Die Feierabend-Queen
Kein roter Teppich, keine Gästeliste, keine VIP-Bändchen. Dafür Menschen, die nach der Arbeit noch nicht nach Hause wollen. Im Techno Cafe im Wiener Volksgarten Pavillon tanzen, ratschen und versacken Anzugträger mit Nachtschwärmer*innen in Flip-Flops und kurzen Hosen, Studierende mit CEOs, Stammgäste mit Neulingen. Draußen bleibt nur, wer den Geist der Offenheit nicht teilt.
Gastgeberin der Nacht ist Sandra Kendl, die das Techno Cafe 1996 mit gerade einmal 21 Jahren gegründet hat. Was damals als lässiger Ort mit elektronischer Musik für eine kleine Runde von Freunden begann, ist heute das wohl beliebteste Afterwork-Event Wiens. Der Volksgarten Pavillon öffnet nur an Schönwetter-Dienstagen, den erklärten Lieblingstagen der Initiatorin. „Ich mag es, wenn die Gäste aus der Arbeit kommen, es noch heiß ist und niemand ein Jäckchen braucht. Das Schöne: Laue Nächte dauern sehr lang, gern bis drei oder vier Uhr in der Früh.“
Drei Jahrzehnte Techno Cafe bedeuten auch drei Jahrzehnte Wandel im Nachtleben. „Social Media hat die Art verändert, wie wir abends feiern“, sagt Sandra Kendl. Immer öfter beobachtet sie, dass Menschen mehr Zeit am Handy verbringen, als mit ihrem Umfeld ins Gespräch zu kommen und zu tanzen.

Trotz Smartphone-Kritik ist ihr Event auf Instagram vertreten. „Techno ist keine Phase, Mama“ ist dort fett in einem Reel zu lesen. Kendl liefert selbst den Beweis für diese These. „Ich gehe aus, seit ich 15 Jahre alt bin, und höre Techno. Heute bin ich 52, gehe immer noch aus und höre Techno. Ich habe in Barcelona und Berlin gelebt und als Musikagentin gearbeitet. Die Clubkultur erlebe ich nicht nur mit, ich lebe sie.“ Warum die elektronischen Beats seit Jahrzehnten Menschen auf die Tanzfläche ziehen, erklärt Sandra Kendl mit der Vielschichtigkeit: „Techno ist nicht nur grau, es gibt ihn hard und melodic. Die Farbe Blau ist auch nicht bloß blau, es gibt Kobalt und Azur.“
Bunte Community, Entspannte Tür
Höhere Ausgaben, weniger Umsatz und vor allem die Teuerung bei Getränken und Betriebskosten machen vielen Clubs zu schaffen. Anders beim Techno Cafe im Volksgarten. Es ist an jedem der (früh- und spät-)sommerlichen Dienstagabende bestens besucht. „Dass Orte der Nachtkultur schließen müssen, hat wohl auch damit zu tun, dass es dort unpersönlich geworden ist“, überlegt Sandra Kendl. Das Flair ihres Events macht sie ganz klar am Publikum fest.
„Wir haben eine sehr bunte Community zwischen 25 und 55 Jahren und die Gäste lieben, dass sie derart durchmischt ist.“
Gelungen ist der Abend für Kendl dann, wenn die Stimmung passt. Sie feiert es, wenn Menschen miteinander reden, ohne dass sich Grüppchen bilden. „Diese Stimmung wollten wir haben – und die beginnt mit der Tür. Wer herzlich empfangen, statt eigenartig abgecheckt wird, startet ganz entspannt in den Abend.“ In ihrem Techno Cafe setzt Kendl auf nationale Künstlerinnen und Künstler. Sie unterstützt besonders gern Newcomer*innen, „denn ich war lang genug Musikagentin, um zu wissen, wie schwierig es ist, Gigs zu bekommen.“

Everybody is welcome: Sandra Kendl (u.l.) mit ihren Freunden Rainer, Peter und Sali im Sommer 1999 im Techno Cafe
Die Kunst der Gegensätze
Was Sandra Kendl in Wien über drei Jahrzehnte aufgebaut hat, wäre in anderen, kleineren Städten wohl undenkbar. Beschwerden von Anrainer*innen gibt es bei ihr so gut wie nicht, was der später gut geschlossenen Pavillontür zu verdanken ist. „Das Erfolgsgeheimnis liegt wohl im Mix aus historischem Standort, Musik und Persönlichkeiten. Ohne ihn und unseren starken Wert der Offenheit wären wir vielleicht auch nicht mehr so groß“, gibt sie zu bedenken.
Da nicht das ganze Jahr über Sommer und damit Techno Cafe-Saison ist, konzentriert sich Kendl auf somatisches, körperzentriertes Coaching für Frauen. Dabei arbeitet sie vorwiegend mit Selbstständigen und Führungskräften, die viel Verantwortung tragen und im Dauerfunktionsmodus festhängen. „Genau diese Abwechslung mag ich“, betont sie und nennt einen weiteren lieb gewonnenen Gegensatz: „Ich wohne am Wiener Stadtrand, mag Waldspaziergänge mit meinem Zwergpudel und genieße im nächsten Augenblick das City Life.“ Hauptsache soziale Interaktion. Am liebsten im Nachtleben. Und bei guter Musik. Vorzugsweise Techno. Und Outdoor.