StartBalanceTravelDie Reisebranche im Umbruch: Auf ein Wort mit Stefanie Berk

Die Reisebranche im Umbruch: Auf ein Wort mit Stefanie Berk

Die Reise- und Tourismusindustrie ist von der Pandemie betroffen wie fast keine andere Branche. Und obwohl in der Industrie gleich viele Frauen und Männer arbeiten, liegt der Frauenanteil unter den CEO‘s nach einer Erhebung des World Tourism Forum Lucerne lediglich bei fünf Prozent. Die Frauen, die in der Branche den Ton angeben, haben sich den Fragen von SHEconomy gestellt. Tenor: Licht am Horizont – ein Land sitzt auf gepackten Koffern. Nach langen Monaten der Pandemie – isoliert und mit Angst vor Kontakten im Nacken – macht sich langsam ein Gefühl der Erleichterung breit. Wie erleben die Top-Managerinnen der Branche diese Zeiten?

Stefanie Berk gilt als eine der profilierten Managerin der deutschen Reiseindustrie. Seit 2020 verantwortet sie das Marketing-Ressort im Vorstand der DB Fernverkehr AG. Davor war sie von 2015 bis 2020 Geschäftsführerin von Thomas Cook in Deutschland und Managing Director Thomas Cook Central / Eastern Europe. Seit Mai 2017 hatte Frau Berk zusätzlich die Aufgaben des Bereiches Yield & Product übernommen. Die Geschäftsführer der deutschen Tochtergesellschaften Bucher Last Minute, Öger Tours sowie Tourvital berichteten direkt an Frau Berk.

Frau Berk – zurückblickend auf die vergangenen Monate: was würden Sie heute als die größte Enttäuschung bezeichnen?

„Ich hätte mir gewünscht, dass wir uns in Deutschland im letzten Sommer besser auf den Winter und die zweite Welle vorbereiten. Die Folge war ein gefühlter Endlos-Lockdown, der viele mürbe gemacht hat. Als Mutter habe ich auch die sehr schwierige Situation mit Kindern unmittelbar gespürt und miterlebt. In meinem Fall waren es die Schulschließungen, die mich vor ganz neue Herausforderungen gestellt haben. Gerade für eine ‚Bildungsnation‘, deren Zukunft die junge Generation ist, ist da noch Luft nach oben.“

Und – gibt es eine positive Erkenntnis, die Sie aus der Pandemie für sich und die Deutsche Bahnmitnehmen?

Was mich stolz macht, war der starke Zusammenhalt aller Mitarbeitenden und die Moral, die wir als DB gezeigt haben. Wir waren für die Menschen da, auch als das ganze Land stillstand. Trotz der sich ständig wandelnden Umstände haben wir eine Flexibilität an den Tag gelegt, die für einen Großkonzern wie die DB nicht selbstverständlich ist. Wir haben gezeigt, dass auf uns Verlass ist und unsere Fahrgäste immer in den Mittelpunkt gestellt. Damit haben wir die Sympathien der Menschen im ganzen Land erobert. Es freut uns sehr, dass sich das auch in unseren Umfragen niederschlägt. Die Kundenzufriedenheit ist auf einem Allzeithoch.

Die größte Herausforderung für Ihr Unternehmen beim „Re-Start“?

Die Pandemie ist leider noch nicht vorüber. Wir haben immer noch mit einer großen Unsicherheit zu kämpfen. Auch spezifische, uneinheitliche Regelungen in den einzelnen Bundesländern und Landkreisen erschweren den Hochlauf. Wenn ein Zug beispielsweise von Berlin nach München fährt, sind unsere Gäste auf der Reise mit unterschiedlichen Verordnungen im Hinblick auf die Maskenpflicht konfrontiert. Ein weiteres Beispiel ist die Verzögerung bei der Wiedereröffnung der Bordgastronomie und Lounges.

Ihre Prognose: wird Reisen wieder so aussehen, wie wir es kennen? Oder wird die Pandemien die Reiseindustrie nachhaltig verändern?

Wir merken schon jetzt, dass viele Reisende zurückkommen und die Züge wieder voller werden. Vor allem Privatreisen nehmen zu. Die Sehnsucht nach einem Wiedersehen mit den Liebsten und Urlaub in Deutschland ist groß. Das Bedürfnis nach Mobilität ist eine Art ‚Ur-Instinkt‘. Wir sind uns sicher: Nach der Pandemie wird sich das Mobilitätswachstum fortsetzen. Das gilt auch für Geschäftsreisen. Wenn auch etwas verzögert, da einige Firmen ihren Mitarbeitenden immer noch Beschränkungen auferlegen. Was wir außerdem beobachten ist ein starker Trend zu klimafreundlichem Reisen. Fahrten im ICE sind klimaneutral, dank 100 Prozent Ökostrom. Man kann also unterwegs sein, ohne die Umwelt zu belasten – das ist ein starkes Argument gegenüber anderen Verkehrsmitteln. Reisen wird sich nachhaltig verändern, indem es nachhaltiger wird.

Wann wird sich Ihr Geschäft wieder auf dem Niveau von 2019 einpendeln?

Wir gehen von einer raschen Erholung der Nachfrage aus. Bei bestimmten Zielgruppen wie jungen Reisenden liegen wir schon jetzt zeitweise wieder auf dem Niveau von 2019. Im nächsten Jahr sind noch Einschränkungen zu erwarten, weil vermutlich nach wie vor Großveranstaltungen wie Messen oder Kongresse fehlen. Aber ab 2023 sollten wir so langsam wieder zur Normalität und alter Stärke zurückkehren.

Last but not least: gibt es ein Netzwerk, das Ihnen zur Seite steht und in dem Sie sich engagieren? Können Sie ein Frauen-Netzwerk empfehlen?

Ein starkes Netzwerk ist extrem wertvoll. Innerhalb der DB gibt es ein sehr aktives Frauennetzwerk, das ich regelmäßig nutze. Außerdem halte ich intensiven Kontakt zu weiblichen Führungskräften, mit denen ich in den letzten Jahren zusammengearbeitet habe. Es muss übrigens nicht immer ein offizielles Netzwerk sein. Die Hauptsache ist, dass wir Frauen uns gegenseitig unterstützen. Denn wie Madeleine Albright es richtig gesagt hat: ‚There is a special place in hell for women who don’t support other women.‘

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