Neue Rentenreform, alte Rentenlücke
Mit der Rentenreform hat Deutschland einen wichtigen Schritt vollzogen: An Stelle der Riester-Rente treten künftig flexiblere und kostengünstigere Produkte. Herzstück der Reform ist ein staatlich gefördertes Altersvorsorgedepot, das ab Januar 2027 ETF-Investments ohne Garantiezwang ermöglicht. Zugleich bleibt das Rentenniveau bis 2031 stabil bei 48 Prozent, und die Mütterrente wurde zusätzlich ausgeweitet. Das ist zweifellos ein Fortschritt; nur eben keiner, der für sich allein die Rentenlücke, die Frauen über ein ganzes Erwerbsleben aufbauen, schließen kann.
Ganz unumstritten ist das Gesamtpaket abgesehen davon aber nicht. Aktuell entzündet sich der Streit ausgerechnet an der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren. Problem dahinter ist, dass sich die Maßnahmen im Paket gegenseitig finanzieren. Fällt eine davon weg, bricht auch die Finanzierungsgrundlage für die übrigen Maßnahmen weg. Das ist ein fragiles Fundament, auf das man nicht bauen kann.
Wie wackelig genau dieses Fundament ist, zeigt sich besonders deutlich bei einem Thema, das die Reform bislang kaum adressiert: Der Rentenlücke zwischen Frauen und Männern. In Deutschland liegt diese aktuell bei 39,4 Prozent, in Österreich zuletzt sogar bei 40,3 Prozent.
Eigenvorsorge wird jetzt zur Pflicht
Mittlerweile sagt sogar der deutsche Kanzler selbst, dass die gesetzliche Rente nur noch eine Basisabsicherung ist – ein klares Signal für alle, die noch immer darauf warten, dass der Staat ihre finanziellen Probleme lösen wird.
Bei einem Bruttoeinkommen von 4.000 Euro monatlich sollen 2 Prozent des Gehalts, also 80 Euro je zur Hälfte von einem selbst und dem Arbeitgeber, in die Kapitalrente fließen. Bei einer angenommenen Rendite von 6 Prozent pro Jahr wachsen diese Einzahlungen über 40 Jahre auf rund 160.000 Euro an. Wer im Alter 50.000 Euro im Jahr braucht, hat dieses Kapital nach rund drei Jahren aufgebraucht – und das gerechnet in heutigem Geld. Mit Inflation reicht es kaum zwei. Von einem echten Fortschritt kann hier also nicht die Rede sein; bloße Schadensbegrenzung trifft das Ganze wohl besser.
Warum Frauen dieselbe Reform anders lesen müssen
Ein Depot setzt eines voraus: Geld, das übrig ist. Wer in Teilzeit arbeitet, in Karenz geht oder Angehörige pflegt, hat genau das seltener. Solange der Staat Kinderbetreuung und Care-Arbeit ins Private verlagert, zahlen überwiegend Frauen dafür die Rechnung, erst mit weniger Einkommen, dann mit weniger Rente.
Wie hartnäckig sich dieses Muster hält, zeigt ein Blick auf die Zahlen: Zwischen 2010 und 2024 hat sich der Gender Pension Gap in Österreich gerade einmal um 4,4 Prozentpunkte verringert. In 14 Jahren macht das kaum einen spürbaren Fortschritt.
Für viele Frauen ist diese Rentenreform absehbar die letzte, die sie in ihrem Erwerbsleben noch erleben. Gebraucht hätte es eine Reform, die Lohnunterschiede, Care-Arbeit und Teilzeit angeht und damit auch für Frauen bedeutende Veränderung mit sich bringt. Am Ende bleibt für uns deshalb nur eine Erkenntnis: Wer auf den Staat hofft, kann lange warten. Es zählt, was man selbst für die eigene Altersvorsorge tut.
Zur Person:
Natascha Wegelin hat 2015 Madame Moneypenny gegründet, Deutschlands führendes Unternehmen für Female Financial Education. Seitdem begleitet und berät die Unternehmerin, Investorin und Bestseller-Autorin Frauen dabei, selbstbestimmt ihre finanzielle Zukunft zu gestalten – als sheconomy-Kolumnistin auch hier.