„Seid ihr verrückt genug zu glauben, dass wir die Welt durch Musik verändern können?“ Mit dieser Frage setzen die Gründerinnen von Rhythm Touch den Ton bei unserem Gespräch im Rahmen des European Young Innovators Festival der WSA in Graz. Mărioara Mihali, Ioana-Andreea Popa, Maria-Cătălina Rizel und Iulia Bara haben ein tragbares Armband entwickelt, das Musik in Echtzeit in Vibrationen übersetzt. So wird Live-Musik nicht nur hörbar, sondern fühlbar – und kulturelle Teilhabe plötzlich sehr konkret.
Inklusion, ohne jemanden „zurechtzubiegen“
„Wir leben in zwei Welten: der hörenden Welt und der Welt von Menschen mit Hörbeeinträchtigungen“, so die Gründerinnen. Rhythm Touch wolle diese Trennung nicht verwalten, sondern aufbrechen. Der zentrale Satz: „Wir wollen Menschen nicht reparieren … Wir wollen die Welt tatsächlich für diese Menschen gestalten, nicht die Menschen für die Welt.“ Es gehe ihnen nicht darum, Menschen in bestehende Strukturen zu pressen, sondern Strukturen so zu verändern, dass mehr Menschen darin Platz haben. Niemand solle das Gefühl haben, „nicht genug zu sein“ oder nicht dazuzugehören. Musik-Events sollen Orte sein, „wo man einfach man selbst sein“ kann – ohne Angst, ohne Hürden.
Wie sich das anfühlt?
Was das Armband auslösen kann, erzählt uns eine Testerin. Als sie das Weareable das erste Mal probierte, rührte sie das Gefühl, wirklich Teil des Moments zu sein, zu Tränen. Nicht nach dem Motto „sei wie wir“, sondern: „Sei genau so, wie du bist, nimm teil und hab den gleichen Spaß – aber erlebe es auf eine Weise, die dich glücklich macht.“
So wie Menschen mit starker Hörbehinderung Sprechen über Vibrationen lernen – über die Vibrationen in der Kehle und das Nachahmen anderer – „ahmt“ das Armband die Vibrationen der Musik um einen herum nach. Eine andere Schnittstelle zur Welt, die Zugehörigkeit möglich macht.
Geschäftsmodell: Vermietung statt Verkauf
Rhythm Touch testet derzeit ein B2B-Modell: Veranstalter*innen sollen die Geräte mieten, damit Menschen mit Hörbeeinträchtigungen sie vor Ort kostenlos nutzen können. Der Gedanke dahinter ist simpel und skalierbar: Solche Armbänder sollen dort verfügbar sein, wo es Musik gibt. Nicht als Nischenangebot, sondern als Infrastruktur.
Wirkung, die auch Hörende überrascht
Das Team hat das Armband bereits breit testen lassen: über 2000 hörende und mehr als 80 hörbeeinträchtigte Personen haben Rhythm Touch ausprobiert. Eine Zahl sticht heraus: Über 70 Prozent der hörenden Tester*innen hätten davor nie darüber nachgedacht, dass Menschen mit Hörbeeinträchtigungen zu Musik-Events gehen können. Rhythm Touch verändert damit nicht nur Zugang, sondern auch Erwartungen – und damit die Kultur des „Wer gehört hier dazu?“.
Wie schnell sich das drehen kann, zeigt ein Festival-Test mit zehn Menschen mit Hörbeeinträchtigung im Alter von 30 bis 65 Jahren: Anfangs zögerlich, weil solche Veranstaltungen nicht als Orte erlebt werden, an denen man willkommen ist. Mit Armband dann: Tanzen, Lächeln, Austausch – und der Wunsch, länger zu bleiben. Der Unterschied ist nicht nur technisch. Er ist sozial.
Die aktuellsten Auszeichnungen
Dass Rhythm Touch gerade viel Rückenwind bekommt, spiegelt sich in den jüngsten Erfolgen: 2025 gewann das Start-up den WSA European Young Innovator Award sowie den Innovative Project Award 2025 der Fundația Dan Voiculescu pentru Dezvoltarea României. Ebenfalls 2025 wurde Rhythm Touch ins EUt+ Incubation Program aufgenommen.
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