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Das Große im Kleinen

New Work & Corona. Warum die Arbeitsformen von Selbständigen und Angestellten einander immer ähnlicher werden.

Meine Lieblings-Anwendung bei Facebook ist die tägliche „Erinnerungen“-Applikation, bei der Fotos oder Inhalte aus vergangenen Jahren aufploppen. Dazu scheint der freundliche Satz auf: „Wir wünschen Dir viel Spaß beim Ansehen und Teilen…“ . Den habe ich meistens. Manchmal sind die Erinnerungen einfach nur interessant. Erst vor wenigen Tagen tauchte auf meiner Timeline ein Artikel auf, den ich vor fünf Jahren für das Nachrichtenmagazin „profil“ geschrieben hatte – Titel: „Selbständige merken oft nicht, wenn es zu viel wird“.

Darin ging es um die Gründung der ersten österreichischen Genossenschaft für Selbständige, die „Otelo eGen“. Ihre Mitglieder kamen aus klassischen Kreativbereichen wie Werbung, PR oder Film, der Hardware- und Software-Entwicklung, dem Bildungs-, Technologie- und Nachhaltigkeitsbereich und der Beratungsbranche. Ziel der Initiative war/ist es, ähnlich „günstige“ Arbeitsbedingungen herzustellen, wie sie für Angestellte gelten – gepaart mit der Macher-Dynamik von Selbständigen. Gründer Martin Hollinetz beschreibt den Gründungsvorgang, wie es darum ging, Regeln zu etablieren, um „ein würdevolles Leben bei gleichzeitig unternehmerischer Haltung“ zu führen. Und schon war ich gedanklich mitten in der Gegenwart.
Denn durch Corona ist die Suche nach Methoden und Strukturen, die uns ein würdevolles Leben bei gleichzeitig unternehmerischer Haltung ermöglichen, für die meisten Menschen zur täglichen Herausforderung und Hauptaufgabe geworden – egal, ob sie EPUs, Unternehmer*Innen, Angestellte oder Manager*Innen sind.
Home-Office und die rissig gewordene Job-Sicherheit zwingen ALLE dazu, in Kategorien zu denken, die noch vor eineinhalb Jahren vorwiegend Selbständigen zugeordnet wurden. So werden Angestellte immer öfter zu „Unternehmern“ gemacht, egal, ob sie es tatsächlich auch sind oder nicht: Die Struktur von Arbeitsabläufen, die in pre-Covid-Zeiten vom Arbeitgeber vorgegeben war, muss sich im Home-Office auf einmal jeder selbst erarbeiten. Die Motivation, die man früher zu einem nicht unerheblichen Teil aus Teamwork bezog, soll man sich nun selbst herauskitzeln. Die Positionierung des eigenen Profils, früher durch persönliches Auftreten und Umgangsformen gefestigt, verlangt jetzt nach Neudefinition und Anpassung – auf ein Kästchen in Bildschirmformat, das lediglich Gesicht, Schulterbereich und Teile des Mobiliars freigibt.

Wir alle sind Elementar-Teile des Produkts geworden, das es zu verkaufen gilt, gut sichtbar und angreifbar. Selbst wenn Zoom oder Team uns optisch verkleinern, sind wir zu inhaltlichen Giganten herangewachsen. Was man sagt, wie man es sagt, ob man überhaupt etwas sagt oder zu viel redet – jedes Detail von Kompetenz oder Nachlässigkeit wird da in unheimlicher Größe weitergegeben: Wer sich hinter seiner Funktion versteckt, gilt auf einmal als lasch und entscheidungsschwach (in Vor-Corona-Zeiten war er aus denselben Gründen noch mächtig). Wer bei Videokonferenzen den Mund nicht zubekommt, wirkt nicht teamfähig (früher war er vermutlich der Wortführer). Stärker denn je müssen wir uns mit der erfolgreichen Platzierung unseres Selbst, aber auch unserer Abteilung, die in Home-Offices zerfallen ist und unserem Messaging nach außen, befassen.

Ein konkretes Beispiel: Eine Freundin von mir arbeitet in einem Luxusgeschäft. Sie bezieht ein Basisgehalt sowie Erfolgsprovisionen. Selbst in der Lockdown-Phase ist sie verpflichtet, zu verkaufen. Also mailt oder ruft sie Kund*Innen an, informiert sie über Sales und Neuware, lässt sich alles Mögliche einfallen, um die eine oder andere zum Shoppen zu animieren. Sie muss ums Geschäft kämpfen, als ob es ihr eigenes wäre (und nicht die Niederlassung eines internationalen Konzerns); so lautet nun mal die Firmenphilosophie. Und es ist davon auszugehen, dass es sich hier um keinen Einzelfall handelt.

Corona hat eine interessante Entwicklung herbeigeführt. Mussten sich Selbständige noch vor der Pandemie alle möglichen Lösungen einfallen lassen, um im Krankheits- oder sonstigen Krisenfall, wirtschaftlich nicht zu straucheln – so müssen heute immer mehr Angestellte wie Selbständige ticken, damit „ihr“ Unternehmen über die Runden kommt. Dazu braucht es auch eine neue Form von Führung. In eher traditionsaffinen Ländern wie Deutschland oder Österreich bedeutet das – zusätzlich zur allgemeinen Katastrophenlage – eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. Möge die Übung gelingen.

 

Der zu Beginn erwähnte Artikel ist nachzulesen unter: https://www.profil.at/portfolio/aufstieg/selbststaendige-genossenschaft-martin-hollinetz-6197388

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