Einhorn Periode Team-Shooting

Beim Kondomhersteller einhorn gibt es keine Chefs, keine Urlaubstage und keine Gehaltsverhandlungen. Mitarbeiter:innen, auch Einhörner genannt, entscheiden demokratisch und transparent über Projekte, Strategien und Gehälter. 

Kondome mit Pommes Frites Motiv, Binden und Menstruationstassen verpackt in bunten Boxen mit Illustrationen und Sprüchen darauf. Die Produkte von einhorn finden sich im Warenregal fast jeder Drogerie um die Ecke. Sie vermitteln Spaß und Leichtigkeit, zwei Dinge, die in der Verhütungs- und Menstruationsproduktbranche lange vernachlässigt wurden. Trügt der Schein oder macht es auch Spaß im Unternehmen einhorn zu arbeiten?

Manchmal mehr, manchmal weniger. Ideen wie jene, dass beim Abnehmen des Telefons ein Flachwitz erzählt werden muss, machen gute Laune. In Meetings fließen aber auch häufig Tränen. Niemanden an der Spitze des Unternehmens zu haben, keinen Chef, kann fordernd sein. Wer trifft unangenehme Entscheidungen? Wie werden Gehälter beschlossen? Aber erstmal zurück zum Anfang.

Vor knapp sechs Jahren haben zwei junge Männer ein Start-Up gegründet. Waldemar Zeiler und Philip Siefer waren in Berlin Kreuzberg als sie den Einfall hatten, vegane Kondome zu produzieren, fair mit Kautschukbauern zusammenzuarbeiten und eine ganz eigene Unternehmenskultur aufzubauen. Damit trafen die beiden damals nicht gerade den Nerv von Investoren, das wollten sie aber auch nicht. Sie wollten unabhängig sein, Arbeit und Wirtschaft in eine neue Richtung lenken. Heute arbeiten rund 23 Mitarbeiter:innen bei einhorn („Einhörner“) und die beiden Gründer sind gefragte Berater in Sachen New Work und New Pay.

Gearbeitet wird bei einhorn grundsätzlich ohne Stunden und ohne Zwang. Urlaub muss nicht beantragt, sondern kann einfach genommen werden. Gehälter sind transparent. „Bei einhorn ist es so, dass wir alle das gleiche Grundgehalt haben,“ erklärt CFO Jördis Brankatschk. Hinzu kommen Komponenten wie etwa die Anzahl der Kinder, Berufserfahrung und Ausbildung. Und dann gibt es noch einen selbst bestimmbaren Betrag. „Der ist gedeckelt. Er ist nicht frei verfügbar, sondern ist auf das Unternehmen angepasst,” so Brankatschk. Mitarbeiter:innen können diesen Teil frei wählen, er darf aber maximal drei Mal so hoch sein, wie das niedrigste ausgezahlte Gehalt im Unternehmen. Der Vorteil an diesem System sei, dass jede:r überlegen muss, ob die persönliche Entscheidung auch für das Unternehmen und die Kolleg:innen gerecht ist.

Bei Einhorn wird nichts im Alleingang entschieden, auch nicht die Gehälter. Ein Gehaltsrat, der jedes Jahr neu gewählt wird, hält Gehaltsrunden ab, in der alle Mitarbeiter:innen ihre Anliegen vorbringen können. Äußert ein Kollege den Wunsch nach mehr Geld, wissen alle Kolleg:innen Bescheid. Neid ist ein Thema. „Das arbeitet automatisch in einem, ob man will oder nicht. Weil man immer denkt, man kommt zu kurz,” so Jördis Brankatschk.

Das Entlohungssystem von einhorn ist noch lange nicht in seiner finalen Form angekommen. Es wird laufend weiterentwickelt, abgeändert und ergänzt. All das geschieht jedoch genauso transparent wie die Auflistung der Gehälter. So gibt es bei einhorn auch keinen Gender Pay Gap. Es stellt sich die Frage, ob so ein System auch in einem schnell wachsenden Unternehmen mit mehreren hundert Angestellten funktionieren kann. Für einhorn selbst steht dies jedoch nicht zur Diskussion. Das Unternehmen setzt lieber auf langsames Wachstum, wenn es dafür weiterhin fair, transparent und ein bisschen verrückt bleiben kann.

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