Mit 58 hat Carina Felzmann ihre Kommunikationsagentur übergeben, die sie 25 Jahre lang geleitet hatte. Statt in den Ruhestand zu gehen, nahm sie das Mikrofon in die Hand. In ihrem Podcast „Nonna: Restart! Eine berufliche Heldinnenreise 50+“ lädt sie seither Frauen (und auch Männer) zum Gespräch, die sich beruflich noch einmal neu erfinden. Über 100 Geschichten sind so zusammengekommen, ihre Botschaft: 50 ist Startlinie, nicht Endstation. Heute ist Felzmann Podcasterin, Coach und Angestellte im gemeinnützigen Verein „PatInnen für alle“.

Mit dem Namen „Nonna“ bricht sie bewusst ein altes Bild auf: Großmütter, die sich heute für Startups, Krypto und KI interessieren, nicht fürs Häkeldeckchen. sheconomy ist Felzmann übrigens seit Langem verbunden. In den Anfängen hat sie unser Magazin als Mitgründerin geprägt. Ein Gespräch über Neuanfänge, Mut und die Frage, die am Anfang stand: Geht das überhaupt noch in dem Alter?

Ihr Podcast macht sichtbar, wie überholt viele unserer Bilder vom Alter inzwischen sind. Trotzdem halten sich über Frauen 50+ und berufliche Veränderung hartnäckige Vorurteile. Welches davon haben Ihre über Interviews am gründlichsten widerlegt?

Die Unterstellung, Ältere wollten nicht mehr lernen. Aus der Hirnforschung wissen wir, lernen ist eine Frage des Interesses und keine des Alters. Ich hatte zum Beispiel keine Ahnung, wie man einen Podcast macht. Mein erster Schritt war eine KI-Ausbildung, heute habe ich meine digitalen Assistenten. Man darf eben nicht alle in einen Topf werfen, in jeder Altersgruppe gibt es die Engagierten mit viel Energie und jene, die weniger agil sind.

Nach 25 Jahren haben Sie Ihre Kommunikationsagentur übergeben und sich bewusst wieder zur Anfängerin gemacht. Wie schwer war es, dieses Lebenswerk loszulassen?

Loslassen konnte ich gut. Ich habe die Sache möglichst nüchtern betrachtet, obwohl die Firma mein Baby war. Ich dachte mir, ich mache die Agentur seit einem Vierteljahrhundert, ich darf das weitergeben. Mit 57 ist die Hälfte der Lebensspanne vorbei. Das ist ein guter Moment, bewusst hinzuschauen und sich zu fragen, was will ich eigentlich noch machen? Habe ich meine Berufung gefunden? Natürlich habe ich auch manchmal gedacht, vielleicht war das meine Berufung, und jetzt habe ich sie hergegeben. Aber die Vorfreude darauf, dass etwas Neues auf mich wartet, war größer.

Sie sagen, jeder Wandel beginnt mit der Frage „Was will ich wirklich?“. Das klingt einfach, ist es aber für viele nicht. Woher weiß ich überhaupt, was ich will?

Ich würde zuerst überlegen, ob ich in meiner Tätigkeit meine Werte leben kann. Den eigenen Werten kommst du auf die Spur, indem du an einen beruflichen Moment zurückdenkst, wo du dachtest: ‚Darin bin ich richtig gut.‘ Genau da hast du deine Werte gelebt. Für mich ist zum Beispiel Freiheit ein hoher Wert. Eine weitere Möglichkeit: Frag dich, was du als Kind am liebsten gespielt hast. Wenn du mit dem arbeitest, was in dir angelegt ist, wird es dir immer leicht vorkommen.

Über 100 Held*innenreisen sind in Ihrem Podcast bisher zusammengekommen. Welche dieser Geschichten ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Es gibt so viele gute. Aber ein Satz von Eva Aderyn, die mit 70 Jahren eines der einsamsten Hotels der Welt in den Highlands in Schottland führt, kommt mir immer wieder in den Sinn. Wenn es schwierig wird, denkt sie daran, was sie schon alles geschafft hat und sagt sich: „Was soll da noch passieren?“ Meine Lieblingsgeschichten sind die des Mutes und des Dranbleibens. Beatrice Ferolli etwa kam mit 92 zu mir. Sie hat früher Drehbücher geschrieben, war Schauspielerin, hat eine Musical-Klasse aufgebaut und mit 65 noch eine Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin gemacht. Wahnsinnig inspirierend. Die Fachinterviews mit AMS-Vorständin Petra Draxl oder Martin Kocher, heute Nationalbank-Gouverneur und davor Arbeitsminister, ergänzen das Bild auf der Metaebene.

Mut ist das, was es braucht, wenn man Unbekanntes wagt. Gibt es aus Ihren Gesprächen einen gemeinsamen Nenner, woher dieser Mut kommt und wie ermutigen Sie eine Frau 50+, die zweifelt, den Schritt trotzdem zu gehen?

Mut kommt oft aus Unzufriedenheit oder aus dem Erkennen, dass das, was ich tue, mich nicht erfüllt. Manchmal ist es auch eine Krankheit oder ein Unfall, der jemanden aus der bequemen Situation herausschießt. Einer Zweiflerin rate ich: Du musst nicht gleich ins kalte Wasser springen. Sammle so viele Informationen wie möglich, dann wird das Paket kleiner. Und falls doch etwas schiefläuft: Scheitern ist kein Endpunkt, sondern ein Lernprogramm. Jeder Rückschlag bringt dich weiter.

Die wirtschaftliche Lage ist gerade nicht einfach. Wie steht man wieder auf, wenn man überraschend den Job verliert oder mit dem eigenen Unternehmen insolvent wird?

Zuerst brauche ich Klarheit: Wo stehe ich? Das Drama wird natürlich umso größer, je mehr finanzielle Unsicherheit da ist: Habe ich Spielraum oder nicht? Beruhigend ist, dass es am Arbeitsmarkt nur eine Frage der Zeit ist, weil schlicht zu wenige nachkommen. Dann gilt dasselbe wie sonst: Was will ich, was kann ich, wen kenne ich? Und man muss mit dem Umfeld reden. Wenn die Leute nicht wissen, wie es dir geht, können sie nicht helfen. Ich würde auf jeden Fall weiterlernen und mich mit inspirierenden Menschen umgeben.

Warum ist es so wichtig – volkswirtschaftlich wie für die Frauen selbst -, dass sie länger erwerbstätig bleiben? Und hat sich das Bild vom Ruhestand inzwischen gewandelt?

Wirtschaftlich ist die Sache klar: In den nächsten zehn Jahren gehen in Österreich rund 660.000 Menschen in Pension, und es kommen viel zu wenige nach. Für die Frauen selbst geht es um finanzielle Unabhängigkeit und darum, Altersarmut zu vermeiden, das ist nach wie vor ein großes Thema. Und das Bild vom Ruhestand ist überholt. Klar, manche sehnen sich nach der klassischen Pension, aber wir leben länger und bleiben länger fit. Dass Österreicherinnen im Schnitt rund 30 Jahre in Pension verbringen, ist eine enorme Zeitspanne. Wer aus dem Berufsleben ausscheidet, verliert oft als Erstes seine Kontakte, und genau die halten uns fit. Ich glaube einfach nicht, dass so viele wirklich nur Blümchen gießen wollen …

Die Deloitte-Studie „Aging Workforce“ zeigt einen Widerspruch: Drei Viertel der Unternehmen halten 50+ für zunehmend wichtig, aber nur 13 % betreiben Employer Branding dafür. Warum nutzen so wenige das Potenzial und was bringen erfahrene Mitarbeiter*innen mit, das Jüngere noch nicht haben?

Das Wissen ist da, aber es kommt noch nicht im Handeln an. Ältere werden für ihr Fachwissen geschätzt und sind sehr loyal, trotzdem investieren Unternehmen kaum in ihre Bindung oder Weiterbildung. Mit 50 wäre ich noch 15 Jahre loyale Mitarbeiterin. Wenn sich aber niemand um mich kümmert, gehe ich. Dabei bringen Ältere viel mit: Know-how, Gelassenheit, Resilienz und Lebenserfahrung, die du nicht abkürzen kannst. Was es braucht, ist ein Umdenken: Gemischte Teams funktionieren super, aber das muss vom ganzen Unternehmen getragen werden, und nicht einzelnen Personen umgehängt werden.

Wenn eine Frau mit 65 an die Unternehmensspitze wechselt, sorgt das für Aufsehen. Wäre es ein Mann, würde es kaum jemanden interessieren. Warum wird hier mit zweierlei Maß gemessen?

Das sind einfach die alten Bilder. Es sind noch nicht viele Frauen in solchen Positionen, daran müssen wir uns erst gewöhnen. Alles Neue regt zuerst auf, aber entspannt euch. Wir sind viele, mit starken Persönlichkeiten, und es werden mehr. Die Wirtschaft wird enormen Druck bekommen, die Bilder werden selbstverständlicher und in fünf bis zehn Jahren ist das keine Überraschung mehr. Das sind jetzt die Speerspitzen.

Bei Frauen scheint es ohnehin nie das „richtige“ Alter zu geben. Erst ist man zu jung, dann im Alter, in dem man Kinder bekommen könnte, dann zu alt …

Solche Diskussionen sind sinnlos. Geh von dem aus, was ist: Hast du die Kompetenz, das Auftreten, bringst du mit, was die Firma oder das Projekt braucht? Dann mach. Und lern, den Mund aufzumachen, bestimmte Dinge muss man einfach nicht mehr akzeptieren.

Zum Schluss: Gibt es den einen Satz, den Sie jeder Frau mitgeben, die mitten im Neustart steht und gerade zweifelt?

Stay fresh! Das heißt: Beweg dich, tu was, bleib dran. Wenn ich dranbleibe und mich bewege, sammle ich Informationen, bekomme Impulse – das schärft mein Bild, wenn meine Vision noch nicht klar ist. Dann sehe ich Dinge, die mich vielleicht noch mehr anziehen.

Roland Unger
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