„Autonome Technologien müssen der Gesellschaft dienen“
Israel hat sich in den vergangenen Jahren zu einem globalen Hotspot für Smart Mobility entwickelt. Über 600 Start-ups, milliardenschwere internationale Investitionen und ein eng verzahntes Zusammenspiel aus Staat, Forschung und Industrie machen das Land zu einem Reallabor für autonome Systeme, datenbasierte Verkehrssteuerung und neue Mobilitätsformen.
Daniella Gera Margaliot ist Deputy Director General for Innovation and Smart Mobility im israelischen Ministry of Transport and Road Safety. Zuvor war sie maßgeblich am Aufbau der nationalen Smart-Mobility-Strategie beteiligt und treibt heute innovative Regulierung, Pilotprojekte und internationale Kooperationen voran.
Frau Gera Margaliot, Israel gilt als eines der weltweit agilsten Innovationslabore für Mobilität. Wie würden Sie die Rolle des Landes im globalen Ecosystem beschreiben?
Israel ist heute ein internationaler Smart-Mobility-Hub. Wir haben über 600 Start-ups in allen Segmenten: autonome und vernetzte Systeme, Mobility Services, Drohnen, Parkraum- und Flottenmanagement, Verkehrssteuerung. Die Unternehmen decken die gesamte Entwicklungskette ab, von Pre-Seed bis zu globalen Playern wie Mobileye oder Moovit.
Israel hat über 27 Milliarden US-Dollar an internationalen Investitionen angezogen, das sind mehr als zehn Prozent der weltweiten Smart-Mobility-Investitionen, wie ein aktueller McKinsey-Report zeigt. Das macht uns zu einem der stärksten Standorte weltweit. Und weil Mobilität zunehmend softwaregetrieben ist, hat Israel mit seiner Erfahrung in KI, Cyber, Deep Tech und Data Science natürlich Vorteile.
Warum entstehen gerade in Israel so viele Mobilitäts-Start-ups?
Ein zentraler Faktor ist die staatliche Unterstützung. Wir haben ein nationales Smart-Mobility-Programm aufgebaut, das entlang der gesamten Wertschöpfungskette wirkt. Dazu gehören unter anderem die Förderung von Forschung und Entwicklung, ein nationales Forschungszentrum mit über 150 Wissenschaftler*innen, Stipendien und Grants, die Start-up-Community EcoMotion mit über 13.000 Mitgliedern sowie Mechanismen für Pilotierungen im öffentlichen Raum.
Hinzu kommt ein sehr flexibler regulatorischer Rahmen. Wenn wir sehen, dass Innovation behindert wird, versuchen wir Regularien entsprechend anzupassen. Israel hat heute eine der fortschrittlichsten Gesetzgebungen für autonomes Fahren: autonome Fahrzeuge dürfen unter bestimmten Bedingungen ohne Sicherheitsfahrer fahren und sogar zahlende Passagiere transportieren. Das gibt Start-ups enorme Möglichkeiten.
Wie ist das Gesamtmobilitätskonzept aufgebaut und wie werden verschiedene Verkehrsträger aufeinander abgestimmt?
Israel verfügt über sehr gut ausgebaute Mikromobilitätsangebote, über Shared-Mobility-Modelle, über klassische öffentliche Verkehrsmittel und über erste autonome Systeme. Der Schlüssel liegt in den Daten. Wir arbeiten an einer nationalen Plattform, die öffentliche, private und kommunale Mobilitätsdaten zusammenführt. Daraus entstehen nutzbare Insights – und darauf können Start-ups Lösungen bauen. Unser Ziel ist ein Ökosystem, in dem Daten Integration ermöglichen und der Markt innovative Services darauf aufsetzt.
Wem nützen autonome Systeme am meisten und welche Probleme können sie lösen?
Für uns liegt der größte Nutzen im öffentlichen Verkehr. Autonome Systeme können zum Beispiel Staus oder Unfälle reduzieren und sie sind effizienter, sicherer und erzeugen weniger Emissionen. Aber das funktioniert nur mit den richtigen Anreizen. Wenn autonome Autos den ganzen Tag leer herumfahren, steigt die Verkehrsbelastung. Die Gesetzgebung muss daher den Rahmen so setzen, dass autonome Technologien der Gesellschaft dienen und nicht nur den Anbietern. Wir testen das aktuell mit autonomen Bussen, zum Beispiel in Nahariya.
Welchen Beitrag kann Mobilität zur Nachhaltigkeit leisten und wie balanciert Israel Infrastrukturwachstum mit Umweltschutz?
Ein großer Teil der Emissionen kommt aus dem Transportsektor. Der Umstieg auf Elektro- und Wasserstoffantriebe ist daher ein wichtiger Hebel. Aber auch Materialien spielen eine Rolle: innovative Baustoffe, die weniger Hitze absorbieren, weniger Schadstoffe freisetzen oder besser recycelbar sind. Wir investieren stark in Forschung zu nachhaltigen Materialien und Antriebssystemen. Innovation hilft uns, sowohl Emissionen zu senken als auch den ökologischen Fußabdruck von Infrastruktur zu reduzieren.
Mobilität verstärkt oft soziale Unterschiede. Wie stellen Sie sicher, dass smarte Lösungen nicht nur privilegierten Gruppen zugutekommen?
Das ist eine zentrale Frage. Am Ende geht es um Anreize und Regeln. Der Markt allein optimiert nach Profit und nicht nach Gerechtigkeit. Unsere Aufgabe als Staat ist es, Leitplanken zu setzen: Wo müssen Dienste verfügbar sein? Welche Standards gelten? Welche Regionen dürfen nicht vernachlässigt werden? Wir wollen Mobilität für alle verbessern, nicht nur für städtische oder zahlungskräftige Gruppen. Das ist anspruchsvoll, aber essenziell.
Neue Mobilitätslösungen erfordern Akzeptanz in der Bevölkerung. Wie lässt sich Vertrauen aufbauen, wenn Mobilität zunehmend autonom und datenbasiert wird?
Bei Daten sehen wir eher steigendes Vertrauen, wenn Transparenz gegeben ist. Bei autonomen Fahrzeugen ist es schwieriger, weil es den menschlichen Kontakt nicht mehr gibt, wie zum Beispiel den Blickkontakt beim Überqueren der Straße. Wir arbeiten daher an Interaktionslösungen, etwa Lichtsignalen oder anderen visuellen Interfaces. Wichtig ist auch ein sehr vorsichtiger Rollout: Wenn man zu schnell skaliert und ein Unfall passiert, verliert man viel Vertrauen. Es muss Schritt für Schritt passieren.
Die Mobilitäts- und Deep-Tech-Branche ist global sehr männlich dominiert. Welche strukturellen Veränderungen braucht es, damit mehr Frauen die Zukunft der Mobilität gestalten?
Vieles beginnt in der Bildung: Mädchen müssen früher ermutigt werden, MINT-Fächer und Engineering zu wählen, wenn das Interesse da ist. Gleichzeitig eröffnet die Mobilitätstransformation neue Chancen, weil Software, Data und KI stärker werden. Das sind alles Bereiche, in denen Barrieren niedriger sein können. Kulturell ist es immer noch ein männlich dominiertes Umfeld, aber ich hoffe, dass die Branche durch den Wandel mehr Frauen anzieht. Sichtbarkeit und gezielte Förderung helfen ebenfalls.
Wenn Sie zehn oder zwanzig Jahre in die Zukunft blicken: Welche Innovationen werden die Mobilität am stärksten prägen?
Die Zukunft wird vernetzt sein: Fahrzeuge, Infrastruktur, Services und Menschen werden ständig miteinander kommunizieren. Mit KI und Big Data lassen sich Verkehrsflüsse lösen, die heute unmöglich zu berechnen sind. Zudem wird Mobilität sich nicht nur am Boden abspielen. Urban Air Mobility wird eine Rolle spielen und Israel ist führend darin, Drohnenverkehr in dicht besiedelten Gebieten sicher zu koordinieren. Israel wird in vielen dieser Bereiche eine wesentliche Rolle spielen, davon bin ich überzeugt.