Ungebetene Gäste
Die Schauspiel-Ikone Shirley MacLaine hat einmal gesagt: „Das Fernsehen sorgt dafür, dass man in seinem Wohnzimmer von Leuten unterhalten wird, die man nie einladen würde.“ Eigentlich habe ich schon als Kind und Jugendliche gemerkt, dass ich Showmaster und so genannte Comedians wie Hans-Joachim Kulenkampff, Harald Juhnke, Wim Thoelke oder Rudi Carrell nicht mochte. Doch ich konnte damals noch nicht benennen, was genau mich gestört oder das Fremdschämen ausgelöst hat. Schließlich war es damals einfach so, dass Frauen vor der Fernsehkamera entweder Ansagerinnen oder Assistentinnen waren. Für Letztere galt: Sie waren zwar ein wichtiger Sidekick, aber mussten immer (stumm) dem Ruf und den schlechten, meist sexistischen Witzen der Männer folgen. Beleidigende, lächerlich machende Bemerkungen und Zurschaustellung stetig weglächeln. Irgendwann bin ich im Gespräch mit meinem Mann darauf gekommen, mit welchen Rollenbildern wir da beide über Jahre hinweg an Donnerstag- und Samstag-Abenden, begleitet von Eurovisions-Fanfaren und Salzstangen, gefüttert wurden. Dieser Einfluss hat Wertesysteme beeinflusst und Charaktere geprägt.
Zum Glück waren da noch die Sesamstraße oder Viva, die Vielfalt und Kollaboration feierten, und ein bunter Freundeskreis. Trotzdem: Ich sah viel zu lange keinen Grund, das männlich geprägte Unterhaltungs-System infrage zu stellen. Vielmehr passte es in die Zeit, dass Frauen als schwierig und laut galten, wenn sie bei Zoten (gern auf ihre Kosten) nicht mitlachten oder gar Widerspruch wagten. Das bestätigen auch die Protagonistinnen im absolut sehenswerten Film „Was haben wir gelacht“ von Eva Müller und Isabel Schneider. Maren Kroymann, Gaby Köster, Esther Schweins, Bettina Böttinger und Hella von Sinnen berichten darin – mit Blick auf zahlreiche Rückblenden und Sende-Ausschnitte – wie sie sich etablieren konnten, wie sie sich auf der „Wetten dass…?“ – Couch von Thomas Gottschalk bedrängt gefühlt haben oder von Harald Schmidt bloßgestellt wurden. Wie sie sich ihren Solo-Platz als Talk-Masterin, Entertainerin oder Kabarettistin erarbeitet haben und dabei sogar selbst Lacher produzierten, die auf Kosten anderer Frauen gingen.
In der Rückschau zeigt sich einmal mehr: Wie in vielen anderen Kulturgenres waren es auch hier queere Akteurinnen, die entscheidende Weichen gestellt haben. Hella von Sinnen, Maren Kroymann und Bettina Böttinger etwa erweiterten den Freiheitsbegriff, veränderten Wahrnehmungen und schufen neue Möglichkeitsräume – für sich und für andere. „Es geht am Ende um das Phänomen der Sichtbarkeit“, fasst es Böttinger im Film zusammen.
Gerade in einer Zeit, in der CSDs angegriffen, Vielfalt offen infrage gestellt und Menschen für ihr vermeintliches Anderssein bedroht werden, darf diese errungene Sichtbarkeit nicht wieder verschwinden. Denn die größte Gefahr beginnt dort, wo Ausgrenzung weggelächelt, verharmlost oder schweigend hingenommen wird. Vielfalt zu verteidigen heißt deshalb, Haltung zu zeigen. Und das auf allen Bühnen, die sich uns bieten.