StartThemen#mutmachen„Der Gesellschaft einen Spielgel vorhalten“

„Der Gesellschaft einen Spielgel vorhalten“

Sie ist eine der bekanntesten Schauspielerinnen Deutschlands und stellt nicht nur ihre Popularität in den Dienst der guten Sache: Mit ihrer gemeinnützigen Initiative HORIZONT gibt Jutta Speidel obdachlosen Frauen eine Zukunft. Dafür zahlte sie nicht nur ein Erbe ein, sondern versteigerte auch ihren Oldtimer, lernte „Amtsdeutsch“ und Bilanzlesen. Chefredakteurin Michaela Ernst wollte von ihr wissen, wie man es schafft, ein guter Mensch zu sein und dabei nachhaltig zu wirtschaften und zu wachsen. 

Das dritte Haus in Planung, Sie beschäftigen knapp 50 Angestellte: Hätten Sie sich damals bei der Gründung von HORIZONT, Ihres Sozialvereins für obdachlose Mütter mit ihren Kindern, gedacht, dass Sie mit Ihrem Engagement mal ein richtiges Unternehmen hochziehen würden? 

JUTTA SPEIDEL Also das Wort „Unternehmen“ hätte ich mit Sicherheit nicht in den Mund genommen. Aber mittlerweile ist es wirklich ein mittelständisches Unternehmen geworden. Für mich persönlich steht es aber in erster Linie für die Initiative, die ich ergriffen habe, um einen Notstand abzumildern. Als solches sehe ich HORIZONT. Aber ja, es ist richtig, dass es ein Unternehmen ist, weil mittlerweile viele Angestellte hier arbeiten. 

Wie ist es überhaupt dazu gekommen? Meist steht ja ein initiales Erlebnis am Anfang solcher Initiativen. 

J. S. Als ich geplant hatte, eine eigene Sache hochzuziehen, die notleidenden Menschen zugutekommt, wusste ich nicht, ob Kinder, Frauen, Familien oder kranke Menschen im Mittelpunkt stehen werden. Also habe ich erst einmal recherchiert. Durch Zufall hatte ich in einer Münchener Obdachlosenzeitschrift einen Artikel über obdachlose Kinder in München gesehen. Das war für mich die Initialzündung. Da habe ich gesagt: Was, wir haben in dieser Stadt obdachlose Kinder? Die zum Teil mit ihren Eltern oder einem Teil ihrer Eltern buchstäblich auf der Straße leben! Dann habe ich mir zwei Jahre lang in Deutschland alles zu diesem Thema angeguckt und festgestellt: Es gibt keine soziale Initiative, bei der ein Haus da ist mit vernünftigen Wohnungen plus Betreuung. 

Wie lange leben diese Frauen im Regelfall schon auf der Straße? 

J. S. Wir müssen unterscheiden. Wir, die hier dieses Interview führen, sitzen jetzt in einem „offenen“ Haus, in dem ganze Familien wohnen – Papa, Mama, Kind. Hier gibt es keine bewachte „Schleuse”. Wir haben aber auch ein „Schutzhaus”, eine richtige Schutzeinrichtung, die nur von bestimmten Menschen betreten werden darf, und wir werden noch ein weiteres bauen. Schutzhaus bedeutet, dass die Frauen mit ihren Kindern hier zuvor auf der Straße leben mussten oder auf der Flucht sind vor einem prügelnden Mann oder einem prügelnden Vater. Sie sind quasi auf der Flucht und kommen zu uns. Das heißt – eigentlich kommen sie erst in die Notaufnahme der Stadt München, dort wird ihr Status festgestellt. Dann können sie erstmal mit den Kindern ein, zwei Tage bei uns bleiben. In dieser Zeit wird für sie alles geregelt. Und wenn wir eine Wohnung frei haben und es sich um eine alleinerziehende Mutter mit Kind handelt, dann reden wir mit dem Wohnungsamt, ob sie bei uns wohnen können. 

Gibt es Wartelisten? 

J. S. Definitiv. Hier sind fast 9.000 Menschen auf der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung. Frauen, Männer, Erwachsene, Jugendliche, die nach bestimmten Kriterien durchs Raster fallen würden. Die eine soziale Stütze brauchen, in der Hoffnung, dass sie dann vielleicht auch wieder ein festes Dach überm Kopf kriegen. 

Somit muss erst einmal alles die offiziellen Stellen durchlaufen, bis die „Fälle“ bei Ihnen landen? 

J. S. Genau – hierfür ist das Münchener Wohnungsamt zuständig, welches die Leute an die Organisationen weiterverteilt. So landen sie bei HORIZONT oder bei anderen geschützten Einrichtungen. 

Um nochmals auf den Anfang zurückzukommen: Was war Ihre ganz konkrete Motivation? Hatten Sie in Ihrem näheren Bekanntenumfeld von einem Notfall gehört oder generell gedacht, man müsste etwas machen? 

J. S. Also ich gehe schon mit offenen Augen durch die Welt und wusste von einigen Frauen, die ich beobachtet hatte, was es für eine Frau bedeutet, auf der Straße zu leben. Ich kannte eine Frau, der ich fast jeden Abend etwas zu essen vorbeibrachte. Aber eine Mutter mit Kind, das ist dann schon nochmal etwas anderes! Ich wollte ein Zeichen setzen und irgendwie der deutschen Gesellschaft einen Spiegel vorhalten: Schaut mal, das überseht ihr. Ihr baut euch immer größere Villen, fahrt in immer dickeren Autos, habt den teuersten Schmuck und weiß der Geier was alles. Aber ihr macht euch keine Gedanken darüber, dass es bei uns vor der Haustür Menschen gibt, die nicht mehr wissen, wie sie überleben sollen. 

Haben Sie da schnell Mitstreiter gefunden? 

J. S. Ich habe HORIZONT mit sechs anderen Frauen gegründet. Mit meiner Mutter und fünf langjährigen Freundinnen. Dann haben wir einfach gesagt, wir fangen an. Zuerst habe ich mich in die Fußgängerzone gestellt und mit einer Tröte unseren ersten Flyer, den wir selber gebastelt hatten, verteilt. Dann kamen Regenschirme dazu, die wir versteigerten. Sobald eine vernünftige Summe Geld zusammengekommen war, gründeten wir einen Verein mit einem Konto. Dann habe ein kleines Erbe erhalten und dieses Geld auch noch draufgetan. 

Wie haben Sie sich das Know-how angeeignet, als Sie gestartet sind? 

J . S . Learning by doing. Ich habe auch viel einstecken müssen an dummen Sätzen, die einem um die Ohren gehauen werden von irgendwelchen oberflächlichen Menschen, die ich vielleicht mal gefragt habe: Darf ich Ihnen so eine Broschüre mal geben, haben Sie Interesse? „Jo mei, das sind da Frauen in Frauenhäusern, die werden ja von ihren Männern reingeprügelt.“ Einfach dumme Sätze. Unter unseren notleidenden Frauen gab es zum Beispiel einmal eine Ärztin aus Bogenhausen, deren Mann irgendwann sagte: Du, ich möchte, dass du unsere Kinder erziehst und dass du mich in meiner Arbeit unterstützt. Und dann geht er Zigaretten holen, und das Einzige, was er zurücklässt, sind zehn Millionen Euro Veruntreuung. Ist das ihre Schuld? Nein. 

2020 richteten Sie einen Appell an die Öffentlichkeit, dass Ihnen das Geld ausgehen würde. Verging den Leuten während der Lockdowns die Spendenfreudigkeit aus Angst um die eigene Zukunft? 

J . S . Wir haben extrem schnell reagiert in einem Moment, als wir befürchten mussten, dass die Spenden nach unten und die Fälle gleichzeitig nach oben gehen. Während des ersten Lockdowns war ich zur ARD-Diskussionsreihe von Sandra Maischberger eingeladen. Am Tag davor hatte ich eine Frau aus dem Haus besucht, eine Afrikanerin. Sie lebt bei uns und betreibt eine kleine Schneiderei, die auch Masken herstellt. Also hatte ich ein paar mitgenommen und sagte mitten auf Sendung: Wenn jemand eine Maske haben will, kann er sie bei uns bestellen. Daraufhin kam eine solche Bereitschaft, uns Geld zu überweisen – wir haben fast 1.000 Masken genäht! So ein Glück, diese großartige Solidarität erfahren zu haben, ein Riesengeschenk. 

Das vollständige Interview finden Sie in unserer Aktuellen Ausgabe. Auf den Link klicken und gleich abonnieren.

FAKTEN UND ZAHLEN rund um HORIZONT 

Für die von ihr ins Leben gerufene gemeinnützige Initiative HORIZONT ist der Schauspielerin Jutta Speidel nichts zu schade:
Bei der Gründung vor bald 25 Jahren zahlte sie Ersparnisse und ein Erbe in den Verein ein. Als es im vergangenen Sommer zu kurzfristigen Rückläufen bei den Spenden kam, versteigerte sie ihren heißgeliebten alten Jaguar XK 8 Convertible. Ihre Motivation: obdachlosen Kindern und Müttern ein sicheres Zuhause zu bieten und diese mittels fachlicher Betreuung und Weiterbildungsmöglichkeiten in eine bessere Zukunft zu führen. „Wir helfen Familien, die von heute auf morgen ohne Hab und Gut, dafür mit reichlich Angst und Perspektivlosigkeit, auf der Straße stehen“, sagt Speidel. 

Hilfe für ein selbstbestimmtes Leben. Seit der HORIZONT-Gründung im Jahr 1997 wurden mehr als 2.500 Kinder und Mütter aus der Obdachlosigkeit in ein selbstbestimmtes Leben begleitet. 6,6 Millionen Euro waren nötig – für den Kauf des subventionierten Grundstücks der Stadt München und für den Hausbau mit 16 Wohnungen am Domagkpark. Durchschnittlich leben 220 Bewohner*innen in HORIZONT-Häusern. Zur Abdeckung für den laufenden Betrieb sowie die intensive Betreuung der Kinder und Frauen werden rund 80.000 Euro im Monat benötigt, die ausschließlich auf Basis von Spenden getragen werden. 2006 gründete die Charakterdarstellerin, bekannt aus Serien wie „Forsthaus Falkenau“, „Alle meine Töchter“ oder „Traumschiff“, die HORIZONT Jutta Speidel-Stiftung als öffentliche Stiftung bürgerlichen Rechts. Die Gremien bestehen aus dem Vorstand und dem Stiftungsrat, dem Jutta Speidel und der ehemalige Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München, Christian Ude, vorstehen. Näheres unter: www.horizont-muenchen 

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