Als Philosophin, die sich mit dem Magazin „human“ mit Mensch und KI beschäftigt, weiß sie, wie es ist, mit alter männlicher, längst überwunden geglaubter Macht zu tun zu haben, so Rebekka Reinhard im Gespräch mit herCAREER-Redakteurin Kristina Appel.

Werden Sie oft in Schubladen gesteckt?

Als Philosophin und Freestyle-Feministin, wie ich mich bezeichne, hasse ich Schubladen. Darauf hatte ich keine Lust mehr. Gleichzeitig habe ich in den letzten Jahren verstärkt beobachtet, wie sich insbesondere Beauty-Labels Themen wie Frauenpower und Gewalt gegen Frauen unter ihre manikürten Fingernägel reißen und für sich instrumentalisieren. Dabei geht es um die Aneignung echter, genuin sozialpolitischer Anliegen, die eigentlich allen marginalisierten Gruppen zugutekommen sollten – seien es Frauen, People of Color oder Menschen mit Behinderung. Letzten Endes dient dieser Pseudo-Feminismus dem Digitalkapitalismus, der natürlich männlich ist, und dem patriarchalen System. Dann kamen Trump II und Bro Culture und da dachte ich: Jetzt ist Schluss.

An wen richtet sich das Buch also?

Das Buch ist für alle, die Lust auf Zukunft haben, Lust auf Trotz und „Jetzt erst recht“ und auf echte Gestaltung im Sinne einer gemeinsamen „Power With“ statt der alten gewaltsamen „Power Over“ in den Händen eines Einzelnen. Es ist für alle Fantasie- und Realismus-begabte Menschen, die gesunden Menschenverstand in sich tragen und ihn nutzen wollen.

Der gesunde Menschenverstand zieht sich implizit durch das gesamte Buch. Ironischerweise wird er von nicht-menschlichen Wesen verkörpert: den Marsmädchen. Was zeichnet diese Marsmädchen aus?

In den Marsmädchen vereinen sich mehrere Referenzen und Inspirationen. Da wäre zunächst das Buch „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ aus den 1990er Jahren. Ich spiele aber auch auf Jeff Bezos mit seiner Mars-Mission an, der seine Ehefrau Lauren Sánchez Bezos und andere Celebrities für zehn Minuten ins All geschickt hat. Ich meine, diese Tech-Bros tun sehr viel, um unseren Planeten mit digitalem Müll zu fluten, seine natürlichen Ressourcen auszubeuten und uns letztlich die Lebensgrundlage zu nehmen. Unsere Jobs sind gefährdet, die Umwelt wird zerstört, das Wasser ist knapp – daher planen sie konsequenterweise einfach ihre Flucht auf den Mars – und lassen uns mit Problemen, die sie verursacht haben, allein. Meine Marsmädchen wollen das umkehren, ironisieren und mit etwas Fantasie ausstatten. „Mädchen“ klingt dabei vielleicht verniedlichend, aber für mich sind es äußerst machtvolle Wesen voller Leichtigkeit und emotionaler und mentaler Unbeschwertheit. Diese Wesen sind anders als Menschenmädchen und -frauen. Sie haben eine Haltung, die wir jetzt gut gebrauchen können.

Marsmädchen kennen keinen vorauseilenden Gehorsam. Eine Eigenschaft, die Sie an Frauen beobachten: Ich muss zum Sport, die Anweisungen meiner Vorgesetzten befolgen, rechtzeitig mit Botox beginnen und meine Eizellen einfrieren – just in case …

Der Begriff „vorauseilender Gehorsam“ stammt aus dem politischen Kontext des Dritten Reichs. So fängt es an. Der US-Historiker Timothy Snyder warnt vor „vorauseilendem Gehorsam“ (anticipatory obedience) als Hilfsmittel autokratischer Bewegungen. Ich glaube, gerade wir Frauen sind sehr anfällig dafür, weil wir wahnsinnig schnell lernen, automatisch multitasken und uns anpassen. Wir müssen aufhören, so naiv zu sein, und erkennen, dass heute alles eine politische Dimension hat. Jetzt ist aktives Selbstdenken und Selbstfühlen angesagt …

Naiv in welchem Kontext?

Überlegen Sie gut, für welchen Arbeitgeber Sie tätig sind, und fragen Sie sich, wem Ihre Arbeit dient. Überlegen Sie sich, wer sich an Ihren Daten bereichert und wem Sie in die Hände spielen, wenn Sie sich die Lippen aufspritzen lassen. Wir müssen unser Handeln hinterfragen – auch mit Blick auf die Frage, die Ihnen Ihre Kinder in 10 oder 20 Jahren stellen werden: „Mami, was hast du damals gemacht?“

Hat wirklich jeder Mensch, jede Frau die Freiheit, sich diese Fragen zu stellen? Oder gilt das eher für privilegierte Frauen, die frei sind, sich einen „Job mit Sinn“ zu suchen?

Es beginnt mit einem Innehalten. Im Buch erwähne ich auch die amerikanische Bestsellerautorin Mel Robbins und ihre Theorie „Let them“. Im Grunde geht ihre These auf die Stoiker und Buddhisten zurück, die wieder und wieder fragten: Was liegt jetzt, in diesem Moment in meiner Macht und was nicht? Ein Beispiel: Sie gehen in die Drogerie, um noch Waschmittel zu holen. Ihre Gedanken sind aber schon beim Abendessen, bei den Hausaufgaben der Kinder oder Ihrem Job oder bei Ihrer Schwiegermutter. Sie sehen die Kassiererin, nehmen sie aber nicht richtig wahr. In diesem Moment haben Sie die Wahl: Sie können der Kassiererin begegnen, sie ansehen, sie anlächeln, mit ihr in Resonanz treten, einfach, weil sie ein Mensch ist. Oder eben nicht. Lächelt die Frau zurück, bekommen Sie einen Perspektivwechsel, eine kleine Mikroveränderung, die Sie vielleicht auf einen wichtigen Gedanken bringt. Der Tag besteht aus vielen solchen Momenten.

Ein Kapitel Ihres Buchs heißt „Werde reich“. Mit welcher Art von Reichtum lässt sich gegen destruktiven Superreichtum vorgehen?

Wir leben in Zeiten des Digitalkapitalismus und bewegen uns gleichzeitig auf allen möglichen digitalen Kanälen. Sie alle sind auf die eine oder andere Weise KI- und sozial-medial durchwirkt. Wir sprechen immer vom „Age of AI“, aber ist es vielleicht fast mehr noch „The Age of Marketing“. Wir alle – insbesondere Frauen – werden darauf getrimmt, uns ständig selbst zu vermarkten. Wir sollen uns dieses männliche Erfolgsmodell aneignen und der Welt zeigen, wie reich und erfolgreich wir sind. Ich finde das traurig. Denn der größte Reichtum liegt direkt vor oder neben uns. Und in uns selbst. Vielleicht ist unsere Aufgabe, nach unserer 80-jährigen Nachbarin zu schauen, die wir schon seit drei Tagen nicht mehr gesehen haben. Vielleicht ist unsere Aufgabe, Liebe zu schenken und in Verbundenheit zu leben. Wir denken oft nur an romantische Liebe, aber wir können auch unsere Arbeit oder grundsätzlich Menschen und alle Lebewesen lieben. „Gut“ zu sein, das ganz banale Gute im Alltag zu vermehren, das macht glücklich und macht resilient.

Soll ein gutes Herz wirklich mächtiger sein als die superreichen Tech-Bros?

Ich glaube, das ist die einzige Möglichkeit, der Ideologie des „Überlebens der Reichsten“ entgegenzuwirken. Meine Inspiration für diese Sichtweise ist der Medientheoretiker und Humanist Douglas Rushkoff, der die Mächtigen des Silicon Valley persönlich kennt und das Buch „Survival of the Richest“ geschrieben hat. Er ist der Meinung, dass die einzige Chance, die wir haben, darin besteht, uns mit anderen Kulturen und Menschen zu verbinden und eine neue Definition von Reichtum zu entwickeln. Für uns Frauen bedeutet das auch Sisterhood. Ein echtes, authentisches Wir. Wir sollten gemeinsam inneren Reichtum anhäufen – und zwar genau jetzt! Und nicht erst, wenn wir alle Aufgaben im vorauseilenden Gehorsam erledigt haben. Dann ist es zu spät.

Die in den letzten Wochen und Monaten publik gewordenen Fälle digitaler und sexualisierter Gewalt sorgen verständlicherweise für viel Angst und Wut unter Frauen. Die 4B-Bewegung in Korea, der Buchtitel „Mit Männern leben“ von Manon Garcia sowie ein viraler Vogue-Artikel mit dem Titel „Is having a boyfriend embarrassing?“ verdeutlichen eine zunehmende Distanzierung. Wo liegt die Grenze zwischen Selbstschutz und Verbindung?

Das ist eine sehr wichtige Frage. Ich denke, der Grund, warum Männer sich in unserer Wahrnehmung oft enttäuschend verhalten, hängt stark mit ihren Privilegien zusammen. Als Mann sind Sie qua Geschlecht und Physis privilegiert. Und es ist oft die schwierigste, komplexeste Aufgabe für Frauen – insbesondere für Gewaltbetroffene –, diesen inneren Reichtum aufzubringen, wieder Leichtigkeit zu finden und Männern neue Chancen zu geben. Die Chance, die Welt anders zu sehen, anders zu fühlen und sich selbst anders zu betrachten. Wie viele Chancen ich als Frau zu vergeben habe, liegt bei mir. Wir müssen lernen, erwachsen zu sein, und selbstverantwortlich handeln. Das bedeutet einerseits, keine gesellschaftliche Gruppe vorzuverurteilen, und andererseits, als erwachsene, mündige Frauen über unser Leben zu entscheiden.

Wie werden wir zu selbstverantwortlichen Marsmädchen, die sich der Technokratie und Bro Culture entgegenstellen?

Da muss ich zurück zu den Stoikern gehen: Bewahren Sie Ihren Fokus. Überlegen Sie sich in diesem Augenblick, was jetzt in Ihrer Macht liegt und was nicht. Unabhängig von anderen Themen und Umständen. Was kann ich beeinflussen? Darin liegt meiner Meinung nach die Zukunft und damit auch die Leichtigkeit. Das umfasst auch alles, was ich vorhin gesagt habe: Dinge mit Liebe angehen, Menschen wirklich ansehen, sie ernst nehmen. Wir sollten unsere rosarote Brille abnehmen und den patriarchalen Bizeps entzaubern! Und uns trotzdem unsere Leichtigkeit bewahren.

Was meinen Sie damit?

Es geht um eine neue Art weiblicher Stärke. Das bedeutet zu erkennen, wie die vermeintlich hypermaskulinen Bros mit ihren Milliardeninvestitionen unser Leben, die KI und die globale Sicherheit gefährden und beeinflussen. Und auch anzuerkennen, dass Starksein nicht männlich, sondern neutral ist. Bauen Sie auf eine Zukunft, die nicht auf Dominanz und Kontrolle basiert, sondern auf Verbundenheit und Freiheit. Marsmädchen setzen sich für das Leben kommender Generationen ein – mit Common Sense und Realismus, aber auch mit Fantasie.


Die Bestseller-Autorin  wird beim Authors-MeetUp auf der herCAREER Expo 2026 ihr neues Buch „Zukunft ist kein Männerding“ vorstellen.

herCAREER Expo | 22.+ 23. Okt. 2026 | MOC, München
Do. 22. Okt. 9:30 –17:30 Uhr | Fr. 23. Okt. 9:30 – 16:30 Uhr

Mehr Infos hier: https://www.her-career.com/expo/

Der Beitrag ist Teil einer Content Kooperation von sheconomy & herCAREER und wurde zuvor bereits auf www.her-career.com veröffentlicht.

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