Raus aus der Komfortzone, rein in den Care-Kosmos
„Raus aus der Komfortzone“ – der Ruf zahlreicher Rolemodels kam mir in den vergangenen Jahren, als mein Vater schwer pflegebedürftig war und ich regelmäßig über hunderte Kilometer hinweg meine Mutter als „Distance Caregiver“ unterstützt habe, häufig wie Hohn vor. Schließlich war ich auch noch selbst als Mutter und in meiner Selbständigkeit gefragt, ebenso in meiner Partnerschaft und in meinem Netzwerk. Ständiger Überlebensmodus. Für neue IT-Tools etwa war lange einfach kaum Raum, keine Energie. Eine ständige Zerreißprobe.
Gerade rund um den Muttertag lohnt sich aus meiner Sicht ein neuer Blick auf Care-Arbeit, oder „Elternzeit 2.0“, wie es eine hoch geschätzte Kollegin nennt. Denn auf Netzwerkveranstaltungen (wie jüngst beim sheconomy-Event rund um Micro-Escapes im Ingolstadt Village), beim Business-Lunch oder dem Firmenevent, das Thema Pflege wird immer präsenter. Neben Meetings, Deadlines, Dienstreisen und nicht selten der stillen Annahme, dass Privates bitte dann auch wieder privat zu bleiben hat.
Aber Pflege bzw. Care-Arbeit ist eben nicht privat. Sie sitzt mit am Konferenztisch, wenn jemand schlecht geschlafen hat, weil nachts ein Notruf kam. Sie läuft im Hintergrund mit, wenn während eines Pitchs das Handy vibriert. Sie prägt Entscheidungen: Kann ich die Führungsrolle annehmen? Kann ich reisen? Kann ich heute Abend länger bleiben? Kann ich überhaupt noch? Sie halbiert Renten, weil ein Beruf unter diesen Umständen häufig nur in Teilzeit oder Freiberuflichkeit funktioniert (schönen Gruß auch an diejenigen, die sich fragen, warum wir eine so niedrige Geburtenrate haben).
Und trotzdem reden wir noch immer im Business viel zu selten darüber. Wir sprechen über Female Leadership, Transformation, Resilienz und KI-Skills – alles wichtig. Aber wir blenden aus, dass viele Menschen diese Entwicklung nicht aus einem ruhigen, perfekt sortierten Leben heraus leisten können. Die TV-Moderatorin, die Bankchefin, die Gründerin, die Reinigungskraft: Sie alle haben unterschiedliche Startpunkte, aber oft dieselben Grundfragen. Wie bleibe ich leistungsfähig, wenn das Leben gleichzeitig an mir zieht? Wie entwickle ich mich weiter, wenn ich eigentlich schon am Limit bin? Wie lerne ich KI, neue Tools, neue Rollen, wenn nach Feierabend die nächste Care-Schicht wartet? Genau hier braucht es Verständnis, aber vor allem Strukturen. Sichere Kommunikationsräume, in denen offen darüber gesprochen werden kann, ohne Konsequenzen zu befürchten. Flexible Arbeitsmodelle und ein „new normal“.
Gleichzeitig liegt in dieser Erfahrung auch etwas, das ich unterschätzt habe. Denn neben den fordernden Elementen können ganz neue Ebenen entstehen. Ich habe zum Beispiel gelernt, Prioritäten und Grenzen noch radikaler zu setzen, Systeme zu hinterfragen, alte Verletzungen ad acta zu legen – und dass mir meine gute alte 80er-Jahre Musik immer wieder neue Energie bringt, ebenso wie Freundschaften, die neu gewachsen sind. Bewusste Selfcare und der kleine Luxus zwischendurch haben mich immer wieder über die Ziellinie getragen. Die jüngere Generation, die gar nicht gefragt wird und alles trotzdem mitbekommt, lernt übrigens en passant dadurch soziale Kompetenz und mehr Selbständigkeit.
Pflege ist Belastung, aber eben auch Kompetenzfeld und Zukunftsthema. In einer alternden Gesellschaft wird uns das Thema mehr und mehr beschäftigen. Unternehmen müssen sich darauf einstellen, viele haben sich bereits auf den Weg gemacht. Sie können später davon profitieren, wenn nach der intensiven Care-Phase wieder neuer Raum bei den Beschäftigten frei wird. Zum Muttertag wünsche ich mir deshalb weniger „Wow, wie Du das alles schaffst“ und mehr „Was brauchst du, damit du es nicht allein schaffen musst?“