Wenn in dieser Woche die Münchner Innenstadt wieder einem Drehort für einen James Bond Krimi gleicht, dann ist MSC, die alljährliche Sicherheitskonferenz, die das Luxushotel Bayerischer Hof gleichermaßen in Festung, Rundfunksaal und diplomatisches Parkett verwandelt. In diesem Jahr ist sie so viel beachtet wie selten zuvor. Denn noch immer sitzt der Schock tief über die Rede, die hier der US-Vizepräsident J.D. Vance 2025 gehalten und klar gemacht hat – sehr positiv ausgedrückt: Europa muss erwachsen werden. Seitdem ist gerade hier in der Isar-Metropole viel passiert, Tech Souveränität nun in aller Munde: vom frisch eröffneten Riesen-Rechenzentrum der Telekom am Englischen Garten bis zum neuen Innovationsstandort der Bundeswehr vor den Toren der Stadt.

Dabei denke ich wieder viel an unsere Urlaubs-Reise im vergangenen Sommer. Es ging nach Helsinki in Finnland und Tallinn in Estland. In Helsinki hat mich der „underground urbanism“ fasziniert: Schwimmbäder, Spielplätze, Kirchen, Sport- und Einkaufszentren liegen dort nicht nur über, sondern auch unter der Erde – möglich durch Granitstein, notwendig durch lange kalte Winter. Aber diese Räume sind mehr als ein Freizeit-Ziel. Sie bieten vor allem Schutz, denn im Ernstfall kann Helsinki seine gesamte Bevölkerung unterbringen. Feldbetten, Ausrüstung, Anschlüsse für Versorgung, alles da. Resilienz als Bauprinzip. Ähnliches ist in Estland zu finden.

Vor Ort haben wir verstanden, wie illusionslos Finnland und Estland im Bezug auf Russland sind. Zu präsent sind die historischen Erfahrungen, zu aktuell die hybriden Bedrohungen, die derzeit auch in Litauen zu sehen sind. Viele in unserem Umfeld wollen mit Verteidigung nichts zu tun haben. Verständlich. Eskapismus ist menschlich, aber er hilft nicht. Noch vor ein paar Jahren wirkte das Notradio wie ein hysterisches Signal, heute steht es auf der Einkaufsliste. Defense zieht in die Haushalte ein, auch in unseren. Mein Mann beschäftigt sich fachlich mit dem Thema, mein Sohn ist im wehrfähigen Alter.

Was hilft, um nicht vor Angst in die Kissen zu weinen? Einmal mehr der Blick über die Grenzen und auf Wirtschaft und Technologie. Auf der DLD Conference wurde vor kurzem deutlich, dass der Ukraine-Krieg, der sich bald zum vierten Mal jährt, ein Krieg der Köpfe geworden ist und nicht allein vom Militär gewonnen werden kann. Beispiel Victory Drones – eine NGO, die inzwischen über 170.000 Drohnenpiloten ausgebildet hat. Die zentrale Botschaft von Vertreterin Valeryia Grachova, die früher in Kanada Filme gedreht hat: Moderne Militärstrukturen funktionieren heute wie Start-ups, mit Forschung und Entwicklung ganz nah an der Front.

Die Organisation ist dabei keine klassische NGO, sondern als zivil-militärische Kooperationsplattform inzwischen ein operativer Bestandteil der ukrainischen Verteidigung. Denn: Moderne Verteidigung könne nicht mehr allein vom Militär organisiert werden, so der Appell von Valeryia Grachova. Aus ihrer Sicht bereiten sich Europäische Armeen vielerorts noch auf Szenarien vor, die es nicht mehr gibt. Die technologische Realität habe sich radikal verändert. Entwicklungszyklen von Jahren oder Jahrzehnten seien obsolet. In der Ukraine wurden Innovationszyklen auf Monate verkürzt – und selbst das reicht oft nicht aus. Hybride Bedrohungen sind außerdem längst Realität: Desinformation, Cyberangriffe, Sabotage. Auch hierzulande erleben Unternehmerinnen das bereits täglich. Cognitive Resilience – also die Widerstandsfähigkeit von Gesellschaften gegen Manipulation – wird aus Sicht von Grachova deshalb zur Schlüsselkompetenz. Einen weiteren zentralen Punkt sieht die Ukrainerin in der mentalen Vorbereitung der Gesellschaft. In demokratischen Systemen kommen Ressourcen, Budgets und Legitimation aus der Mitte der Bevölkerung.

Will ich hier etwas herbeireden? Was heißt in diesen Zeiten Pazifismus? Mein früheres Ich wäre auch am Wochenende in die Münchner Innenstadt gezogen, um zu demonstrieren. Leider ist es nicht mehr so einfach. Defense drängt in unser Leben, ob wir es wollen oder nicht. Die große Hoffnung ist, dass es läuft, wie damals auf dem Schulhof: Wer sich wehren kann, wird nicht zum Opfer. Ob man Rüstungs-Aktien investiert, ist eine individuelle Entscheidung. Unsere Werte zu verteidigen, Verantwortung zu übernehmen, das sollte eine kollektive Überzeugung werden.

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