Die Empathie-Brille
Mit Extended Reality lässt sich die Welt anders erfahren. Das machen sich auch drei Startups zunutzte. Sie zeigen, wie es sich sich anfühlt, mit Seheinschränkungen zu leben, ausgegrenzt zu werden oder Reize anders zu verarbeiten – und stärken so das Verständnis füreinander.
Ich stehe in einer menschenleeren Fabrikhalle. Um mich herum riesige Maschinen und gestapelte Container. Plötzlich ändert sich meine Wahrnehmung: Kanten laufen aus, alles wird milchig, als hätte jemand einen Schleier über meine Augen gelegt. Dann leuchten gelb-grüne Bodenmarkierungen auf, die mir helfen, mich in der Halle zu orientieren.
Als ich die VR-Brille abnehme, kehrt die Welt zwar in gewohnter Schärfe zurück – doch für einen kurzen Moment habe ich gespürt, wie es sich anfühlt, wenn gutes Sehen eben keine Selbstverständlichkeit
ist. Was für mich nur eine Simulation war, ist für Millionen Menschen in Deutschland und Österreich Alltag. Und genau hier wird sichtbar, wo wir als Gesellschaft an Grenzen stoßen: Wie können wir Barrieren erkennen, die wir selbst nie erlebt haben? Wie sollen Architekt*innen wirklich inklusive Räume entwerfen, wenn ihnen die sensorische Erfahrung fehlt? Wie können Führungskräfte echte Teilhabe schaffen, wenn unbewusste Vorurteile unentdeckt bleiben? Drei Startups setzen genau hier an: Sie nutzen Extended Reality, um neue Perspektiven zu eröffnen – und so Barrieren abzubauen, die viele von uns nie bewusst wahrnehmen.
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„Barrierefreiheit beginnt mit Verständnis.“
Die Welt durch andere Augen sehen
Katharina Krösl hat die VR-Simulation entwickelt, die mich durch die Fabrikhalle geführt hat. Mit ihrem Spin-off XREye macht sie Sehbeeinträchtigungen erlebbar – von Hornhauterkrankungen über Farbblindheit bis zur Makuladegeneration. Die Informatikerin forschte an der TU Wien zu Beleuchtungslösungen für Menschen mit Sehbehinderungen und stellte dabei fest: Vielen Architekt*innen, Designer*innen und Pflegekräften ist gar nicht bewusst, wie stark ihre Entscheidungen den Alltag Betroffener prägen.
Daraufhin entwickelte sie ihre Software, die das Bild Pixel für Pixel verändert – weniger Kontrast, mehr Unschärfe, zusätzliche Blendung – und die Effekte zu einem realistischen Krankheitsbild zusammenfügt. Das Ergebnis bei Anwender*innen: erst Orientierungslosigkeit, dann ein Aha-Moment.

Ab dem kommenden Jahr will XREye Softwarelizenzen anbieten, die Pflegeschulen oder Kliniken zur Sensibilisierung oder Designbüros zur Prüfung von Barrierefreiheit nutzen können. Krösls Überzeugung: „Barrierefreiheit beginnt mit Verständnis – und das entsteht, wenn man einmal selbst erlebt, wie Barrieren für Menschen mit Sehbehinderungen aussehen und wie schon kleine Maßnahmen einen großen Unterschied machen können.“
Wenn der Reizfilter fehlt
Philipp Wolf weiß, wie es sich anfühlt, wenn das Gehirn anders funktioniert. Der deutsche Unternehmer, der heute in Montreal lebt, erhielt erst als Erwachsener die Diagnosen Autismus, ADHS und Hochbegabung. Gemeinsam mit Katie Mitchell hat er darum swyvl gegründet. Das Startup macht Neurodiversität in XR Erfahrungen erlebbar – und zeigt, dass nicht die Unterschiede in der Wahrnehmung das Problem sind, sondern die Umgebungen, die nur für neurotypische Menschen gestaltet wurden.
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„Barrierefreiheit bedeutet nicht, Defizite auszugleichen, sondern Unterschiede zu ermöglichen.“
swyvl setzt auf die filmische Adaption von Bild und Ton, um die Wahrnehmung in realistischen Szenarien zu verändern. Das sieht dann zum Beispiel so aus: In einem Restaurant-Szenario sitzt man einer Person gegenüber, man möchte sich unterhalten, während Geräusche, Licht und Stimmen unkontrolliert auf einen einprasseln. Der Reizfilter im Gehirn, den neurotypische Menschen automatisch haben, ist ausgeblendet. Man kann sich nicht mehr konzentrieren und ist vom Umfeld überfordert.

„Autismus ist nicht gleich Autismus“, präzisiert Wolf. Wahrnehmung bleibe immer individuell, geprägt von Biografie und Situation. Deshalb arbeitet swyvl nicht mit einer „Einheits-Erfahrung“, sondern mit Szenario-Bibliotheken und anpassbaren Parametern. Das Ziel: Akzeptanz schaffen. Wolf will zeigen, dass Neurodiversität kein Defizit ist, sondern dass Barrieren im Umfeld Menschen behindern.
„Barrierefreiheit bedeutet nicht, Defizite auszugleichen“, betont er. Sie bedeute, Unterschiede zu ermöglichen. Unternehmen, die ihre Arbeitsumgebungen neuroinklusiv gestalten, erschließen Potenziale, die sonst verloren gehen. Doch nicht nur sensorische Barrieren verhindern Teilhabe Oft sind es Vorurteile, die wir nicht einmal bemerken.
Im Körper der Anderen
Unbewusste Denkmuster beeinflussen, wen wir einstellen, wem wir zuhören und wen wir fördern. Studien der Universität Barcelona belegen, dass virtuelle Perspektivwechsel diese Bias deutlich reduzieren können – in manchen Fällen um bis zu 52 Prozent. Genau diesen Effekt macht sich das Berliner Startup wondder zunutze: Mit immersiven Simulationen hilft es dabei, unbewusste Denkmuster sichtbar zu machen und abzubauen.

In den Simulationen erlebt man über ein VR-Headset den Büroalltag einer anderen Person. Blickt man an sich hinunter, sieht man den Körper eines anderen Geschlechts oder eine andere Hautfarbe. Die Szenarien sind bewusst realistisch und subtil: Meetings, Bewerbungsgespräche, Pausensituationen. „Wenn ich mich in VR im Körper eines Menschen wiederfinde, den ich als ‚anders‘ wahrgenommen habe, kann mein Gehirn diese Trennung nicht mehr aufrechterhalten“, erklärt wondder-Mitgründer Mihai Streza.
Dieses Phänomen heißt Verkörperung, und es ist messbar: Bewegt sich der Avatar synchron mit, akzeptiert das Gehirn ihn als den eigenen Körper. Gemeinsam mit der TU Berlin hat wondder die Barcelona-Studie repliziert: Nach einer 30-minütigen Session sanken Vorurteile der Teilnehmer*innen signifikant.
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„Wenn ich mich in VR im Körper eines Menschen wiederfinde, den ich als ‚anders‘ wahrgenommen habe, kann mein Gehirn diese Trennung nicht mehr aufrechterhalten.“
Erst verstehen, dann handeln
Dass Technologie uns menschlicher werden lässt, klingt im ersten Moment vielleicht paradox. Die drei Unternehmen und mein Selbstversuch haben aber gezeigt: Wenn sie richtig eingesetzt wird und ethischen Richtlinien entspricht, kann VR ein Katalysator für Empathie werden. Weil sie uns ermöglicht, unsere eigene bequeme Perspektive zu verlassen, die Herausforderungen anderer Menschen zu spüren und dadurch mehr aufeinander zu achten, inklusive Räume zu schaffen und Arbeitswelten gerechter zu gestalten.
Als ich die VR-Brille abnahm, kehrte meine Sehkraft zurück. Doch das Gefühl blieb – und genau darum geht es, wie Philipp Wolf unterstreicht: „Wir alle haben andere Wahrnehmungen. Wenn wir das akzeptieren, entstehen Innovation und Produktivität – und wir schlagen uns weniger die Köpfe ein.“
Extended Reality (XR) ist ein Sammelbegriff für Technologien, die virtuelle und reale Inhalte mischen, überlagern oder die reale Umgebung vollständig ersetzen. Da die meisten dieser Anwendungen über Virtual-Reality-Brillen oder -Headsets erfolgen, wird oft auch nur von VR gesprochen.