Wer „Zellalterung“ hört, denkt wohl zunächst an Beauty-Produkte, die den Alterungsprozess der Haut bremsen sollen. Sie sind Herzspezialistin: Was bedeutet Longevity aus allgemeinmedizinischer Sicht?

Wer sich damit beschäftigt, wie lange Frauen leben, muss die Frage stellen, wie Frauen leben – und zwar nicht nur im körperlichen, sondern auch im emotionalen Sinne. Das habe ich für dieses Buch getan. Während Männer sich vorrangig auf die körperlichen Komponenten ihres Wohlbefindens konzentrieren, beobachten Frauen auch ihren seelischen Zustand. Sie zerbrechen sich über alles Mögliche den Kopf.

Und das ist wichtig, weil …

… wir Frauen deutlich mehr Stress ausgesetzt sind. Stress ist schädlich für die (Herz-)Gesundheit und beschleunigt den Alterungsprozess. Frauen verarbeiten Stress anders als Männer, die dabei vom männlichen Geschlechtshormon Testosteron unterstützt werden.

Starten wir mit den guten Nachrichten: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Frauen sowohl genetisch als auch hormonell bestens für ein langes, gesundes Leben ausgestattet sind. Inwiefern?

Das stimmt, denn wir Frauen haben zwei X-Chromosomen, Männer hingegen nur eines. Auf dem X-Chromosom liegen Gene für Herz-, Hirn- und Immunfunktion. Das hat den enormen Vorteil, dass, wenn auf einem X-Chromosom etwas ausfällt, das andere einspringen kann. Hinzu kommt, dass die Schutzkappen der Chromosomen, die Telomere, bei Frauen deutlich länger sind. Das ist ein klarer biologischer Vorteil, denn die Nobelpreisträgerin. Dr. Elizabeth Blackburn hat bewiesen, dass, je länger die Schutzkappen sind, desto länger das Leben ist. Hinzu kommen die weiblichen Geschlechtshormone, vornehmlich das Östrogen, die uns viele Jahre vor zahlreichen Erkrankungen schützen.

Und dann kommen die Wechseljahre und vieles kippt …

Diese hormonelle Umwandlungsphase ist nicht zu unterschätzen. Mit dem Abfallen der weiblichen Geschlechtshormone fällt auch ihre Schutzfunktion weg. So erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für Entzündungen, Knochen und Muskeln verlieren an Substanz und Stimmungsschwankungen verursachen emotionalen Stress.

Im Buch plädieren Sie dafür, mit dem eigenen Körper in den Dialog zu treten. Es ist also wichtig, ihn zu kennen und idealerweise auch zu verstehen. Wo kann ich beginnen?

In Deutschland gibt es mittlerweile viele gute Vorsorgeuntersuchungen. Diese sollten Sie unbedingt wahrnehmen.

Am präsentesten sind wohl die Krebsvorsorge bei der Dermatolog:in und der Gynäkolog:in. Welche weiteren Untersuchungen sollten Frauen wahrnehmen?

Ab 50 gehört die Darmkrebsvorsorge dazu. Gehen Sie regelmäßig zum*zur Augenärzt:in und lassen sich dort den Augeninnendruck bestimmen. Außerdem ist eine Knochendichtemessung empfehlenswert, insbesondere für Patientinnen, die bereits eine Kortisontherapie erhalten haben oder unter ständigen Knochenschmerzen leiden.

Sie beschreiben im Buch sogenannte Biomarker, die dabei helfen, das biologische Alter von Menschen zu bestimmen. Die Marker Bauchumfang und Blutdruck können Frauen sehr gut selbst im Blick behalten. Welche weiteren Werte sollten wir bei Praxisbesuchen einfordern und warum?

Bleiben wir bei Frauen in der (Peri-)Menopause. Sie sollten ihre Blutfette überprüfen lassen, etwa die verschiedenen Cholesterin-Arten und das Lipoprotein (a). Letzteres ist ein Transporteiweiß im Fettstoffwechsel, das bei Frauen in der Menopause selten ansteigen kann. Neben den Fetten sollte man den Blutzuckerwert bestimmen lassen, sowohl den Nüchternblutzucker als auch die Langzeitblutzuckerwerte. Nach Schwangerschaftskomplikationen lohnt es sich auch, eine Insulinresistenz auszuschließen. Zudem kann man den Herzschwächewert bestimmen, der durch verschiedenste Arten von Stress erhöht sein kann. Ich empfehle grundsätzlich jeder Frau ab 50, ihr Herz untersuchen zu lassen, auch wenn es bis dato keine Auffälligkeiten gab. Das gilt besonders für Frauen mit chronischen entzündlichen Erkrankungen wie Endometriose.

Sie widmen Entzündungen ein ganzes Kapitel. Welche Rolle spielen Sie im Alterungsprozess?

Entzündungen sind die Ursache vieler Alterserkrankungen., insbesondere rheumatische und Autoimmunerkrankungen. Sie können zu einer Verkürzung der Telomere, der Chromosomenkappen, führen. Stress, Schwangerschaftskomplikationen, die (Peri-)Menopause und Erkrankungen wie Endometriose können die entzündliche Aktivität im Körper erhöhen. In solchen Fällen kann eine antientzündliche Ernährung mit ausreichend Omega-3-Fettsäuren hilfreich sein; auch ein gesundes Darm-Mikrobiom stärkt das Immunsystem.

Damit sind wir bei der Prävention: Was kann Frau tun, um beste Voraussetzungen für gesundes Altern zu schaffen?

Viel Sport treiben, sich gut und ausgewogen ernähren und den Blutdruck zu beobachten – das sind ideale Voraussetzungen. Falls Risikofaktoren vorliegen oder sich bereits eine Erkrankung entwickelt hat, sollten diese regelmäßig überwacht werden. Aber Bewegung ist wirklich das Allerwichtigste!

Es heißt, Griffkraft sei ein guter Referenzwert für Langlebigkeit, und alle reden über Krafttraining ab 40. Wie hängen Muskelkraft und Alter zusammen?

Mit dem Alter verlieren alle Menschen Muskelmasse. Nur: Frauen haben ohnehin weniger als Männer, da ihnen weniger Testosteron zur Verfügung steht. Mit dem Verlust des Östrogens in den Wechseljahren wird der Abbau noch verstärkt. Darum ist es wichtig, dass wir aktiv Muskeln aufbauen und unsere Ausdauer trainieren.

Eine tragende Rolle spielt auch das Skelett. Wie kümmert man sich um Knochengesundheit?

Neben dem Krafttraining ist eine nährstoffreiche Ernährung wichtig. Das heißt konkret: eine kalzium- und proteinreiche Ernährung sowie ausreichend Vitamin D. In der Perimenopause verlieren Frauen sehr viel Vitamin D und Eisen, die beide wichtig für die Knochendichte sind. Diese Werte sollten beobachtet werden. Darum lohnt sich eine Knochendichtemessung – im Prinzip eine Röntgenuntersuchung, die sehr aussagekräftig ist – allerdings muss sie ohne konkrete medizinische Indikation selbst bezahlt werden.

Aktuell ist „sehr dünn“ wieder sehr chic. Um aktiv Muskeln aufzubauen, ist es jedoch unbedingt notwendig, viel zu essen. Wo stehen Sie als Herzspezialistin zwischen Fasten und Essen, zwischen dünnen und wohlgenährten Körpern?

Ich fange mit dem dünnen Körper an: Mädchen und junge Frauen, die zu wenig essen oder magersüchtig werden, verlieren Knochendichte und bekommen oft im Laufe ihres Lebens Bluthochdruck, der schwer zu behandeln ist. Das Fasten betrachte ich hingegen anders, da Fastenkuren nicht dauerhaft sind. Für das Buch habe ich gemeinsam mit Silke Panten einige Frauen porträtiert, die 100 Jahre und älter geworden sind. Alle diese Frauen haben aufgrund von wirtschaftlichen Krisenzeiten oder schlechten Ernten phasenweise Nahrung entbehrt. Das scheint sich – wenngleich es paradox klingt – positiv auf ihre Langlebigkeit ausgewirkt zu haben. Ihre Geschichten bestätigen, dass Fasten den Stoffwechsel anregt und somit positiv auf den Organismus und die Stimmung wirken kann.

Ihre Porträts zeigen allerdings auch, dass die Frauen aus den Blauen Zonen, also den Regionen, wo Menschen überdurchschnittlich lange leben, die meiste Zeit ihres Lebens besonders gesund gegessen, in guter Gesellschaft und sicheren Gemeinschaften gelebt haben und geistig und körperlich sehr aktiv und flexibel waren.

Richtig. Es fällt auf, dass sie darüber hinaus ein maßvolles, vielleicht sogar gemäßigtes Leben geführt und eine sinnvolle Aufgabe erfüllt haben.

Das heißt, Sie haben ein verhältnismäßig stressfreies und sinnhaftes Leben geführt?

Ja, ich habe dazu einmal einen schönen Spruch gelesen: „Ich liebe, mit wem ich bin, wo ich lebe und was ich tue.“ Ich glaube, das bringt es auf den Punkt. Für uns Frauen scheint es entscheidend zu sein, dass wir sozial eingebunden sind und eine Aufgabe in der Gesellschaft oder innerhalb der Familie haben.

Regelmäßiger Sport, antientzündliche Ernährung, Vorsorgeuntersuchungen und eine gute Beziehung zum eigenen Körper – das sind hohe Erwartungen an eine Frau, die berufstätig ist und womöglich den Großteil der Care-Verantwortung trägt. Es fühlt sich zynisch an, dieser Frau zu sagen: „Reduzieren Sie Ihren Stress.“ Wie soll das gehen?

Ja, das ist leichter gesagt als getan. Es gibt Situationen, aus denen man nicht herauskommt: Das Kind ist krank. Der Großvater ist pflegebedürftig. Aber es ist eine Tatsache, dass die meisten Frauen sich zu wenig Zeit für sich selbst nehmen – für ein Hobby, Sport oder Meditation, aber auch für Wut und Aggressionsabbau.

Wut ablassen ist also gut für die Gesundheit?

Sozusagen. Wut ist ein tabuisiertes Thema für uns Frauen. Ich bin Mitte 50 und Mädchen waren früher lieb, brav und nett, aber niemals wütend. Ich finde es gut, dass sich die soziale Entwicklung in dieser Hinsicht gerade verbessert.

Gendermedizin spielt eine immer größere Rolle, Medizin und Krankenkassen beginnen, Prävention neben Behandlung zu priorisieren. Das sind gute Entwicklungen. Und dennoch wird deutlich, dass Gesundheit und Longevity weiterhin eine Frage von Zeit und Geld sind. Was bleibt als guter Ratschlag für alle Frauen?

In meinem Buch habe ich versucht, evidenzbasierte Medizin mit einem Blick auf körperliche und seelische Elemente zu verbinden. Leben Sie mit ganzem Herzen. Bleiben Sie informiert und verlassen Sie sich auf ihr Bauchgefühl, denn Gesundheit basiert auf Wissen, ihrem körperlichen Erinnerungsvermögen und Selbstfürsorge.

Dr. med. Sandra Eifert live erleben:

herCAREER Expo | 22.+ 23. Okt. 2026 | MOC, München
Do. 22. Okt. 9:30 –17:30 Uhr | Fr. 23. Okt. 9:30 – 16:30 Uhr

Mehr Infos hier: https://www.her-career.com/expo/

Der Beitrag ist Teil einer Content Kooperation von sheconomy & herCAREER und wurde zuvor bereits auf www.her-career.com veröffentlicht.

Michael Bader
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