Karrierewege verlaufen selten geradlinig und manchmal schneller als erwartet. Carolina Riffeser kennt dieses Tempo: Nach internationalem Studium in den USA und Stationen in London, Boston sowie praktischer Erfahrung in der Hotellerie verantwortet sie heute den gesamten HR-Bereich der beiden Cavallino-Bianco-Standorte in St. Ulrich und Caorle. Im Interview spricht sie über moderne Führung, die Bedeutung von Unternehmenskultur, junge Frauen in Verantwortung und darüber, weshalb emotionale Intelligenz künftig zu den wichtigsten Leadership-Kompetenzen zählen wird.

Was war Ihr persönlicher Game-Changing-Moment?

Mein persönlicher Game-Changer war definitiv der Schritt ins Ausland und das Studium in den USA. Dort habe ich nicht nur fachlich viel gelernt, sondern vor allem verstanden, wie wichtig Offenheit, Kommunikation und moderne Führung sind. Besonders prägend war die internationale Atmosphäre an der Hult International Business School mit Studierenden aus über 150 Nationen, weil ich dort gelernt habe, unterschiedliche Kulturen, Denkweisen und Arbeitsweisen besser zu verstehen. Gerade in der Hotellerie ist diese kulturelle Offenheit heute essenziell, da erfolgreiche Teams von gegenseitigem Verständnis, Zusammenarbeit und Vertrauen leben.

Was hätten Sie zu Beginn Ihrer Karriere gebraucht, was damals noch nicht vorhanden war, aber heute verfügbar ist?

Heute gibt es deutlich mehr Sichtbarkeit für junge Frauen in Führungspositionen, stärkere Netzwerke und offenere Gespräche über Karrierewege. Gleichzeitig ist der Zugang zu Wissen, internationalen Kontakten und neuen Perspektiven durch soziale Netzwerke und digitale Plattformen viel einfacher geworden. Genau solche Vorbilder und Austauschmöglichkeiten hätte ich mir zu Beginn meiner Laufbahn gewünscht, weil sie zeigen, dass Karriere nicht immer linear verlaufen muss und man auch in jungen Jahren bereits Verantwortung übernehmen kann. Besonders in einer internationalen Branche wie der Hotellerie ist diese globale Vernetzung heute ein großer Vorteil – und ich denke, dass sie in Zukunft noch wichtiger werden wird.

Was hatte den größten Impact auf Ihre Laufbahn?

Den größten Impact auf meine Laufbahn hatte die Kombination aus internationaler Ausbildung und operativer Erfahrung in der Hotellerie. Durch meine Zeit in verschiedenen Hotels habe ich gelernt, wie wichtig Teamarbeit, Servicequalität und ein gutes Miteinander sind, während mir das Studium geholfen hat, die strategische und psychologische Seite von Führung besser zu verstehen. Genau diese Verbindung aus Praxis, internationalem Denken und Leadership hat meinen Führungsstil nachhaltig geprägt.

Was war der größte Karriere-Boost?

Der Einstieg als Employer Brand Managerin im Juli 2022 im Cavallino Bianco in St. Ulrich war definitiv mein größter Karriere-Boost. Dort habe ich schnell erkannt, wie viel Potenzial im HR-Bereich steckt, und durfte Schritt für Schritt mehr Verantwortung übernehmen. Heute verantworte ich den gesamten HR-Bereich sowohl für das Cavallino Bianco in St. Ulrich als auch für das Cavallino Bianco in Caorle mit insgesamt über 300 Mitarbeitenden und in Spitzenzeiten sogar bis zu 400. Besonders wertvoll war dabei das Vertrauen, früh Verantwortung übernehmen und aktiv mitgestalten zu dürfen.

In welchen Situationen denken Sie heute: „Hätte ich das bloß früher gewusst“?

Heute weiß ich, dass man nicht perfekt sein muss, um Verantwortung übernehmen zu können, denn oft wächst man erst durch neue Aufgaben wirklich in eine Rolle hinein. Besonders prägend war für mich auch die Hoteleröffnung des Cavallino Bianco in Caorle, weil wir intern zuvor noch nie ein weiteres Hotel eröffnet hatten und viele Prozesse erstmals aufgebaut werden mussten. Gerade bei einer Neueröffnung im Fünf-Sterne-Luxussegment gibt es unzählige Herausforderungen – von Recruiting über Teamaufbau bis hin zu Strukturen und Positionierung. Rückblickend wäre es hilfreich gewesen, früher zu wissen, welche Prioritäten in solchen Phasen wirklich entscheidend sind. Gleichzeitig war genau dieser Prozess aber auch eine enorme Lernkurve, die mich sowohl fachlich als auch persönlich stark weiterentwickelt hat.

Welche Rolle spielen Unternehmenskultur und Vorbilder dabei, Frauen langfristig in Führungspositionen zu halten und nicht nur dorthin zu bringen?

Unternehmenskultur und Vorbilder spielen dabei eine zentrale Rolle, denn Frauen langfristig in Führungspositionen zu halten funktioniert nur, wenn Werte wie Vertrauen, Entwicklungsmöglichkeiten, Flexibilität und Wertschätzung tatsächlich gelebt werden. Vorbilder sind besonders wichtig, weil sie zeigen, dass Karriere und persönliche Werte vereinbar sein können. Im Cavallino Bianco liegt der Frauenanteil seit Jahren bei über 50 Prozent. Auch in Führungspositionen sehen wir immer mehr junge Frauen, die diesen Weg einschlagen, was deutlich macht, wie wichtig frühe Förderung, Vertrauen und eine offene Unternehmenskultur sind.

Welche Kompetenzen werden Frauen in Führungspositionen in den kommenden zehn Jahren brauchen, die heute noch unterschätzt werden?

Ich bin überzeugt, dass emotionale Intelligenz, Anpassungsfähigkeit und Kommunikationsfähigkeit in Zukunft noch wichtiger werden. Führung verändert sich stark, weil Mitarbeitende heute mehr Sinn, Transparenz und individuelle Entwicklung erwarten. Gleichzeitig wird es immer entscheidender, Menschen nicht nur fachlich, sondern auch persönlich zu verstehen, denn jede Person bringt unterschiedliche Bedürfnisse, Stärken und Erwartungen mit. Genau diese Fähigkeit, individuell auf Menschen einzugehen und authentisch zu führen, wird langfristig den Unterschied machen. Gerade in einer so dynamischen Branche wie der Hotellerie wird es immer wichtiger, Menschen langfristig zu begeistern und nicht nur kurzfristig zu führen.

Sie führen HR in einem traditionsreichen Familienunternehmen: Wie verändert sich Führung aktuell durch neue Generationen, Fachkräftemangel und veränderte Erwartungen an Arbeit?

Führung wird heute deutlich menschlicher und individueller. Neue Generationen wünschen sich mehr Mitgestaltung, Flexibilität und Sinnhaftigkeit in ihrer Arbeit, während der Fachkräftemangel zeigt, dass Unternehmen nicht mehr nur Arbeitgeber, sondern langfristige Partner für ihre Mitarbeitenden sein müssen. Gerade im Tourismus reichen gute Arbeitsbedingungen allein nicht mehr aus, sondern Unternehmenskultur, Entwicklungsmöglichkeiten und echte Wertschätzung werden zunehmend zu entscheidenden Faktoren, um Mitarbeitende langfristig zu gewinnen und zu halten. Gleichzeitig sehen wir heute oft, dass ein Arbeitsplatz nicht mehr automatisch als langfristiger Endpunkt gesehen wird, sondern auch als Entwicklungsstation. Umso wichtiger ist es, Mitarbeitende zu motivieren, Perspektiven aufzuzeigen und ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Menschen sowohl fachlich als auch persönlich weiterentwickeln können.

Ihr persönlicher beruflicher Rat an alle ambitionierten Frauen?

Nicht darauf warten, irgendwann „bereit genug“ zu sein, denn Chancen kommen oft früher, als man sich selbst bereit fühlt. Mut, Offenheit und Lernbereitschaft bringen einen häufig weiter als Perfektionismus. Gleichzeitig ist es wichtig, den eigenen Weg nicht ständig mit dem anderer zu vergleichen, weil jede Karriere individuell verläuft und sich auf unterschiedliche Weise entwickelt. Wer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, offen für Neues bleibt und authentisch führt, wird langfristig erfolgreich sein.

Karriere Hätte ich das bloß früher gewusst Erfolg