Medien haben ein Vertrauensproblem. Laut dem aktuellen Digital News Report des Reuters Institute ist das Vertrauen in Nachrichten weltweit auf 37 Prozent gefallen, den niedrigsten Wert seit Beginn der Messung 2015. Wie sehr das die Branche beschäftigt, zeigte re:think media 2026: „Wem wird hier noch vertraut?“ lautete das diesjährige Motto. Das von der Wiener Zeitung initiierte Event für Journalist*innen und Medienmacher*innen fand am 8. Oktober zum vierten Mal im Museumsquartier in Wien statt.

Auf drei Bühnen ging es um Fragen wie: Wie macht man politische Inhalte, die junge Menschen wirklich ansprechen? Wie hängen Werbemarkt und Zukunft des Journalismus zusammen? Was erwartet die junge Generation vom Wissenschaftsjournalismus? Und kann Gamification helfen, Vertrauen im Zeitalter der Desinformation zurückzugewinnen? Dazu gab es praxisnahe Impulse und einen Dialog auf Augenhöhe, der den journalistischen Nachwuchs und Medien-Startups mit den etablierten Medienhäusern des Landes vernetzte.

Zuhören. Mitreden. Dazugehören.

sheconomy war dieses Jahr mit einem Stand vertreten und diskutierte am Podium der Loft Bühne mit. Am Nachmittag ging es dort um die Frage, wie Community und Journalismus Vertrauen und Zugehörigkeit entstehen lassen. Die Diskussion lief auf einen entscheidenden Unterschied hinaus: Reichweite zeigt, wer einen sieht. Eine Community zeigt, wer einem vertraut. Das eine lässt sich kaufen, das andere nicht. Auch der Digital News Report beobachtet, dass viele Verlage Reichweite als zentrale Erfolgskennzahl hinter sich lassen und stattdessen auf tiefere Bindung zu einem kleineren, loyaleren Publikum setzen.

Auf dem Podium saßen Katja Ilnizki und Eva Krallinger-Gruber vom lokaljournalistischen Podcast „Salzburg – Was geht?“, Content Creatorin Lisa-Marie Idowu, Journalistin Rubi Rubinder Chauhan und Lisa Grassmugg, Leiterin der Onlineredaktion von sheconomy. Journalistin Emilija Ilić moderierte und holte die Fragen des Publikums über einen Live-Chat auf die Bühne.

Wo Community beginnt

Was „Community first“ bedeutet, lässt sich an unserer eigenen Geschichte zeigen. 2018 startete sheconomy ohne großen Verlag und ohne Investor*innen im Rücken. Noch bevor es ein erstes Heft gab, sprach das Gründungsteam die 200 größten Frauennetzwerke Österreichs an, 80 unterschrieben sofort einen Kooperationsvertrag. Sie legten das Heft bei ihren Events auf, empfahlen es weiter und lieferten die Reichweite, mit der danach erste Werbekund*innen gewonnen wurden. sheconomy setzte von Anfang an auf echte Verbündete, und das macht unsere Community bis heute stark.

Viele dieser Mitstreiter*innen begleiten uns nach wie vor und prägen unsere Formate mit. Leadership-Coach Gabriele Strodl-Sollak etwa ist als Botschafterin von Anfang an dabei, gemeinsam mit ihr entstand unser erster sheconomy Podcast „Boost your career, sister!“. Und Unternehmerin Julia Neuen, sheconomy Cover Woman der Ausgabe 3/2026, schreibt inzwischen eine Kolumne für unser Magazin und bezieht bei der Themenfindung ihre eigene Linkedin Community mit ein. Was uns mit unseren Leser*innen und unseren Partner*innen verbindet, ist ein gemeinsames Ziel: Frauen in der Wirtschaft sichtbar machen und Türen öffnen, damit mehr Frauen oben ankommen.

Vertrauen ist ein Vorschuss, und er ist schnell weg

Wie fragil Vertrauen ist, machte Rubi Rubinder Chauhan klar. Als Teil der südasiatischen Diaspora, über die sie berichtet, bekomme sie einen Vertrauensvorschuss. Den könne man auch verspielen, sagte sie. Deshalb hält sie sich an journalistische Standards und berichtet auch kritisch über die eigene Community.

Lisa-Marie Idowu macht auf Instagram Content zu Popkultur, Gesellschaft, KI, Empowerment und Diversität. Sie mache Journalismus, der ihr selbst in den Medien gefehlt habe. Dass Creator*innen eine gewichtige Stimme haben, zeigt der Digital News Report: Rund 27 Prozent der Befragten konsumieren Nachrichten von News-Creator*innen. Sie gelten als nahbarer, dafür aber als weniger vertrauenswürdig und weniger unparteiisch als etablierte Medien, die meisten nutzen sie zusätzlich zu klassischen Medien.

Die Podcasterinnen Katja Ilnizki und Eva Krallinger-Gruber haben aus dem Vertrauen ihrer Hörerschaft ein Arbeitsmodell gebaut, das sie „journalistische Kreislaufwirtschaft“ nennen. Die Community liefert Themen, die Redaktion recherchiert, die Community diskutiert das Ergebnis, die Redaktion recherchiert nach. Eine Zuschrift über einen Übergriff in einer Sauna wurde so zu einer Geschichte, die sich über Monate erstreckte.

Auch die Schattenseiten kamen zur Sprache. Wer lokal berichtet, treffe die Menschen, über die man schreibt, an der Ampel wieder. Die Abgrenzung falle deshalb oft schwer, berichteten die Salzburgerinnen offen. Und die Finanzierung bleibe ein Spannungsfeld: Ilnizki und Krallinger-Gruber bitten ihre Hörerschaft bewusst nicht zur Kasse. Wir bei sheconomy haben das klassische Print-Abo vor einem Jahr durch eine Community Membership ersetzt, mit allen Heften, Event-Tickets und Weiterbildungsformaten. Das Prinzip: Zugehörigkeit statt Zugang.

Was Redaktionen mitnehmen können

Was können Journalist*innen morgen anders machen? Die Antworten waren konkret. Unsere Onlineredaktionsleiterin Lisa Grassmugg riet: Wer eine Community aufbauen wolle, müsse wissen, wo sie ist, und genauso, wo sie nicht ist. Vertrauen entstehe durch Qualität auf allen Ebenen, gerade in Zeiten von KI. Das gelte auch für Kooperationen, bei denen die Partner*innen dieselbe Haltung teilen müssten. Chauhan riet, Menschen mit Zugang zu einer Community zu nutzen oder sie in die Redaktionen zu holen, Idowu, persönlich sichtbar zu sein und die eigene Perspektive einzubringen. Von Ilnizki und Krallinger-Gruber kam der Hinweis, sich zu vernetzen und Kooperationen zu suchen, ohne sofort ans Geld zu denken. Und wer nicht wisse, worüber man berichten soll, möge zum Telefon greifen und die Friseurin anrufen: Dort würden die Themen besprochen, die die Menschen wirklich beschäftigen.

Zahlen seien wichtig, so Lisa Grassmugg, aber nicht das Ziel: „Uns geht es nicht darum, dass uns möglichst viele folgen, sondern darum, ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Wer Community will, sollte deshalb keine Follower sammeln, sondern Mitstreiter*innen suchen.“ Emilija Ilić brachte am Ende auf den Punkt, was die Runde verband: Alle auf der Bühne sprachen nicht über ihre Community, sondern als Teil von ihr. Davon, so Ilić, brauche die Medienlandschaft viel mehr.

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