Wenige Tage vor der Geburt ihres ersten Kindes wird Vada Prosquill auf der Bühne ihrer eigenen Konferenz stehen. Daraus ließe sich eine Superwoman-Geschichte erzählen, doch genau das will die Gründerin nicht. Für sie lautet die große Frage nicht, wie Frauen so viel auf einmal schaffen, sondern warum sie es überhaupt müssen.

Mit Leaders in Heels hat sie 2023 in Wien einen Female-Empowerment-Members-Club gegründet, der aus informellen Treffen zu einer strukturierten Business-Community gewachsen ist und Frauen mit Chancen, Sichtbarkeit und Kontakten verbindet. Höhepunkt des Jahres ist die Konferenz Future of LeadHERship, die am 19. November stattfindet.

In unserer Interview-Reihe „now she knows” erzählt Vada, warum Perfektionismus für sie oft nur Angst im Business-Kostüm ist, wie sie lernt, Verantwortung abzugeben, und welche Strukturen sich ändern müssen, damit Frauen nicht ständig etwas beweisen müssen.

Was ist Ihr persönlicher Antrieb hinter Leaders in Heels und der Future of LeadHERship Konferenz?

Mein Antrieb war am Anfang vor allem eine Frage: Wie kann es sein, dass wir immer noch über den Gender Pay Gap, zu wenige Frauen in Führungspositionen und finanzielle Ungleichheit sprechen, obwohl es so viele kompetente Frauen gibt? Ich habe mich gefragt: Es kann nicht an unserer Kompetenz liegen – woran dann? Also habe ich meine erste Konferenz gestartet und Expert*innen an einen Tisch geholt, um genau das herauszufinden. Mittlerweile sind wir bei über 600 Gästen aus dem DACH-Raum. Aber meine Grundhaltung ist dieselbe geblieben: Ich möchte nicht die nächste Frau sein, die auf einer Bühne steht und erklärt, dass Frauen gefördert werden müssen. Ich möchte wissen, was sich konkret ändern muss. Wir wissen längst, dass Gleichberechtigung wichtig ist. Jetzt müssen Unternehmen, Führungskräfte, Politik und wir als Gesellschaft endlich danach handeln.

Was war die wichtigste Lektion, die Sie in Ihrer Karriere gelernt haben, und wie hat sie Ihre Sichtweise verändert?

Einfach machen. Wird schon schiefgehen. Die wichtigste Lektion war für mich, dass ich nicht auf den perfekten Zeitpunkt warten kann, sondern Entscheidungen treffen und ins Tun kommen muss, auch wenn noch nicht alles zu hundert Prozent fertig oder planbar ist. Diesen Tipp versuche ich vielen Frauen in meinem Umfeld mitzugeben, bei denen ich merke, dass sie zu perfektionistisch oder zu lange auf den perfekten Startpunkt warten. Perfektionismus ist manchmal einfach Angst in einem sehr professionellen Kostüm.

Gab es einen Moment, in dem Sie dachten: „Hätte ich das doch nur früher gewusst“?

Ständig. Als Unternehmerin gefühlt jeden zweiten Tag (lacht). Ich bin die erste in meiner Familie, die ein Unternehmen gegründet hat. Ich hatte also niemanden, der mir erklären konnte, wie Unternehmertum wirklich funktioniert. Vieles habe ich mir selbst erarbeitet – manchmal auf die harte Tour.

Wenn Sie an den Beginn Ihrer Karriere zurückdenken, welchen Rat hätten Sie Ihrem jüngeren Ich gegeben?

Vertrau dir selbst mehr und hör auf, jeden Rat von außen für bare Münze zu nehmen. Am Anfang habe ich versucht, möglichst viele Tipps umzusetzen und jede interessante Möglichkeit zu verfolgen. Ich dachte, andere wissen vielleicht besser als ich, wie man ein Unternehmen erfolgreich aufbaut. Das Ergebnis waren manchmal ziemlich absurde Gespräche, an deren Ende weder mein Gegenüber noch ich wussten, warum wir eigentlich miteinander gesprochen hatten (lacht). Heute weiß ich: Nicht jeder gute Rat ist ein guter Rat für mich. Und nicht jeder Kontakt ist automatisch eine Chance. Nur weil jemand erfolgreich ist, heißt das nicht, dass er weiß, was für mein Unternehmen richtig ist. Ich darf selbst entscheiden, wohin ich möchte – und auch Nein sagen, wenn etwas nicht zu mir passt.

Welche Fehler oder Rückschläge waren rückblickend entscheidend für Ihren Erfolg – und warum?

Ich musste lernen, dass nicht jede Möglichkeit eine gute Möglichkeit ist. Gerade am Anfang denkst du bei jeder Anfrage: Da könnte etwas Großes daraus werden. Also sagst du Ja, investierst Zeit und Energie und versuchst, irgendwie alles möglich zu machen. Irgendwann merkst du, dass du zwar ständig beschäftigt bist, aber nicht unbedingt weiterkommst. Ich habe gelernt, genauer hinzuschauen: Zahlt diese Zusammenarbeit auf meine Ziele ein? Passt sie zu meinem Unternehmen? Ist der Aufwand sinnvoll?

Gibt es eine bestimmte Gewohnheit oder Routine, die Sie erst spät entwickelt haben und heute nicht mehr missen möchten?

Meine Routinen werden gerade ohnehin regelmäßig auf den Kopf gestellt, weil ich schwanger bin. Ich habe das Gefühl, ich muss jeden Monat neu herausfinden, was gerade funktioniert. Und mit Baby wird das vermutlich nicht anders – ich bin schon sehr gespannt auf diese Zeit. Was sich aber wirklich langfristig verändert hat: Ich habe mittlerweile ein eigenes Office und zwei Mitarbeiterinnen. Das klingt vielleicht nach einer kleinen unternehmerischen Entwicklung, ist für mich aber ein großer Schritt. Ich war lange gewohnt, vieles selbst zu machen, vieles selbst zu tragen. Weil ich wusste, wie ich es haben wollte, und weil es vermeintlich schneller geht, wenn ich es gleich selbst erledige. Heute lerne ich, Verantwortung abzugeben. Das ist nicht immer einfach. Aber ich will kein Unternehmen aufbauen, in dem alles an mir hängt, sondern auch langfristig für mein Baby da sein.

Wie hat sich Ihr Blick auf das Thema Erfolg im Laufe Ihrer Karriere verändert?

Am Anfang wollte ich vor allem beweisen, dass ich es schaffen kann. Ein Unternehmen aufbauen, etwas Eigenes schaffen und zeigen, dass aus einer Idee tatsächlich etwas werden kann. Heute frage ich mich viel stärker: Was bleibt davon? Welche Wirkung hat das, was ich aufbaue? Und funktioniert es auch dann, wenn ich nicht überall selbst dabei bin? Ich möchte mit Leaders in Heels nicht einfach Veranstaltungen organisieren. Ich möchte etwas verändern, Menschen zusammenbringen und Strukturen mitgestalten, die langfristig etwas bewegen. Durch meine Schwangerschaft beschäftige ich mich auch noch einmal anders mit diesen Fragen. Ich möchte unternehmerisch erfolgreich sein, ohne dass mein gesamtes Leben davon abhängig ist, wie viel ich persönlich leiste. Erfolg bedeutet für mich heute nicht mehr, möglichst viel selbst zu schaffen, sondern etwas aufzubauen, das größer ist als ich selbst.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Frauen noch immer dafür bewundert werden, wie viel sie gleichzeitig stemmen?

Weil wir Frauen immer noch dafür feiern, dass sie ein System ausgleichen, das ihnen einen großen Teil der Verantwortung überlässt. Eine Frau arbeitet Vollzeit, kümmert sich um die Kinder, organisiert den Haushalt und hält nebenbei noch ihr eigenes Leben zusammen. Und was sagen wir? „Wow, wie macht sie das alles?“ Vielleicht sollten wir uns eine andere Frage stellen: Warum muss sie das überhaupt alles machen? Ich bin gerade selbst schwanger und beschäftige mich sehr konkret damit, wie mein Unternehmen während meiner Karenz weiterläuft und welche Kinderbetreuungsmöglichkeiten es gibt. Ich war ehrlich gesagt schockiert, wie begrenzt die Optionen teilweise sind. Als meine Mutter mir erzählt hat, wie wenig Unterstützung sie vor 30 Jahren hatte, wurde mir erst recht bewusst, wie langsam sich manche Dinge verändern. Da merkt man, wie viel sich verändert hat – aber auch, wie viel noch zu tun ist. Daher wirklich props an alle Frauen da draußen, die Familie sowie Karriere meistern. Es ist eine Mammutaufgabe und jede Frau sollte sich bewusst auf die Schulter klopfen, die sich dazu entschieden hat, sich wegen Familie im Business nicht kleiner zu machen. Das ist wirklich eine starke Leistung und sollte entsprechend gewürdigt und gesehen werden.

Welche Strukturen müssten sich am dringendsten verändern, damit Frauen gar nicht erst in die Lage kommen, alles gleichzeitig schaffen zu müssen?

Wir müssen endlich aufhören, eine Arbeitswelt als neutral zu bezeichnen, die sich historisch an männlichen Lebensläufen orientiert. Frauen haben einen Zyklus, werden schwanger, bekommen Kinder und kommen in die Wechseljahre. Das ist keine überraschende Ausnahme, sondern die Lebensrealität eines großen Teils der Bevölkerung. Trotzdem werden diese Themen im Arbeitsalltag oft behandelt, als wären sie ein individuelles Problem, das Frauen bitte möglichst unauffällig selbst lösen sollen. Es braucht leistbare und verlässliche Kinderbetreuung, flexible Arbeitsmodelle ohne Karriereknick und Möglichkeiten, auch in Teilzeit Führungsverantwortung zu übernehmen. Zyklusbeschwerden, Schwangerschaft und Wechseljahre dürfen keine Tabuthemen sein. Und wir müssen darüber sprechen, wer in Unternehmen Entscheidungen trifft. Wer sitzt am Tisch? Wessen Perspektive wird gehört? Wer wird befördert und wem traut man Führungsverantwortung zu? Männer müssen dabei nicht einfach nur wohlwollend zuhören. Sie müssen auch bereit sein, ihre eigenen Denkmuster zu hinterfragen, ihren Unconscious Bias. Und die Männer, die behaupten, sie schauen gar nicht auf das Geschlecht, die sollten sich erst recht mit ihren unbewussten Vorurteilen beschäftigen. Die Strukturen müssen sich verändern. Und dafür braucht es nicht nur Frauen, die Veränderungen einfordern, sondern auch Männer, die bereit sind, Macht und Verantwortung zu teilen.

Gab es einen Menschen, ein Buch oder eine Erfahrung, die Ihre Karriere maßgeblich beeinflusst hat?

Einerseits mein Mann, der mir manchmal zeigt, mit welcher Unverfrorenheit Männer Business machen. Und ich sage euch: Männer können manchmal deutlich eingeschnappter und emotionaler sein, als man ihnen gemeinhin zutraut (lacht). Andererseits das Buch „Nice Girls Still Don’t Get the Corner Office“ von Lois P. Frankel. Das Buch hat mich dort abgeholt, wo ich Anfang 20 stand. Ich hatte Kontakt zu sehr vermögenden Männern, führte tolle Gespräche und hatte ein prall gefülltes Kontaktbuch. Ich dachte, das wäre die Eintrittskarte in die Businesswelt. Irgendwann habe ich aber gemerkt: Gute Gespräche und gute Kontakte bedeuten noch lange nicht, dass man als gleichwertige Geschäftspartnerin wahrgenommen wird. Das Buch hat mich dazu gebracht, bestimmte Verhaltensweisen und Spielregeln im Business zu hinterfragen. Warum entschuldigen wir uns so oft? Warum wollen wir es allen recht machen? Warum habe ich ein komisches Gefühl, wenn er mich zu einem “Business Dinner” einlädt? (Always trust your intuition!) Ich habe verstanden, dass es nicht reicht, gut in dem zu sein, was man tut. Man muss auch lernen, den eigenen Platz einzunehmen und sich nicht kleiner zu machen, als man ist.

Welche Überzeugung oder Regel, die Sie zu Beginn Ihrer Karriere hatten, haben Sie inzwischen über Bord geworfen – und warum?

Ich dachte lange, dass ich möglichst viel selbst machen und überall dabei sein muss, damit die Qualität stimmt. Das ist als Gründerin auch ein Stück weit verständlich. Man hat eine klare Vorstellung davon, was man aufbauen möchte, und hängt mit ganzem Herzen daran. Aber irgendwann wird genau das zum Problem. Wenn jede Entscheidung über deinen Tisch gehen muss, wirst du selbst zum Flaschenhals deines Unternehmens. Gerade jetzt, wo ich ein Team habe und bald in Karenz gehe, muss ich mich damit auseinandersetzen. Ich kann und will nicht überall gleichzeitig sein. Und ich möchte auch nicht, dass mein Unternehmen davon abhängig ist. Ich muss lernen, klare Erwartungen zu formulieren, Verantwortung zu übertragen und anderen zu vertrauen.

Gibt es einen Gamechanging-Moment in Ihrem Leben?

Definitiv meine Schwangerschaft. Die Kleine bringt mich jetzt schon dazu, umzudenken und mein Business neu aufzustellen. Ich stelle mir Fragen, wie: Wie läuft mein Unternehmen weiter, wenn ich nicht jeden Tag selbst da bin? Wie möchte ich Familie und Unternehmertum vereinbaren? Und warum muss ich mir darüber eigentlich so viele Gedanken machen, während diese Fragen bei Männern im Business oft gar nicht in derselben Form gestellt werden? Ich merke gerade, wie schnell sich die Perspektive verändert, wenn man selbst betroffen ist. Themen, für die ich mich mit Leaders in Heels seit Jahren einsetze, bekommen eine ganz neue persönliche Bedeutung. Gleichzeitig möchte ich nicht in die Erzählung verfallen, dass Frauen mit einem Kind plötzlich weniger ambitioniert sind oder beruflich kürzertreten müssen. Ich möchte weiterhin ein Unternehmen aufbauen und etwas bewegen. Nur eben unter anderen Voraussetzungen. Mein großes Ziel ist nun auch: Ich möchte nicht beweisen müssen, dass ich trotz Kind erfolgreich sein kann. Ich möchte in einer Arbeitswelt leben, in der das eine das andere nicht infrage stellt.

Anna Mushinska
Erfolg now she knows Featured