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Vom Bauernhof in den Banken-Vorstand

Die Vorständin der Stadtsparkasse München Marlies Mirbeth im Gespräch über Karriere, Erfolg, Widerstände, Digitalisierung und die Zeit danach.

In den Top-Etagen der deutschen Kreditwirtschaft gehören sie zu den seltenen Spezies. Nach Erhebungen aus dem Jahre 2018 beschäftigten die 50 größten Banken insgesamt 226 Vorstände. Davon waren lediglich 21 Frauen. Die Stadtsparkasse München als viertgrößte Sparkasse im Land bildet aktuell die Ausnahmen. Allerdings gehörte auch diese Bank nicht zu den „first movern“: das 1824 gegründete Kreditinstitut berief 2006 erstmals eine Frau in den Vorstand. Seitdem bestimmt mit Marlies Mirbeth eine weibliche Vorständin gemeinsam mit ihren drei männlichen Kollegen den Kurs der Bank. Offensichtlich ganz erfolgreich: Jeder zweite Münchner ist heute Kunde der Stadtsparkasse. Marlies Mirbeth ist jedoch nicht nur eine von neun Vorständinnen unter den größten 100 Banken: sie dürfte auch eine der wenigen Frauen unter den Bankerinnen sein, die es mit einer klassischen Lehre über sämtliche Stationen bis in den Vorstand geschafft hat. Vom Bauernhof ihrer Eltern in der Oberpfalz nach Lehre und berufsbegleitenden Studium bis in den Vorstand in die Landeshauptstadt. 

Frau Mirbeth – würde es eine Frau über die klassische Ausbildung auch heute noch in den Vorstand einer Bank schaffen?

Ich sehe diese Frage zweigeteilt. Einerseits sind die aufsichtsrechtlichen Anforderungen derart gestiegen, dass der Weg sicherlich schwierig oder nur mit einigen Zwischenstationen möglich wäre. Zum zweiten glaube ich, dass es Frauen heute leichter haben als damals.

Wie hoch ist der Anteil der Frauen bei der Stadtsparkasse?

62% der Gesamtbelegschaft sind Frauen.

Und wie hoch ist er in den Führungspositionen?

25,4% der Führungskräfte sind Frauen.

Woran liegt es, dass Frauen in Führung in der Finanzwelt nach wie vor so selten anzutreffen sind?

Das hat sehr viel mit dem Anforderungsprofil zu tun. Denn um die aufsichtsrechtlichen Kriterien zu erfüllen, muss man rechtzeitig mit der Karriereplanung beginnen und Stationen wie Gesamtbanksteuerung und Unternehmenskundengeschäft absolvieren. Die individuelle Förderung muss sich noch mehr darauf ausrichten, da es bisher überwiegend männliche Vorbilder und Chefs gibt.

Braucht es für Ihre Branche eine Quote?

Ich sage eher nein, da es meines Erachtens wichtiger ist, dass rechtzeitig mit dem Bewusstmachen von Karrierevoraussetzungen begonnen wird und darauf die individuelle Förderung aufsetzt.

Rückblickend betrachtet: Waren es auch Frauen, die wichtige Weichen für Ihre Karriere gestellt haben?

Im unterstützenden und fördernden Sinne nein, da die Führungsriege überwiegend beziehungsweise fast ausschließlich männlich war.

Und – wie steht es um die Akzeptanz? Nehmen Sie wahr, dass männliche Mitarbeiter heute weniger „Probleme“ damit haben, Frauen als Chefs zu akzeptieren?

Das habe ich noch nie wahrgenommen. Eine Anfangsskepsis ist bei jedem neuen Chef oder Chefin vorhanden. Nach dem ersten Beschnuppern geht es um Kompetenz, Führung und Vorbildfunktion: Man muß authentisch auftreten.

Der Job in einer Bank galt über Jahrzehnte als krisensicher. Das hat sich in den vergangenen Jahren radikal verändert. Auch Ihr Bankhaus hat in der Vergangenheit bereits Filialen geschlossen. Lassen Sie uns einen Blick in die Glaskugel wagen. Im Jahr 1957 gab es 13.359 Kreditinstitute in Deutschland. Seitdem ging die Anzahl um 87,15 Prozent zurück. Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?

Die Geschwindigkeit der Veränderung wird weiter zunehmen. Es wird zum Beispiel völlig neue, noch unbekannte Beratungs- und Zahlungsmethoden geben. Das fordert auch eine hohe Veränderungskompetenz beim Management und bei Mitarbeitern. Die Branche wird sich meines Erachtens noch gravierend verändern.

Die Digitalisierung hat in unserer Gesellschaft während der Pandemie eine ungeheure Dynamik erfahren. Wie wirkt sich dieser Prozess gegenwärtig auf Ihre Branche aus?

Sehr fördernd bezüglich Bezahlsystemen bei den Händlern, Online-Banking und digitaler Beratung. All das hat sich sehr positiv entwickelt, sowohl bei den Kunden wie auch bei den Mitarbeitern, ebenso die ganzen digitalen Meeting Formate.

Aus heutiger Perspektive: Wer hat Sie am meisten motiviert? Haben bzw. hatten Sie Vorbilder?

Mich hat schon immer motiviert, wenn mir etwas zugetraut wurde und ich Verantwortung übernehmen konnte. Geprägt wurde ich sicherlich auch von meinem Umfeld und Menschen, die man nicht immer gleich als Vorbild definiert zum Beispiel meine Mutter, die den Grundstein gelegt hat. Von ihr habe ich viele Werte mitbekommen aber auch gelernt wie wichtig Unabhängigkeit für ein selbständiges Leben ist, mental und finanziell.

Der wichtigste Schritt in Ihrer beruflichen Karriere?

Die vertraute und geliebte Kundenberatung in Regensburg zu verlassen um in der Zentrale strategische und innovative Themen, z.B. den Aufbau vom Direkt-Marketing zu verantworten und die erste Führungsaufgabe in Oberbayern für das Kundengeschäft zu übernehmen.

Verraten Sie uns auch die persönlich am Härtesten empfundene Niederlage?

Als ich erfahren musste, dass nach einer Umstrukturierung die Besetzung der neuen Positionen ohne ein persönliches Gespräch gegen mich entschieden wurde und das durch einen ersten weiblichen Vorstand. Daher wehre ich mich dagegen, bestimmte Muster nur dem Geschlecht zuzuordnen. Es muss sich Gleichbehandlung und nicht nur Gleichberechtigung etablieren.

An anderer Stelle haben Sie immer wieder die Bedeutung von Netzwerken für Ihre Karriere und ihren Alltag im Beruf unterstrichen? Welchem Netzwerk gehören Sie an? Und welchen Nutzen haben Sie aus Ihrem Netzwerk gezogen?

Berufliche Netzwerke sollten Nutzen stiftend sein und erst nachgelagert nach persönlichen Motiven gepflegt werden. Schön, wenn beides sich ergänzt. Daher schätze ich auch gemischte und branchenübergreifende Netzwerke, beginnend beim Wirtschaftsbeirat, über das Forum Frauen Verbinden, bis hin zu Linklaters.

Gibt es ein Frauennetzwerk, in dem sich weibliche Führungskräfte der Finanzwirtschaft austauschen? Oder sind Netzwerke in Ihrer Welt geschlechtsneutral?

Das oben genannte Netzwerk Linklaters ist sehr branchenspezifisch und pflegt auch einen Schwerpunkt für Managerinnen.

Sie scheiden im Sommer dieses Jahres aus dem Vorstand der Stadtsparkasse aus. Und nach Stand der Dinge wird wieder eine Frau an die Spitze der Stadtsparkasse München berufen. Haben Sie für die kommenden Generationen der weiblichen Top-Bankerinnen in Ihrem Kreditinstitut das „Eis gebrochen“?

Möglicherweise, aber entschieden hat die Nachbesetzung der Verwaltungsrat. Ich freue mich darüber, Vorbild zu sein.

Gibt es „Ratschläge“, die sie ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg geben?

Ratschläge sind, glaube ich, nicht wirklich gefragt auf unserer Ebene. Ich freue mich aber über einen Gedankenaustausch und auf ein persönliches Kennenlernen.

Sie standen beruflich seit Jahrzehnten unter „Hochspannung“. Wie wird Ihr Leben danach aussehen? Werden Sie sich von einem auf den anderen Tag im Sommer ganz ins Privatleben verabschieden? Oder bleiben Sie der Finanzwelt noch erhalten?

Ich werde mich erstmal verabschieden und den Freiraum für Menschen und Begegnungen nutzen, für die ich bisher zu wenig Zeit hatte – darauf freue ich mich.

Zum Schluss eine Frage an die Spezialistin für Private Banking: Wie würden Sie 100.000 € mittel- bis langfristig anlegen?

Es wäre unseriös, diese Frage zu beantworten ohne das Vermögen, die Risikobereitschaft und den Zeithorizont zu kennen. Auf jeden Fall nicht alles auf eine Karte setzen und die Asset Allocation nach den oben genannten Kriterien strukturieren.

Frau Mirbeth – wir bedanken uns für das Gespräch

Foto: Marlies Mirbeth, Vorstand Stadtsparkasse München – Die Bank unserer Stadt

Fotorecht: heller&partner

www.sskm.de

Das Interview führte Yvonne Molek

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