Sofie Lilli Stoffel: „Unsere Verteidigung ist für mich auch eine feministische und menschenrechtliche Frage.“
Wie sicher ist Europa in einer sich verändernden Weltordnung? Außen- und Sicherheitspolitik-Expertin Sofie Lilli Stoffel verbindet politische Analyse mit Erkenntnissen aus Neurologie und Psychologie und zeigt, was wir daraus für Konflikte und transatlantische Beziehungen lernen können.
Sofie Lilli Stoffel beschäftigt sich mit einer der zentralen Fragen unserer Zeit: Wie kann Sicherheit in Deutschland, Europa und darüber hinaus gewährleistet werden? Als Expertin für Außen- und Sicherheitspolitik richtet sie ihren Blick dabei nicht nur auf politische Entwicklungen, sondern auch auf die Erkenntnisse von Neurologie und Psychologie. In ihrer aktuellen Studie „Wenn dein Verbündeter zum Narzissten wird“ untersucht sie die Gestaltung transatlantischer Beziehungen und möchte Europa damit Orientierung für den Umgang mit seinen internationalen Partnern geben. Das Interview führte herCAREER-Redakteurin Kristina Appel.
Sofie, wir erleben derzeit mehrere internationale Krisen. Was hat sich Ihrer Meinung nach geopolitisch verändert?
Seit Bestehen der Bundesrepublik konnten wir uns immer darauf verlassen, dass die USA uns im Fall eines Konflikts den Rücken stärken und gemeinsam mit uns sicherheitspolitische Maßnahmen durchführen würden. Das ist jetzt nicht mehr so, spätestens seit der zweiten Amtszeit Trumps auch ganz explizit.
Hinzu kam der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Annäherung an Europa, die Deutschland sich in den 2000ern und 2010ern von Russland naiverweise erhofft hatte, ließ sich nicht realisieren.
Gleichzeitig sind wir stark von China abhängig, dessen Interessen europäischen und deutschen Interessen in vielerlei Hinsicht entgegenlaufen.
Unsere Studie ist ein Versuch, aus dem Status-Quo-Denken herauszukommen, die Perspektive zu wechseln und über Deutschlands und Europas Rolle in der Welt sowie die internationale Politik nachzudenken. Welche Optionen haben wir? Denn momentan befinden wir uns sprichwörtlich „between a rock and a hard place“ – also in einer echt unangenehmen Lage.
Das Machtgehabe der USA und Russlands könnte man auf Kapitalismus und Patriarchat zurückführen. Ihre Studie eröffnet jedoch eine neue Perspektive: Narzissmus. Doch wer ist in diesem Kontext narzisstisch? Sind es die Regierungschefs Trump, Putin und Co., ihre Regierungen oder die Nationen selbst?
In unserer Studie betrachten wir nicht Individuen, sondern Muster politischer Handlungen. Wir sprechen darin über Regierungen, analysieren also Maßnahmen auf staatlicher Ebene. Natürlich gibt es Wechselwirkungen, denn Regierungen werden auch durch die Person an ihrer Spitze geprägt. Die MAGA-Bewegung zum Beispiel ist aber trotzdem viel mehr als nur Donald Trump und sein engster Kreis. MAGA hat ein politisches Klima geschaffen und ist gleichzeitig ein Produkt dessen. Deswegen kann man die aktuelle US-Außenpolitik nicht rein auf den Präsidenten zurückführen.
In eurer Untersuchung haben Sie sieben Kriterien zur Erkennung narzisstischer Muster in der Außenpolitik definiert.
Die Art und Weise, wie wir – und noch stärker die USA – unsere demokratischen Systeme aufgebaut haben, befördert narzisstische Tendenzen. Meist wählen wir Personen in Machtpositionen, die auf der narzisstischen Skala weiter oben stehen. Das ist nicht per se schlecht, denn Narzissmus ist zwar negativ konnotiert, auf niedrigeren Levels aber auch mitverantwortlich für Eigenschaften wie Humor, Innovationswille, Durchsetzungsstärke und ein gesundes Selbstbewusstsein. Bei höheren Maßen narzisstischer Eigenschaften wird dies aber problematisch, dann geht es primär um Macht, Ansehen und Status. Es gibt außerdem das sozialpsychologische Phänomen des kollektiven Narzissmus, eine unkritische Überzeugung von der Großartigkeit der eigenen Gruppe oder Nation. Leider ist es kein isoliertes Phänomen, dass in solchen Fällen die Zustimmung zu autoritären und populistischen Politiker:innen und Bewegungen steigt, die sich in Europa und Nordamerika primär am rechten Rand finden.
Sie haben unter anderem das Streben nach Aufmerksamkeit, einen ausbeuterischen und herabwürdigenden Umgang mit Verbündeten, performative und zwingende Überlegenheit, rachsüchtige Vergeltung sowie einen risikobehafteten, kurzfristigen Fokus als Kriterien für narzisstische Regierungen angesetzt. Anhand dieser Kriterien – wie narzisstisch ist Deutschland?
In puncto Außen- und Sicherheitspolitik: nicht besonders. Denn Deutschland sucht aktiv den Schulterschluss mit europäischen Partner:innen. Deutschlands Währung auf dem internationalen Parkett ist Verlässlichkeit. Egal, welche Regierung bei uns an der Macht ist, unsere Außenpolitik bleibt in ihren Grundzügen ähnlich. Und das ist das genaue Gegenteil des volatilen Narzissmus. Wir sind auch nicht für Public Stunts bekannt – im Gegenteil: In der Auswertung unserer Studie rufen wir vielmehr dazu auf, mehr Imagepflege zu betreiben, neue Partnerschaften zu bilden und uns gemeinsam mit diesen Ländern etwas mehr zu inszenieren.
Um was zu erreichen?
Damit wir neben den USA und anderen narzisstischen Playern nicht unnötig vulnerabel wirken. Es geht in solchen Dynamiken oft sehr explizit um Wahrnehmung und Zurschaustellung.
Welche Fehler macht Deutschland derzeit?
Wir befinden uns noch immer in vielen Situationen in einer reaktiven Haltung, einen Schritt zu langsam, einen Schritt hinterher. Was liegt in unserem Interesse – in Europas Interesse? Welche Rolle wollen wir unter veränderten geopolitischen Umständen haben? Um diesen Effekt zu durchbrechen, ist der Narzissmus-Begriff meiner Meinung nach sehr hilfreich, er macht es einfacher, eine neue Perspektive einzunehmen und die Muster zu betrachten, anstatt von Krise zu Krise zu denken.
Welche Aufgaben ergeben sich daraus für Europa und Deutschland?
Deutschland und Europa bauen derzeit ihre Verteidigungsfähigkeiten stark aus. Das wird aber dauern, denn wir haben viel zu spät damit angefangen. Dementsprechend müssen wir in der Zwischenzeit einen guten Weg finden, mit den USA und ihrer aktuellen Außenpolitik umzugehen.
Unsere Verteidigung ist für mich übrigens auch eine feministische und menschenrechtliche Frage. Wenn uns jemand angreift, annektieren will oder Abhängigkeiten zur politischen Dominanz ausnutzt, werden dies aller Annahme nach Akteure sein, die antidemokratisch und antifeministisch sind, wie Russland. Wenn wir ein solches Leben nicht führen möchten, müssen wir uns verteidigen – und zwar auf einer Ebene, die auch international respektiert wird. Dafür brauchen wir unbedingt neue Partner.
Wer kommt da infrage?
Primär brauchen wir natürlich ein starkes und möglichst vereintes Europa. Ich habe die Hoffnung, dass die europäische Kooperation ohne Orbán auch noch besser wird.
Außerdem brauchen wir Partner, die in ähnlichen Situationen sind, die sogenannten “Mittelmächte”. Viele davon sind Länder aus dem Globalen Süden, der Global Majority, wie es jetzt oft heißt. Die haben jedoch nicht unbedingt Lust, mit uns zusammenzuarbeiten, solange wir uns ihnen gegenüber nicht demütig zeigen und klar machen, was Deutschland und Europa zu attraktiven Partnern macht.
Das wird interessant. Von wem könnten wir uns in dieser Hinsicht etwas abschauen?
Ein gutes Vorbild sind Mexiko und seine Präsidentin Claudia Sheinbaum. Konflikte zwischen den USA und Mexiko sind derzeit kaum Thema. Das liegt nicht daran, dass es keine Provokationen mehr gibt, sondern daran, dass Mexiko nicht mehr auf die Trump-Regierung eingeht. Zugegeben, Venezuela ist mit seinen Öl-Ressourcen gerade interessanter für die USA. Doch Mexiko macht das hervorragend. Wir müssen von und mit solchen Ländern lernen – und das geht nur, wenn wir es schaffen, ein zuverlässiger und ehrlicher Partner zu sein.
Die Studie nennt sich auch ein „Self-Help Manual for Europe“. Was sind Ihre Handlungsempfehlungen?
Partner:innen finden haben wir schon erwähnt. Wenn wir Bündnisse und interessenbasierte Kooperationen eingehen, bilden die ein Gegengewicht zur narzisstischen Politik und erschweren es den narzisstischen Playern, uns zu spalten und gegeneinander auszuspielen. Überhaupt sollte sich niemand von etwas mitreißen lassen, das auf Truth Social oder Fox News verbreitet wird.
Dann: Nicht nachgeben! Jedes Mal, wenn man narzisstischen Manipulationen nachgibt, hängt der Reifen, durch den man springen soll, ein wenig höher und weiter rechts. Wir denken, wir können so möglichen Vergeltungsaktionen vorbeugen. Das ist ein Trugschluss! Irgendwann hängt der Reifen so hoch, dass man ihn unmöglich überwinden kann – und dann trifft die folgende Vergeltung gleich dreimal so stark.
Zuletzt, und auch das habe ich schon angedeutet: Es hilft uns nicht, uns als kleines, abhängiges Europa zu positionieren. Wir brauchen mehr Kühnheit, denn narzisstische Akteure respektieren starke Partner. Wir sollten uns also ein wenig mehr aufplustern, auch wenn uns gewisse Kapazitäten noch fehlen.
Sofie Lilli Stoffel live erleben:
herCAREER Expo | 22.+ 23. Okt. 2026 | MOC, München
Do. 22. Okt. 9:30 –17:30 Uhr | Fr. 23. Okt. 9:30 – 16:30 Uhr
Sofie Lilli Stoffel wird am Freitag, den 23. Oktober 2026, beim Podcast-MeetUp auf der herCAREER Expo über ihre Studie und Lehren aus der Psychologie im Kontext globaler Sicherheitspolitik sprechen.
Mehr Infos hier: https://www.her-career.com/expo/
Der Beitrag ist Teil einer Content Kooperation von sheconomy & herCAREER und wurde zuvor bereits auf www.her-career.com veröffentlicht.