die sich genügend anstrengen, könnten es beruflich schaffen. Bist du das Paradebeispiel, dass das Versprechen stimmt? Schließlich bist Du eine erfolgreiche Journalistin.

Sicherlich kommt man weiter, wenn man sich anstrengt. Aber das Versprechen stimmt trotzdem nur bedingt. Die Zugänge zu wichtigen Positionen in der Arbeitswelt sind unterschiedlich. Es ist eine Frage der Strukturen: Wer darf wo rein und wer weiß, wie das geht? In etablierte Räume zu gelangen hat auch viel mit Habitus zu tun. Oft fehlen nicht nur das Wissen, sondern auch die Netzwerke, die einem die Brücken im Berufsleben bauen.

Bei Dir war das aber anders, oder?

Ich hatte das Glück Begegnungen zu haben, die mir oft ein Wegweiser waren. Mit 20 fing ich an zu studieren und habe kellnernd meine schlecht- oder unbezahlten Praktika mitfinanziert. Dabei traf ich Menschen, die mir sagten, wie es gehen könnte. Mit 28 absolvierte ich dann ein Volontariat an einer Journalistenschule, wie mir geraten wurde. Als ich angenommen wurde, war erst einmal unklar, wie ich das finanzieren würde. Ab dem Zeitpunkt begann die Auseinandersetzung damit, wer ich als Journalistin bin. Ich war oft die erste und die einzige meiner Art. Manche empfanden mich als störend, weil ich mit bestimmten Themen zu Redaktionssitzungen kam und nicht lockergelassen habe. Rassismus wurde damals nicht gesehen, schon gar nicht als Fachgebiet. Doch ich bin beharrlich geblieben, wenn es schwierig wurde. Und dabei hatte ich auch immer wieder Menschen um mich herum, die meine Arbeit gut fanden.

„Ich bin beharrlich geblieben, wenn es schwierig wurde“

Du hattest also immer wieder Mentor:innen. Hast Du diese gezielt gesucht?

Das war oft Zufall. Einige Menschen haben den Wert meiner Arbeit gesehen. Kämpfen musste ich trotzdem, gegen gläserne Decken. Es gab einige Netzwerke, die wir damals erst noch etablieren mussten, wie etwa die Neuen Deutschen Medienmacher*innen. Wir haben uns zusammengetan, um für einen kritischen und verantwortungsbewussten Journalismus einzustehen und Zugänge für diejenigen zu schaffen, die es alleine nicht schaffen. Später wurde ich dann selbst Mentorin. 

Im Journalismus lernt man, dass man sich nicht gemein machen sollte mit einer Sache und sei es eine Gute. Also objektiv bleiben, sich nicht auf eine Seite schlagen. Wie hältst Du es damit?

Leider wird das oft falsch gedeutet beziehungsweise gerne als Abwehrmechanismus verwendet, wenn es zum Beispiel um Rassismus geht. Dieser Leitspruch war ein Grund, warum es gedauert hat, meine Rolle im Journalismus zu finden. Nämlich zu erkennen, dass kein Journalist und keine Journalistin neutral ist, was Diversität und Diskriminierung angeht. Doch wurde mir damals oft gesagt, dass ich nicht über Rassismus-Themen berichten könne, weil ich betroffen sei. Wer aber gilt demnach als Expert:in beziehungsweise was macht das Fachwissen aus? Zumal wir alle von Rassismus betroffen sind, in dem Sinne, dass wir damit sozialisiert werden und dadurch später systemisch Nachteile haben oder profitieren. Ich bin gegen Rassismus, weil es ein Menschenrecht ist, nicht diskriminiert zu werden, was im Grundgesetz festgehalten wird. Das widerspricht nicht den journalistischen Kernskills. Menschen vielperspektivisch zu befragen, eine Meinung als solche zu kennzeichnen. Auf Transparenz und Verantwortungsbewusstsein zu achten, also einen „Responsible Journalism“ zu verfolgen, lege ich großen Wert. Denn im Alltag stelle ich immer wieder das Gegenteil fest.

Was meinst Du mit „Responsible Journalism“ genau?

Journalist:innen sind mit Macht ausgestattet, weil sie die Meinung und Diskurse, Fragen und Framings gesellschaftlicher Debatten mitbestimmen. Verkürzt formuliert: Je etablierter, desto stärker das gefühlte Deutungsrecht. Daraus ergibt sich für mich eine Verantwortung, der Medienschaffende gerecht werden müssen. Wir brauchen einen Journalismus, der alle abbildet und damit auch das Thema Diversitätsbewusstsein als fachliches Handwerk versteht und in die Arbeit übersetzt.

„Mir wurde gesagt, dass ich nicht über Rassismus-Themen berichten könne, weil ich betroffen sei. Wer aber gilt demnach als Expert:in beziehungsweise was macht das Fachwissen aus?“

In der Debatte um Identitätspolitik kommt immer wieder der Vorwurf einer „Cancel Culture“ auf. Aus Political Correctness verhindere man auch Vieles. Was sagst Du dazu?

Das sind für mich Versuche, mit Schlagworten politische Framings zu setzen, um zu verhindern, dass wir uns mit dem Kontext dahinter auseinandersetzen. In meinem Buch nenne ich das Gegenstück dazu „Consequence Culture“, also über die Folgen gesellschaftlicher Handlungen nachdenken. Der Medienbetrieb ist eben auch ein politischer Ort, weil darin Menschen arbeiten, die Privates mitbringen. Je diverser also der Austausch darüber, wie ein konstruktiver Journalismus funktionieren kann, desto komplizierter wird es zwar, aber auch umso differenzierter. Dafür braucht es eine entsprechende Ausbildung in diversitätsbewusster Berichterstattung. Beim Hessischen Rundfunk hat sich zum Beispiel die Voluntär:innen-Ausbildung mit einem Schwerpunkt in diese Richtung verändert. Auch in anderen Medien gibt es Auseinandersetzungen darüber, wie man einen Journalismus für alle entwickeln könnte, um schlussendlich bessere Geschichten zu erzählen. Und dazu gehört es auch, dass die Redaktionen heterogener sind.

In Deinem Buch berichtest Du von einem Projekt beim Hessischen Rundfunk: Du begleitest ein Team, das zu einer diskriminierungssensiblen und diversitätsbewussten Veränderung der Redaktionsarbeit und -entwicklung in den Teams beitragen soll. Was passiert da genau?

Viele Unternehmen haben die Charta der Vielfalt unterschrieben. Sie verpflichten sich, Vielfalt anzuerkennen und sich dafür einzusetzen. Aber in der Praxis wissen sie oft nicht, wie sie das umsetzen sollen. Viele haben nicht verstanden, dass es zunächst um einen Denkraum geht. Es braucht eine persönliche Auseinandersetzung, bevor man das im Betrieb diskutieren kann. Denn dabei werden die Weichen gestellt. Diversität geht ans Eingemachte, aber wenn dieser Schritt gegangen ist, kann die Organisationsentwicklung folgen. Dann geht es an die Struktur, weil es ein gemeinsames Einverständnis und Verständnis gibt. Wenn Abläufe und Routinen verändert werden sollen, die Machtverhältnisse reproduzieren, braucht es auch ein Teambuilding, das sich mit Gesellschaftsgeschichte auseinandergesetzt. Einen solchen Prozess haben wir an verschiedenen, kleinen Orten beim Hessischen Rundfunk gestartet und sind damit noch sehr am Anfang. Ehrlicherweise kommt dazu auch ein wirtschaftlicher Druck, sich mit dem Thema zu beschäftigten. Denn die Zukunft von morgen ist divers und digital.

Welche Rolle spielt dabei die Repräsentanz von Menschen mit bestimmten Merkmalen – zum Beispiel über eine Regelung wie die Quote?

Repräsentation ist ein Baustein. Menschen, die bisher nicht stattgefunden haben, sind damit wahrnehmbar und schaffen Selbstverständlichkeiten. Aber erst wenn es mehrere sind. Erst dann löst sich ein homogenes Gruppendenken von „die sind immer so“ auf. Ohne Repräsentanz ist keine Identifikation möglich. Diversität ist eben auch ein Sozialisierungsthema. Schon Kinder suchen Menschen, in denen sie sich spiegeln können – in Büchern, in der Schule und auch in den Medien. Aber bei nachhaltiger Veränderung geht es um die Struktur, um die Abläufe, die man in Frage stellt: Wer wird ins Vorstellungsgespräch eingeladen? Welche Themen ermöglichen Identifikation? Wie kann man über Diskriminierung überhaupt sprechen? Gibt es dafür Orte und Beauftragte? Es geht um einen kritischen Sprachraum, der zeigt: Wir machen uns Gedanken und sehen das Problem. Und das geschieht mithilfe einer Quotendiskussion. Da wir darüber ins Sprechen über die Probleme kommen.

Führt die Dauerdebatte über Diversity nicht auch zur Überhitzung des Themas und zu einer inhaltlichen Entleerung?

Diversität liegt für viele jetzt im Trend und das ist seltsam. Es ist ja ein Menschenrecht und nicht etwas das man mal macht, mal über einen Kuchen streut. Deshalb sollten wir uns aktiv mit Differenz und Diskriminierung beschäftigen: Verstehen wollen, wie Systeme von Organisationen und ihre Regeln entstanden sind und unser Heute bestimmen. Einzelne Maßnahmen wie klare Ziele sind wichtig, ebenso sie zu überprüfen. Es braucht klare Signale, an denen sich Unternehmen messen lassen könnten.

Repräsentanz – zum Beispiel von Frauen – heißt aber noch lange nicht, dass sie und ihresgleichen inkludiert sind und keine Diskriminierung mehr erfahren…

Nein, deshalb braucht es auch ganz offizielle Orte, an denen Diskriminierung zum Thema gemacht wird. Diversität zu leben geht in unserer Gesellschaft nicht, ohne sich ihrer negativen Folgen für manche zu stellen. Eine Person in Repräsentation verändert keine Struktur. Sie kann sich nur in Kämpfe begeben. Es braucht mindestens drei bis eine Normalisierung eintritt – das zeigt auch die Forschung. Erst dann werden unsere Unterschiede zur Normalität. Sie lösen sich damit nicht auf, aber eine „neue Norm“ kann zum Alltag werden. Der Weg dorthin wird Systeme in Irritation bringen, aber sie gehört dazu, wenn wir unser Miteinander neu aushandeln möchten. Dann setzt ein ehrlicher Veränderungsprozess ein, der auch heißt, Unterschiede auszuhalten.

„Repräsentation ist ein Baustein. Menschen, die bisher nicht stattgefunden haben, sind damit wahrnehmbar und schaffen Selbstverständlichkeiten.“

Diversität ist auch eine Verteilungsfrage. Das heißt, in hierarchischen Systemen gibt es nur eine begrenzte Anzahl an begehrten Plätzen, die mit viel Macht ausgestattet sind – zum Beispiel im Vorstand. Machtkämpfe sind da programmiert…

Ja, die Veränderung hin zu mehr Diversität bedeutet für viele, Macht abzugeben oder zumindest zu teilen. Das ist es, was viele Menschen, die aktuell wichtige Positionen bekleiden, bewusst oder unbewusst ablehnen. Daher rührt der Widerstand gegen mehr Diversität. Und für diejenigen, die anerkennen, dass neue Machtstrukturen nötig sind und sie jetzt Platz machen sollen, kann das auch erst einmal schmerzhaft sein. Nämlich zu sehen, dass ich nicht mehr selbstverständlich auf Platz 1 stehe, sondern jetzt erst einmal andere dran sind, die nicht am Zug waren.

Wie kann man aus dieser schmerzhaften Erfahrung etwas Schönes machen, um nochmal auf den Titel Deines Buchs zurückzukommen?

Indem man sie als Teil des eigenen Werdungsprozesses verarbeitet. Zur eigenen Emanzipation und Weiterentwicklung kann zählen, seine gesellschaftlichen Positionen zu kennen – also die privilegierten und die benachteiligten. Diese Haltung verändert die Begegnungen. So sind in meinem „Wohnzimmer“, wie ich es nenne, heute ganz unterschiedliche Menschen. Ich feiere die Differenz mit Menschen aller Art aus allen möglichen Blasen. Mein Job bestärkt diese Begegnungen sicherlich. Aber es ist mein Privates, mit wem ich mich über die Jahre verbunden habe. Das hat sicherlich auch mit eben dieser Haltung zu tun. Diese bringt mich immer wieder zu neuen Erkenntnissen. Das erleichtert es mir, zu teilen. Man nennt das Powersharing.

Hast Du mal ein Beispiel, wie Du das praktizierst?

Zum Beispiel hieß es, als das Gedicht von Amanda Gorman zu übersetzen war, dass es eben zu wenig oder keine qualifizierten Schwarzen Übersetzerinnen gäbe. Ich habe dann mit anderen eine Liste mit Namen erstellt, die sonst nicht gefragt werden, weil ihnen der Zugang zu den etablierten Räumen fehlt. Es bedeutet für mich also, Bühnen zu teilen. Platz machen heißt nicht, dass man seinen eigenen Platz verliert, sondern dass man die eigenen Privilegien sinnvoll nutzt. Es bedeutet auch, achtsam zu sein, wenn die Benannten nicht im Raum sind. Zum Beispiel, wenn jemand etwas Ableistisches sagt, also etwas, das behinderte Menschen diskriminiert, dass ich das als nicht behinderter Mensch benenne. Sensibel sein, Mitgefühl zeigen, den Schulterschluss suchen und sich emanzipativen Aspekten verpflichtet fühlen – all das ist eine Form von Powersharing.

Theoretisch stimmen da sicher viele zu. Aber im Job nervt es schnell, wenn man im Alltagsstress steckt und jemand sich nicht richtig gesehen, falsch bezeichnet oder diskriminiert fühlt. Hast Du Tipps, wie man damit gut umgehen kann?

Sich erst einmal kurz bewusst machen, woher das Genervtsein kommt. Wenn man denkt, die sind doch überempfindlich, sich fragen, ob man vom Narrativ der einfach geführten Debatten gesteuert ist – nach dem Motto, „Jetzt darf ich hier gar nichts mehr sagen!“. Dieser Standardsatz fällt ja immer wieder. Und schnell wird darauf zurückgegriffen anstatt sich dem Gefühl dahinter zu widmen, das oft mit Scham und Schuld verknüpft ist. Im Buch schreibe ich über Emotionen, über das Beschämtsein und Beschämtwerden. Es ist ein sehr persönlicher und intimer Weg, das in Bezug zu setzen. Und sich dann spontan dahingehend zu öffnen und innezuhalten, ist ein Weg. Wie schön wäre es, im Team mit diesen Gefühlen umgehen zu lernen und gemeinsam zu reflektieren, wie man miteinander kommunizieren möchte. Sich selbst und den Bedürfnissen der anderen zugewandt sein. Dankbar sein für Dinge, die man neu dazulernen kann, weil kein Mensch alles auf dem Schirm haben kann.

Wirst Du auch manchmal darauf aufmerksam gemacht, dass Du nicht sensibel genug kommunizierst? 

Ja, gerade ich! Weil ich einen hohen Anspruch habe. Ich bin natürlich auch in Kreisen unterwegs, die in einer sensiblen Sprache sehr weit vorzudringen versuchen. Mein Buch war damit auch ein Wagnis, weil ich mich selbst als Lernende verstehe und viele Fehler, die ich mache, noch mehr durchdringen musste und wollte als andere. Zudem forsche ich nicht wissenschaftlich zu Intersektionalität und Rassismus, sondern möchte als Journalistin die Erkenntnisse verständlich übersetzen. Darum habe ich mich für die Form meines Buches entschieden: Ich wollte über meine persönliche Geschichte Sachwissen vermitteln und einen Chor an Menschen aufzeigen. Und verschiedene Ebenen und Themen nebeneinanderlegen und zeigen, was alles gleichzeitig in unserer Gesellschaft passiert.

„Diversität zu leben geht in unserer Gesellschaft nicht, ohne sich ihrer negativen Folgen für manche zu stellen.“

Hat sich dieses Wagnis für Dich gelohnt? Wie ist bisher das Feedback auf Dein Buch?

Ja, ich habe bisher viele tolle Rückmeldungen bekommen und viele zum Teil sehr persönliche Gespräche geführt. Auch die Nominierung zum Leipziger Sachbuchpreis hat mich mehr als gerührt. Genau das hatte ich mir gewünscht, dass mein Buch etwas in den Menschen bewegt.

Du wirst Dein Buch im Oktober auf der herCAREER-Expo vorstellen. Dahinter stehen eine Plattform und eine Community, die Frauen in ihrer Diversität zusammenbringen möchte. Wie wichtig ist Dir so etwas, wenn Du irgendwo auftrittst?

Es gibt keinen Raum, den ich nicht betreten oder wo ich nicht lesen würde – außer solche, in denen Menschen-Feinde sind. Ich war schon an allen möglichen Orten: in Stadtbüchereien oder auf der Digitalkonferenz re:publica, in Großstädten oder in kleinen Dörfern. Denn Differenz und Diskriminierung sind überall ein Thema.

Am Freitag, 7. Oktober 2022, um 15.45 Uhr kommt Hadija Haruna-Oelker mit ihrem Buch „Die Schönheit der Differenz“ zum Authors-Meetup der herCAREER-Expo. Die Messe für die weibliche Karriere findet im Veranstaltungscenter MOC München statt.   


Über Hadija Haruna-Oelker

Die Politikwissenschaftlerin Hadija Haruna-Oelker, geboren 1980, lebt und arbeitet als Autorin, Redakteurin und Moderatorin in Frankfurt am Main. Hauptsächlich arbeitet sie für den Hessischen Rundfunk. Sie moderiert das Debattenformat „StreitBar“ in der Bildungsstätte Anne Frank und die Römerberggespräche in Frankfurt und den feministischen Pressetalk „Wir können auch anders“ der Heinrich-Böll-Stiftung. In der Frankfurter Rundschau schreibt sie eine monatliche Kolumne. Hadija Haruna-Oelker hat den Sammelband „Spiegelblicke – Perspektiven Schwarzer Bewegung“ mit herausgegeben und gemeinsam mit Kübra Gümüşay und Uda Strätling das Gedicht „The Hill We Climb“ von Amanda Gorman übersetzt. Darüber hinaus ist sie im Journalist:innenverband Neue Deutsche Medienmacher*innen und in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland aktiv.

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