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Kopf der Woche: Carolin Stüdemann

Carolin Stüdemann ist Geschäftsführende Vorständin der gemeinnützigen Organisation Viva con Agua mit Sitz in Hamburg. Dort setzt sie sich für den weltweiten Zugang von sauberem Trinkwasser und sanitärer Grundversorgung ein.

Bei Viva con Agua de St. Pauli e. V. ist Carolin Stüdemann seit September 2018 leitend tätig. Für die 30-Jährige ist das bereits die zweite Führungsposition, die sie bekleidet. Im Alter von 24 Jahren wurde sie zum ersten Mal Chefin einer stationären Jugendhilfeeinrichtung. Sie war für 22 Mitarbeiter*innen und das Budget der Organisation verantwortlich. Damals plagten sie Selbstzweifel, verrät Carolin Stüdemann in einem Interview mit der taz. Heute ist sie New Leadership Expertin und spricht regelmäßig auf Veranstaltungen über ihren Führungsstil bei Viva con Agua. Im Interview mit SHEconomy spricht Carolin Stüdemann über Chancengleichheit und darüber, wie entscheidend der gesicherte Zugang zu sauberem Trinkwasser und Hygiene-Artikel für Gender Equality ist.

Welches Klischee rund um Frauen im Job können Sie nicht mehr hören?

Wenn ich persönlich mit Klischees in Bezug auf meine Person konfrontiert werde, versuche ich diese bestmöglich zu ignorieren und zu umschiffen. Es gibt so viel wichtigere Themen, als in Stereotypen und Eindimensionalität verhaftet zu bleiben. Genau dieses Feedback bekommt mein Gegenüber dann auch zu hören.

Sind Sie Feministin?

Ja, definitiv. Vor allem in Bezug auf Chancengleichheit, die mir ein großes Anliegen ist. Ich lese viel darüber, bin jedoch nicht aktivistisch oder politisch in dem Bereich tätig. Als Geschäftsführerin mit einem 28-köpfigen Team habe ich viele komplexe Aufgaben zu bewältigen, die meinen gesamten Fokus benötigen. Chancengleichheit, auch in Bezug auf gleiche Bezahlung oder Fortbildungsangebote, sind aber auch intern Themen, für die ich mich einsetze.

Was war die größte Hürde, die Sie auf Ihrem bisherigen Karriereweg gemeistert haben?

Die größte Hürde war es für mich, im Alter von 24 eine Führungsrolle in einer sozialen Einrichtung zu übernehmen und die Verantwortung zu schultern. Daran durfte ich wachsen und habe viel dabei gelernt. Ich bin bis heute dankbar dafür, dass die Zusammenarbeit mit meinen Mitarbeiter*innen so gut geklappt hat.

Was motiviert Sie jeden Tag Ihr Bestes zu geben?

579 Millionen Menschen weltweit haben keinen gesicherten Zugang zu sauberem Trinkwasser. Das ist für mich eine riesige Motivation: mit unserer Arbeit eine Veränderung bewirken. Wasser schützt nicht nur die Gesundheit sondern sichert auch Zukunftsperspektiven. Insbesondere Frauen verbringen täglich viele Stunden damit, Wasser für die Familie oder die Community zu beschaffen, da die Brunnen häufig weit entfernt sind. Mit einer gesicherten Wasserquelle in unmittelbarer Umgebung, reduziert sich die Zeit, die sie dafür aufwenden – und sie können die Zeit sinnvoll nutzen.

Wie gehen Sie mit beruflichen Rückschlägen um?

Insgesamt hilft mir Sport, immer wieder neue Energie zu sammeln und einen klaren Kopf zu bekommen. Ich denke, dass Hoch- und Tiefphasen ganz normal zum Leben gehören und es an uns liegt, wie wir mit diesen umgehen. Ich frage mich immer: was erwartet das Leben von mir? Wie kann ich bestmöglich mit den Herausforderungen umgehen und mich dadurch weiterentwickeln? Eine große Unterstützung ist auch mein Ehemann, mit dem ich alle meine Gedanken teilen kann.

Welche drei Eigenschaften helfen Ihnen dabei, erfolgreich zu sein?

Optimismus – ich bin fest davon überzeugt, dass es zukünftig viele positive Entwicklungen hin zu mehr Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit geben wird.
Energie – meine Motivation und mein Elan helfen mir auch bei schwierigen Themen die notwendigen Extra-Meter zu gehen.
Neugier – mich fasziniert die Vielfalt des Lebens und ich versuche jeden Tag etwas Neues zu lernen.

Haben Sie ein weibliches Vorbild?

Es gibt viele starke Frauen, die mich durch ihr Handeln und Wirken inspirieren. Aber mein größtes  persönliches Vorbild ist mein Opa, der trotz vieler persönlicher Rückschläge stets das Positive sieht und jeden Tag mit großem Optimismus beginnt. Er ist sehr achtsam und erfreut sich an all den wunderschönen Kleinigkeiten des Alltags.

Was wären Ihrer Meinung nach die nächsten wichtigen Schritte in Richtung Gender Equality?

In dieser Frage bin ich keine Expertin und kann nur reproduzieren, was mir sinnvoll erscheint. Gleiche Bezahlung bei gleicher Leistung und Expertise zum Beispiel. Aber um Bezug zu nehmen auf unsere Vision „Wasser für Alle” und der damit einhergehenden Expertise: Tatsächlich ist der Zugang zu sauberem Trinkwasser eine elementare Grundlage für Gender Equality. Das Thema der Verantwortung hatten wir schon, eine große Rolle spielt aber zum Beispiel auch die Menstruation. Ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser und jeglicher Hygiene-Infrastruktur hat die Menstruation in vielen Ländern, in denen wir aktiv sind, stark ausgrenzende Wirkung. Menstruierende Menschen gehen nicht mehr zur Schule, oder bewegen sich teilweise kaum aus dem Haus. Hier Veränderungen zu bewirken, ist notwendig für ein Empowerment von vielen Frauen weltweit.

Haben Sie das Gefühl, dass sich Frauen in ihrem jeweiligen Job oft doppelt oder dreifach anstrengen müssen?

Was ich so höre, ja. Ich kann das aber nicht adäquat beurteilen. Ich denke, dass die Rahmenbedingungen, also inwieweit Menschen ihr Know-how einbringen und sich entwickeln können, stark beeinflussen, ob Menschen ihr volles Potential entfalten. Hier beobachte ich, dass es Kontexte gibt, in denen insbesondere Frauen weniger gesehen und gefördert werden und sich aus diesem Grund noch stärker anstrengen müssen. Bei Viva con Agua hingegen beobachte ich, dass sich alle sehr anstrengen und voller intrinsischer Motivation sind. Wir wollen Rahmenbedingungen fördern, in denen jede*r individuell sein*ihr Bestes geben kann. Damit wir es schaffen können, dass Wasser als Menschenrecht Realität wird.

 

In Ländern wie Äthiopien und Uganda sind Trinkwasser und Hygiene keine Selbstverständlichkeit, darunter leiden insbesondere auch Frauen. Mädchen und Frauen sind traditionell dafür zuständig, Wasser zu holen. Viele sind stundenlang damit beschäftigt, zum nächsten Fluss und wieder zurück zu gehen, um die Familie mit Wasser zu versorgen. Das ist Zeit, die junge Frauen nicht in ihre Bildung investieren können. Viva con Agua greift dieses Problem auf ihrer Website auf: „Der Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglicht Frauen und Mädchen mehr Freiheiten. Gewonnene Zeit kann zielgerichtet genutzt werden: Sie können zur Schule gehen, starten eigene Unternehmen und haben mehr Einfluss auf die eigene Zukunft.“

Zudem hat in Ländern wie Äthiopien (8%), Sambia (14%), Uganda (21%),  weniger als ein Viertel der Bevölkerung die Möglichkeit, sich die Hände zu waschen oder Sanitäranlagen aufzusuchen. Für Frauen ist dies im Rahmen der Menstruationshygiene fatal. Viva con Agua veranstaltet am Menstrual Hygiene Day, am 28. Mai, einen Aktionstag, um auf die Situation dieser Frauen aufmerksam zu machen und das Thema Menstruation positiv zu besetzen.

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Fotomaterial© Felix Matthies

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