Der Abschluss ist geschafft, das Wissen erworben, die Ausbildung beendet – und dann beginnt das Berufsleben. Dieses Modell verliert zunehmend an Gültigkeit. Warum? Wissen entwickelt sich weiter, Technologien verändern Tätigkeiten und neue Kompetenzfelder entstehen teilweise schneller, als klassische Bildungswege darauf reagieren können.

Für Barbara Orazume von der TU Academy ist deshalb nicht nur entscheidend, was Menschen lernen, sondern auch wie. Die TU Academy habe lange vor allem umfangreichere akademische Weiterbildungsstudien angeboten. Diese seien weiterhin relevant, wenn fundierte Spezialisierung gefragt ist. Gleichzeitig habe sich in den vergangenen Jahren sowohl die Halbwertszeit von Wissen als auch das Lernverhalten verändert.

Die Frage lautet damit zunehmend: Muss Weiterbildung immer ein langes Programm sein – oder kann Lernen auch in kleineren, gezielten Einheiten stattfinden?

Vom Studium zum Lernraum

Orazume beschreibt Weiterbildung heute weniger als reine Wissensvermittlung. Menschen kämen etwa nach einem technischen oder naturwissenschaftlichen Studium an die TU Academy, weil sie sich zusätzlich mit Management, Leadership, Change oder Strategie beschäftigen wollen. Andere wiederum hätten keinen technischen Hintergrund und merkten, dass Technologie und insbesondere KI in ihrem beruflichen Umfeld immer wichtiger werden.Was beide Gruppen verbindet, ist der Wunsch, nicht nur Inhalte aufzunehmen, sondern sich mit anderen auszutauschen.

„Wir stehen nicht dafür, dass wir die ganze Weisheit haben, die wir den Leuten vermitteln“, sagte Orazume. Vielmehr gehe es darum, Lernräume zu schaffen. Expertinnen seien ein Teil davon – mindestens die Hälfte dessen, was Teilnehmerinnen mitnähmen, entstehe ihrer Einschätzung nach jedoch aus der Peergroup.

Damit verändert sich auch die Rolle von Präsenzformaten. Gerade weil Wissen heute über E-Learning, digitale Tools und KI leichter zugänglich ist, gewinnt für Orazume die Begegnung mit anderen Lernenden an Bedeutung. Präsenz schafft einen Raum für Austausch, Vernetzung und gemeinsames Lernen – etwas, das selbstgesteuerte digitale Angebote allein nicht leisten können. Gleichzeitig müsse Weiterbildung näher an den Alltag der Lernenden rücken und unterschiedliche Formate anbieten.

Lernen beginnt nicht erst nach der Ausbildung

Wie selbstverständlich kontinuierliches Lernen bereits sehr früh Teil eines Berufswegs sein kann, zeigt Viktoria Haslauer. Die Techniklehrling bei A1 arbeitet regulär 40 Stunden pro Woche, ist im Außendienst unterwegs, absolviert Theoriemodule im Future Campus der Lehrlingsausbildung und besucht die Berufsschule. Dazu kommen weitere Inhalte – vom Programmieren bis zu technischen Schulungen und Zertifikaten. Was sie dabei antreibt, beschreibt Haslauer erstaunlich unspektakulär: „Hauptsächlich ist es einfach die Neugier, diese Lust auf irgendetwas Neues und auf etwas, was man einfach noch nicht kennt.“

Dass dieser Lernalltag manchmal anstrengend ist, verschweigt sie nicht. Struktur helfe ihr, unterschiedliche Anforderungen unter einen Hut zu bekommen: Sobald man sich einen Plan mache und Ordnung in den Alltag bringe, werde vieles einfacher.

Gerade diese Haltung steht für eine Form von Life Long Learning, die nicht erst nach zehn oder zwanzig Berufsjahren beginnt. Weiterbildung ist hier kein späteres Update einer abgeschlossenen Ausbildung, sondern von Anfang an Teil des Berufs.

Von Technik keine Ahnung – und trotzdem anfangen

Bemerkenswert ist dabei auch Haslauers Weg in einen technischen Beruf. Bevor sie auf die A1-Lehre stieß, habe sie nämlich mit Technik kaum Berührungspunkte gehabt. „Die Ausbildung klang interessant“, also probierte sie es aus. Daraus sei schließlich eine große Leidenschaft geworden. Besonders schätzt sie die Vielfalt: Kein Tag sehe gleich aus, sie arbeite mit unterschiedlichen Menschen und Themen und erhalte zusätzlich Schulungen zu verschiedenen Bereichen.

Auch die Tatsache, als junge Frau in einem technischen Beruf zu arbeiten, erlebt Haslauer bei A1 nach eigener Aussage nicht als Besonderheit. Von Kolleg*innen habe sie nie das Gefühl vermittelt bekommen, aufgrund ihres Geschlechts anders behandelt zu werden. Frauen könnten technische Aufgaben genauso erledigen, möglicherweise aber manchmal einen anderen Blickwinkel einbringen. „Nur weil ich weiblich bin, heißt das nicht, dass ich Sachen weniger kann“, sagte Haslauer. Eine neue Perspektive könne vielmehr dazu führen, gewohnte Abläufe noch einmal infrage zu stellen.

Nicht der Trend entscheidet, sondern das Interesse

Gerade jungen Menschen, die angesichts neuer Technologien oder der Debatte um KI unsicher sind, gibt Haslauer einen einfachen Rat: zuerst herausfinden, was einen tatsächlich interessiert.Der Appell „Frauen in die Technik“ allein reiche nicht. „Wenn es einen nicht interessiert, dann wird es nichts“, sagte sie. Berufliche Orientierung könne früh entstehen – wie bei ihr mit 15 – oder erst deutlich später. Entscheidend sei, dranzubleiben und gleichzeitig offen dafür zu bleiben, den eigenen Weg wieder zu verändern. Damit trifft ihre Erfahrung einen Gedanken, den Orazume aus Sicht der Weiterbildung aufgreift: Lernen braucht aus ihrer Sicht zwei Modi – Reflexion und Ausprobieren.

„Man kann sich viel selbst analysieren, man kann beobachten, was gebraucht wird am Arbeitsmarkt, aber erst im Tun findet man eigentlich heraus, wo die eigenen Stärken sind“, sagte Orazume. Und genau deshalb müsse nicht jede berufliche Neuorientierung mit einem mehrjährigen Ausbildungsprogramm beginnen. Auch ein kurzes Format könne reichen, um zunächst etwas auszuprobieren. „Wer merkt, dass der Weg passt, kann darauf aufbauen.“

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Katharina Schiffl
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