Was wir von Gelsen, Spinnen und anderen unterschätzten Wesen lernen können
Helene Karmasin begann ihre Sommerfest-Ansprache dort, wo große Gedanken manchmal am besten beginnen: bei den Gelsen. Sie erzählte von einer wissenschaftlichen Untersuchung, in der Gelsen konditioniert wurden. Während sie Blut saugten, wurde ein Insektenvergrämungsmittel verströmt. Zuerst bemerkten sie es kaum. Dann wurde die Dosis gesteigert. Am Ende genügte der Geruch – und die Gelsen wussten Bescheid.
Was Helene Karmasin daran so faszinierte, war nicht die Versuchsanordnung allein. Sondern die Zumutung an unser Denken: Wie klein ist so ein Tier? Wie winzig muss dieses Gehirn sein? Und trotzdem gibt es dort Verdrahtungen, die Lernen ermöglichen. Ist das nicht unglaublich?
Von dort führte sie der Gedanke weiter zu einer ihrer großen Leidenschaften: den Insekten. Oder genauer: zu deren katastrophalem Image. Denn während Katzen, wie sie augenzwinkernd feststellte, zum Vergnügen töten und trotzdem als Samtpfötchen verehrt werden, gelten Spinnen, Ameisen, Schnecken und Gelsen meist nur als Problem, das beseitigt werden muss. Ist das gerecht? Warum verteilen wir Sympathie so ungleich? Und was sagt das über unsere Bilder im Kopf?
Dann stellte Helene Karmasin die eigentlich zentrale Frage des Abends: Was könnten kluge Menschen, PR-Spezialist, Kreative und Werber tun, um diesen Krabbeltieren ein besseres Image zu verschaffen? Könnte eine Spinne nicht auch Influencerin sein? Schließlich baut sie Netze, deren Elastizität und Haltbarkeit uns bis heute staunen lassen. Sie konstruiert Fallen, in denen Fliegen kleben bleiben, während sie selbst souverän darüber spaziert. Und wenn man genau hinsieht, steckt in dieser Spinne mehr Hightech, mehr Strategie und mehr Eleganz, als ihr Ruf vermuten lässt.
Helenes Vorschlag: Olga, die Spinne. Eine Figur mit acht Augen, von denen sechs vielleicht trocken sind – und die daher mit maximaler Glaubwürdigkeit für Augentropfen werben könnte. Ein absurder Gedanke, natürlich. Aber gerade deshalb vielleicht brillant…
Denn unter dem Witz liegt eine sehr ernsthafte Erkenntnis: Images sind nicht naturgegeben. Sie entstehen durch Erzählungen, Wiederholungen, Codes und Rollenbilder. Was wir lieben, fürchten oder ablehnen, ist selten nur eine Frage der Fakten. Es ist eine Frage der Bedeutung.
Genau darin liegt Helenes große Kunst: Sie zeigt, wie man über Insekten sprechen kann und plötzlich über Kommunikation spricht. Über Werbung. Über Vorurteile. Über die Macht von Bildern. Und vielleicht auch über Frauen. Denn wer sagt eigentlich, welches Wesen sympathisch ist, welches gefährlich, welches nützlich, welches störend? Wer schreibt diese Rollen? Und wer könnte sie umschreiben?
Eine kleine Ansprache über Gelsen und Spinnen wurde so zu einer großen Einladung: genauer hinzusehen, ungerechte Images zu hinterfragen – und selbst den kleinsten Wesen eine bessere Geschichte zuzutrauen.