Eigentlich sollte die UPLIFT-Show auf der Vienna Fashion Week auch heuer wieder zeigen, wie eine andere Modewelt aussehen kann: lokal produziert, kreativ gedacht und aus bestehenden Ressourcen neu geschaffen. Doch ein fehlender Sponsor bringt ein Projekt ins Wanken, das in den vergangenen beiden Jahren nicht nur medial erfolgreich war, sondern auch ein klares Zeichen gegen Fast Fashion gesetzt hat.

Für Initiatorin Nunu Kaller ist das nicht nur ein organisatorisches Problem. „Ich merke, dass das Thema in den Hintergrund gerückt ist“, sagt sie. Gemeint ist nicht nur nachhaltige Mode, sondern Nachhaltigkeit insgesamt. Und das, obwohl der Bedarf größer denn je wäre und Unternehmen gerade jetzt gefragt wären, Verantwortung sichtbar zu machen.

Nunu Kaller auf dem Laufsteg: Die Autorin und Nachhaltigkeitsexpertin setzt sich seit Jahren für faire Mode ein.

Zwischen Anspruch und Realität

Die Zahlen zeichnen ein widersprüchliches Bild. Laut einer Analyse des Instituts für Handel, Absatz und Marketing sehen 59 Prozent der Konsument*innen durchaus die Notwendigkeit für mehr Umweltschutz in der Modeproduktion. Gleichzeitig sind nur 24 Prozent bereit, tatsächlich auf nachhaltige – und meist teurere – Kleidung umzusteigen. Noch deutlicher wird die Ambivalenz beim Blick auf den Markt: 60 Prozent sprechen sich zwar für ein Verbot von Fast Fashion aus, gleichzeitig wollen 66 Prozent weiterhin günstige Kleidung kaufen können.

Auch auf Unternehmensseite scheint sich der Fokus zu verschieben. Eine aktuelle CEO-Stimmungsanalyse von Business Gladiators und Leitbetriebe Austria zeigt: 96 Prozent der österreichischen Top-Entscheider*innen messen Nachhaltigkeit und ökologischer Verantwortung derzeit angesichts der angespannten wirtschaftlichen Lage keine Priorität bei.

„Wir haben den Wert von Kleidung verlernt“

Für Kaller ist die Ursache klar: „Ich glaube, momentan ist es wirklich vorrangig der Preis, weil bei uns allen das Geldbörsel enger sitzt.“ Die Flut an Billigware habe dazu geführt, dass ein grundlegendes Verständnis verloren gegangen sei. „Wir haben verlernt, wie wichtig Qualität und Handwerk ist.“

Die Folgen gehen weit über Konsumentscheidungen hinaus. „Wir verlieren momentan hier in Europa in einer Geschwindigkeit unsere handwerklichen Fähigkeiten“, sagt sie. Von einfachen Reparaturen bis hin zu ganzen Produktionszweigen stehe eine Industrie unter Druck, die einst zentral für den Standort war.

Upcycling Fashion Show als Gegenentwurf

Mit UPLIFT will Kaller genau das zeigen, was der Branche oft fehlt: eine konkrete Alternative. Die Idee entstand aus einer einfachen Beobachtung. „Ich war auf der Eröffnung der Vienna Fashion Week und habe mir gedacht: Das geht nachhaltiger.“

Das Konzept: Designer*innen arbeiten mit Altkleidung aus Beständen von Caritas und Volkshilfe und schaffen daraus neue Stücke. Gleichzeitig bekommen kleinere heimische Labels eine Bühne, die sich einen eigenen Slot auf der Fashion Week nicht leisten können. Und das Modell funktioniert. Die Shows waren nicht nur medial erfolgreich, sondern auch wirtschaftlich wirksam, etwa durch Verkäufe zugunsten sozialer Organisationen. „Das Ding ist wirklich durch die Decke gegangen“, sagt Kaller.

Verantwortung ja – aber bitte ohne Budget

Umso schwerer wiegt die aktuelle Situation. Trotz nachweisbarem Impact fehlt es an vergleichsweise kleinen Budgets. „Ich merke, dass wirklich alle Budgets gerade gekappt sind“, so Kaller.

Das verweist auf ein strukturelles Problem: Nachhaltige Initiativen sind oft auf Einzelpersonen angewiesen – und damit besonders krisenanfällig. Gleichzeitig entsteht ein Spannungsfeld: Während Nachhaltigkeit kommunikativ präsent bleibt, fehlt es an konkreter Unterstützung dort, wo sie sichtbar wird. „Die Konsument*innen alleine werden es nicht richten“, sagt Kaller. Nachhaltiger Wandel brauche strukturelle Maßnahmen und könne nicht allein über individuelle Kaufentscheidungen gesteuert werden.

Was es jetzt braucht

Für Kaller liegt die Lösung in einem Zusammenspiel aus Bewusstsein und Rahmenbedingungen. Sie plädiert für stärkere politische Unterstützung heimischer Produktion, als notwendige Antwort auf globale Ungleichgewichte. „Wir haben innerhalb der EU weitaus bessere Produktionsbedingungen“, sagt sie. Diese müssten aber auch geschützt und sichtbar gemacht werden.

Gleichzeitig richtet sich ihr Blick auch an Unternehmen: Wer heute in nachhaltige Mode investiert, positioniert sich nicht nur ethisch, sondern auch strategisch. UPLIFT biete genau diese Bühne zwischen High Fashion, gesellschaftlicher Relevanz und medialer Sichtbarkeit.

Ob die Show heuer stattfinden kann, ist noch offen. Was feststeht: Das Konzept funktioniert. Die Reichweite ist da, die mediale Aufmerksamkeit ebenso und die Verbindung aus Nachhaltigkeit, Design und gesellschaftlicher Relevanz trifft einen Nerv.

Für Nunu Kaller ist deshalb klar, worauf es bei einem Partner ankommt: Unternehmen, die nicht nur über Nachhaltigkeit sprechen, sondern bereit sind, sie sichtbar zu machen. UPLIFT sei genau dafür die Plattform, im Spannungsfeld zwischen High Fashion und Ressourcenschonung, zwischen Image und echtem Impact. „Es ist eine total runde Geschichte“, sagt Kaller. Eine, von der beide Seiten profitieren können. Die Frage ist also nicht nur, ob faire Mode noch en vogue ist, sondern auch, wer bereit ist, sie möglich zu machen.

Kerstin Reiger, Michaela Prantner
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