Vom Überleben zum Gestalten – was heißt das für Sie ganz konkret im Arbeitsalltag von Frauen in Bau und Handwerk?

Andrea Wind: Als Frau in einer konservativen, männlich dominierten Branche muss man häufig mehr leisten, um die gleiche Anerkennung oder Bezahlung zu erhalten. Der Umgangston ist teilweise veraltet und sexistisch. Fachliche Meinungen von Frauen werden weniger ernst genommen, man wird schneller abgestempelt – etwa als „zu emotional“ oder „schwierig“ – oder auf das Äußere reduziert.

Diese Erfahrungen wirken sich langfristig auf das Selbstwertgefühl aus. Deshalb ist es wichtig, das eigene Selbstbewusstsein zu stärken und sich besser abzugrenzen, um aus dem reinen Überlebensmodus herauszukommen.

Veränderung gelingt nur, wenn Frauen auf der Gestaltungsebene mitentscheiden. Da Führungspositionen in der Bau- und Handwerksbranche noch immer überwiegend männlich besetzt sind, müssen Frauen selbst dorthin kommen, auch wenn es oft nicht leicht ist, überhaupt gehört zu werden. Mir persönlich haben ein gesundes Selbstbewusstsein, Leistung und strategisches Vorgehen geholfen, schließlich auf Managementebene mitzuwirken und aktiv mitzugestalten.

Aufstieg und Mitentscheiden in diesen Branchen sind für Frauen also besonders herausfordernd. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit sich etwas ändert?

Erstens: Bewusstsein schaffen. Ich habe gemerkt, dass meine männlichen Kollegen gewisse Dinge “nicht böse gemeint haben”, weil einfach kein Bewusstsein da ist. Ich habe auch mit tollen Männern gearbeitet, die immer wieder gesagt haben, “danke, dass du mich darauf hingewiesen hast, dass man so nicht mit Frauen spricht, das war mir vorher nicht bewusst”. Vor allem im Handwerk trifft man eher auf Männer, die einfach anders sozialisiert wurden, zum Beispiel einen anderen Bildungs- oder Migrationshintergrund haben und das spielt natürlich mit.

Zweitens: Male Allyship. Ich glaube, dass auch die männlichen Kollegen in der Branche teilweise unter den Bedingungen leiden, aber es traut sich keiner, sich dazu zu bekennen, um nicht als “schwach” zu gelten. Wichtig wäre, dass die Gestalter sich solidarisch zeigen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Männer Teil der Lösung sind und wir sie brauchen, um wirklich etwas zu verändern. 

Sie haben sich vor kurzem selbstständig gemacht. Welche Probleme und Herausforderungen wollen Sie für Frauen im Bau und Handwerk lösen?

Zum einen werde ich als Trainerin für Frauen aus Bau- und Handwerk tätig sein. Hier wird es Workshops, 1:1-Mentoring-Programme und Netzwerktreffen geben, wo ich all meine Learnings, Strategien und Inputs aus dem Bereich Persönlichkeitsentwicklung aus meiner jahrelangen Erfahrung in der Branche weitergebe. Ich will damit Frauen ein Gefühl von Zusammenhalt und innerer Stärke vermitteln und sie dabei unterstützen, im Berufsalltag gut zu bestehen.

Zum anderen gebe ich mein fachspezifisches Wissen in Bezug auf Digitalisierung im Handwerk in beratender Tätigkeit an Firmen weiter. Handwerksbetriebe sind neben dem Baustellen-Alltag mit dem Thema Digitalisierung oft überfordert. Es gibt mittlerweile so viele Lösungen, jede IT-Firma verkauft dir das beste Programm, aber niemand setzt sich mit Büro und Baustelle hin und bildet es individuell ab. Es kann unterstützen, wenn dir jemand sagen kann, mit welchem Prozess es Sinn macht, anzufangen, um dann eines nach dem anderen zu digitalisieren und nicht alles auf einmal.

Was macht Jobs in der Bau- und Handwerksbranche attraktiv – besonders für Frauen, aber auch ganz generell als Karriereweg?

Ich denke, dass vor allem das Handwerk noch goldene Zeiten erleben wird, denn das ist eine Berufssparte, die uns die KI nicht so schnell ersetzen wird. Außerdem sieht man am Ende des Tages, was man gemacht hat – wenn zum Beispiel eine Person vom Büro nach Hause geht, wird diese vielleicht sagen, “ich habe tausend Telefonate geführt und Mails beantwortet”. Eine Bodenlegerin findet einen kahlen Untergrund vor und verwandelt diesen innerhalb eines Tages in einen wunderschönen Parkettboden – wie cool ist das denn? Wenn man nicht ausführend arbeitet, kann man zum Beispiel als Konstrukteurin, die Kindergärten oder Krankenhäuser plant, einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft leisten.

Was müssten Betriebe verändern, damit die Jobs attraktiver werden – und zwar nicht nur auf dem Papier, sondern spürbar?

Aus meiner Sicht spielt der Umgangston und das Begegnen auf Augenhöhe eine große Rolle. Das gilt nicht nur für Mann/Frau, sondern auch für Büro/Baustelle. Außerdem den Mitarbeitenden wirklich das Gefühl von “gesehen, gehört, verstanden” zu geben. Wir alle sind Menschen, wir haben Gefühle und Themen, die uns beschäftigen. Es gilt, sich im Berufsalltag besser darauf einzustellen, anstatt immer nur noch schneller, noch weiter und noch mehr zu wollen. Ich habe in meinen Funktionen stets versucht, meinem Team zu vermitteln: Du bist ein gleich wichtiges Zahnrad im Großen Ganzen, egal welche Tätigkeit du ausführst und wenn du ein Problem hast, dann höre ich dir zu und nehme dich ernst.

Welche Rolle kann die Digitalisierung von Prozessen dabei spielen, um Planbarkeit und Vereinbarkeit realistischer zu machen?

Die Digitalisierung von Prozessen ist ein zentraler Hebel für Planbarkeit und Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sie ermöglicht flexibles Arbeiten – etwa bei Pflegeurlaub oder sonstigen kurzfristigen Ausfällen – sodass wichtige Aufgaben auch von zu Hause erledigt werden können. Wenn Prozesse klar digital organisiert sind, läuft das Tagesgeschäft weiter und familiäre Verantwortung lässt sich realistischer mit dem Beruf vereinbaren.

Lehr- und Ausbildungsberufe werden oft unterschätzt und teils schlechter wahrgenommen als akademische Wege. Woran liegt das und wie könnte man das Image drehen?

Das Mindset unserer Gesellschaft muss auf jeden Fall weg von “nur wenn du studiert hast bist du wer” hin zu “jeder Mensch hat Talente und es gibt viele verschiedene Wege damit Geld zu verdienen”. Verdienst und der Umgangston sind sicher auch ein Thema. In Bezug auf Handwerk verstehe ich junge Menschen schon, die sagen, ich will nicht von früh bis spät auf der Baustelle hart arbeiten und mir am Ende des Tages kein gutes Leben leisten können. Ich denke, das ist ein grundlegendes Thema: Leistung muss wieder mehr wert werden.

Welchen Satz würden Sie Jugendlichen (und ihrem Umfeld) mitgeben, warum eine Lehre kein „Plan B“, sondern ein starker Start sein kann?

Als Handwerkerin wirst du in Zukunft am Arbeitsmarkt unersetzbar sein, und alles, was du lernst, kannst du dir auch im privaten Bereich von Nutzen machen. Studieren und viele Bücher lesen kann heutzutage schnell einmal wer. Mit der Maurerkelle umgehen und ein Haus bauen? Not so many!

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