Sie sagen: Deutschland kann Architekt einer verlässlichen KI sein – woher diese Zuversicht, wenn uns offenbar die USA, China und Co bei der Entwicklung abhängen?
Unsere Zuversicht speist sich nicht aus der reinen Rechenpower, sondern aus unserer einzigartigen Tradition der Systemintegration und Verlässlichkeit. Während die USA auf das Prinzip „Move fast and break things“ setzen, China die staatlich verordnete Skalierung forciert und die Vereinigten Arabischen Emirate allumfassend die Gesellschaft transformiert, liegt unsere Chance in der sogenannten „Industrial AI“. Wir beherrschen die komplexen Domänen – vom Maschinenbau bis zur Chemie. Wenn wir KI nicht als isoliertes Softwareprodukt begreifen, sondern als das neue Betriebssystem unserer physischen Welt, dann sind wir kein Nachzügler. Wir werden zum Architekten für Qualität, Sicherheit und Nachhaltigkeit. Es geht darum, Intelligenz in physische Exzellenz zu übersetzen, und genau das ist der Kern unserer industriellen Identität, der uns weltweit unverwechselbar macht.
Sie zeichnen in Ihrem Buch Parallelen zur deutschen Kulturgeschichte – wie können unsere historischen Wurzeln uns im KI-Wettbewerb stärken?
Deutschland ist das Land der Aufklärung und der Romantik – wir haben eine tiefe, fast existenzielle Tradition darin, das Verhältnis von Mensch, Natur und Maschine zu reflektieren. Unsere Ingenieurskunst, die stets nach dem „Warum“ fragt, gepaart mit einem humanistischen Erbe, erlaubt es uns, KI mit Werten wie Transparenz und ethischer Integrität zu „beseelen“. Diese kulturelle Tiefe ist heute ein echter Wettbewerbsvorteil. In einer digitalen Welt, die zunehmend von Desinformation und Beliebigkeit geprägt ist, wird Vertrauen zum wertvollsten Gut. Unsere historischen Wurzeln befähigen uns, technologische Innovation nicht als Selbstzweck zu sehen, sondern als Werkzeug für den gesellschaftlichen Fortschritt, das fest auf dem Fundament menschlicher Würde steht.
Wie spielen KI und kulturelle Haltung aus Ihrer Sicht zusammen?
KI ist weit mehr als ein rein technisches Werkzeug; sie ist ein Spiegel unserer gesellschaftlichen Haltung. Eine proaktive kulturelle Haltung bedeutet, KI nicht als Bedrohung für die menschliche Einzigartigkeit oder Kreativität zu begreifen, sondern als einen Partner im Denkprozess. Wir müssen weg von der defensiven Angstkultur und hin zu einer gestalterischen Souveränität. Wer KI nutzt, um menschliche Potenziale zu erweitern („Augmentation“) statt sie lediglich zu ersetzen, schafft eine Resonanz, die technologische Innovation erst gesellschaftsfähig und wertvoll macht. Unsere Haltung entscheidet darüber, ob wir von der Technologie getrieben werden oder ob wir sie nutzen, um die drängenden Probleme unserer Zeit mit einer neuen Form von kollektiver Intelligenz zu lösen.
Welche massgeblichen Entwicklungen sehen Sie 2026 bei KI?
In diesem Jahr erleben wir den entscheidenden Übergang zur Handlungsfähigkeit. Wir verlassen die Ära der reinen Chatbots, die nur Texte generieren. KI-Agenten übernehmen nun komplexe, autonome Prozessketten und agieren als produktive Partner im Arbeitsalltag. Gleichzeitig verschmilzt die digitale Intelligenz durch „Physical AI“ endgültig mit der Hardware. Roboter und Maschinen werden durch Large Behavior Models (LBMs) intuitiv, feinfühlig und lernfähig. Die KI bekommt im wahrsten Sinne des Wortes „Hände und Füße“. Für den Industriestandort Deutschland ist das ein gigantischer Hebel, da unsere Stärke in der Hardware nun durch eine lernende Software-Ebene ergänzt wird, die weit über die klassische Automatisierung hinausgeht und echte Autonomie ermöglicht.
Sie beschreiben eine Schwelle, an der wir in Sachen KI gerade stehen, können Sie die näher beschreiben?
Wir stehen an der Schwelle von der assistiven zur autonomen Intelligenz. Bisher war die KI ein hilfreicher Assistent, der uns beim Schreiben, Suchen oder Analysieren unterstützt hat. Jetzt beginnt sie, in unserem Namen zu handeln und eigenständige Entscheidungen in komplexen Systemen zu treffen. Das ist ein fundamentaler ontologischer Sprung, der unser Verständnis von Arbeit und Verantwortung verändert. Es ist die Schwelle, an der wir definieren müssen, wie viel Autonomie wir Systemen übertragen und wie wir die Schnittstellen so gestalten, dass der Mensch weiterhin die strategische Richtung vorgibt. Wir wechseln vom „Bedienen einer Maschine“ hin zur „Führung eines intelligenten Systems“. Diese Schwelle ist die Geburtsstunde einer neuen Ära der Kooperation zwischen Mensch und Maschine.
Wie sehen mögliche europäische Szenarien aus?
Europa kann und muss das Szenario der „Souveränen Vielfalt“ prägen. Statt einem globalen Monopolmodell zu folgen, setzen wir auf ein Ökosystem aus spezialisierten, vertrauenswürdigen Modellen, die durch klare europäische Werte und einen zu verbessernden AI Act geschützt sind. Ein positives Szenario sieht Europa als den globalen Hub für „Ethical AI“ – einen Ort, an dem Unternehmen sicher sein können, dass ihre Daten geschützt sind und die Algorithmen nicht gegen sie arbeiten. Das Ziel ist ein digitaler Binnenmarkt, der Innovation durch Rechtssicherheit und Interoperabilität anzieht, statt sie durch Bürokratie zu vertreiben. Wir werden zum Vorbild für eine Welt, die nach technologischem Fortschritt strebt, ohne dabei die individuelle Freiheit und die soziale Marktwirtschaft zu opfern.
Welche Rolle spielt die Blockchain?
Die Blockchain ist das notwendige Immunsystem der KI-Ära. In einer Welt, die von Deepfakes und generativen Inhalten überflutet wird, brauchen wir eine unbestechliche Technologie zur Verifizierung von Identität und Herkunft. Die Blockchain liefert diesen „Proof of Provenance“. Zudem ist sie die technologische Basis für dezentrale Datenmarktplätze. Hier können Unternehmen – insbesondere aus dem Mittelstand – ihre wertvollen Daten teilen, um gemeinsam starke KI-Modelle zu trainieren, ohne dabei die Souveränität über ihr geistiges Eigentum zu verlieren. Sie löst das Dilemma zwischen Datennutzung und Datenschutz und schafft die notwendige Infrastruktur für faire, dezentrale Wertschöpfungsketten, in denen nicht nur die Plattformbetreiber profitieren.
“Die Erbengeneration könnte einen wichtigen Shift bringen und als Brückenbauer wirken”
Wo sehen Sie den Mittelstand?
Der Mittelstand ist das Rückgrat und das eigentliche Labor der deutschen KI-Transformation. Hier liegt das tiefe Domänenwissen und die jahrzehntelange Erfahrung in Nischenmärkten. Wenn unsere mittelständischen Weltmarktführer dieses Wissen mit moderner KI kombinieren, entstehen die „Hidden Champions 2.0“. Die größte Herausforderung ist dabei nicht die Technologie selbst, sondern der kulturelle Mut zur Datendurchgängigkeit und das Investment in neue Talente. Der Mittelstand hat die Chance, KI als Effizienzmotor und gleichzeitig als Enabler für völlig neue, datenbasierte Geschäftsmodelle zu nutzen. Er ist der Ort, an dem sich entscheidet, ob Deutschland die PS der KI-Entwicklung wirklich auf die Straße bringt und in reale wirtschaftliche Werte übersetzt.
Wie könnte die Erbengeneration entscheidend am KI-Erfolg mitwirken?
Die Erbengeneration bringt den entscheidenden Mindset-Shift in die Familienunternehmen. Sie verbindet das tiefe Verantwortungsgefühl für die Tradition und das Erbe mit einer natürlichen digitalen Affinität. Diese Generation versteht intuitiv, dass Stillstand das größte Risiko für das Familienvermögen ist. Sie agieren als Brückenbauer, die traditionelle Werte wie Qualität und Langfristigkeit mit radikal neuen, KI-getriebenen Geschäftsmodellen verknüpfen. Ihr Beitrag ist der Wille zur Transformation, der über kurzfristige Quartalszahlen hinausgeht. Sie sind es, die die Unternehmenskultur öffnen, um Talente anzuziehen, die KI nicht als Bedrohung, sondern als Werkzeug für eine nachhaltige und innovative Zukunft der deutschen Wirtschaft begreifen.
Welche Branchen sollten hier genau hinschauen?
Besonders aufmerksam sollten der Maschinenbau, das Gesundheitswesen und die Kreativwirtschaft sein. In der Industrie geht es um weit mehr als Effizienz; es geht um „Product-as-a-Service“-
“Kunst ist das kritische Korrektiv und bringt Innovation voran”
Wie können alle von uns in 2026 von KI profitieren?
Im Jahr 2026 profitiert jede und jeder Einzelne durch eine massive Entlastung von kognitiven Routineaufgaben. KI wird zum persönlichen Coach und zum smarten Assistenten, der uns hilft, in einer immer komplexeren Welt den Überblick zu behalten, lebenslang zu lernen und Informationen sinnvoll zu filtern. Die Barriere zwischen einer Idee und ihrer Umsetzung sinkt dramatisch: Jede:r kann zum Schöpfer werden – ob man nun programmiert, designt oder Texte verfasst –, ohne die technische Tiefe im Detail beherrschen zu müssen. KI demokratisiert den Zugang zu Expertenwissen und kreativen Werkzeugen. Das schenkt uns die wertvollste Ressource zurück: Zeit für Empathie, für echtes kritisches Denken und für die Lösung von Problemen, die menschliche Urteilskraft erfordern.
Wie können Diszplinen wie Kunst, Architektur oder Design KI-Entwicklungen beeinflussen und uns im Wettbewerb stärken?
Diese Disziplinen geben der KI eine Form, eine Ästhetik und vor allem eine Ethik. Designer:innen und Architekt:innen denken nicht in Algorithmen, sondern in Systemen, Räumen und Nutzererfahrungen. Sie sorgen dafür, dass KI-Anwendungen nicht nur effizient funktionieren, sondern für uns Menschen intuitiv, zugänglich und ästhetisch wertvoll sind. Die Kunst spielt eine Sonderrolle: Sie ist das kritische Korrektiv. Sie fordert die KI heraus, bricht antrainierte Muster auf und verhindert, dass wir in einer Welt der generativen Durchschnittlichkeit erstarren. Indem Kunst und Design die Grenzen des Machbaren dehnen, inspirieren sie die technische Entwicklung dazu, über die reine Optimierung hinauszuwachsen und wahre Innovation im Sinne des Menschen zu schaffen.
Was brauchen wir nun am dringendsten, damit diese positiven Szenarien eintreten?
Wir brauchen jetzt vor allem Mut zur Geschwindigkeit und eine völlig neue, offene Lernkultur. Wir müssen die deutsche Neigung zur Bedenkenträgerei überwinden und eine „Experimentierfreude mit Leitplanken“ entwickeln. Technische Infrastruktur und Rechenpower sind wichtig, aber die entscheidende Investition muss in die Köpfe fließen. Wir brauchen eine massive Alphabetisierung im Umgang mit KI auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Es gilt, die Angst vor dem Kontrollverlust durch die Kompetenz zur Gestaltung zu ersetzen. Wenn wir es nach Vorbild der VAE schaffen, Bildung, Kapital und regulatorische Freiheit klug zu kombinieren, dann wird die KI-Transformation nicht zu einer sozialen Belastung, sondern zu einem historischen Motor für Wohlstand und neue Lebensqualität..
Wer sollte Ihr neues Buch “Von Gutenberg zu ChatGPT” lesen?
Dieses Buch ist für alle geschrieben, die die Zukunft nicht nur als Zuschauer erleben, sondern sie aktiv als Gestalter prägen wollen. Es richtet sich an Entscheider im Mittelstand, die vor der Transformation stehen, ebenso wie an die junge Generation der „Next Gen“, die Verantwortung übernimmt. Es ist eine Einladung an Kreative, Architekten und Ingenieure, die Schnittstelle von Geist und Maschine neu zu denken. Kurz gesagt: Es ist ein Weckruf und ein Leitfaden für jeden, der verstehen möchte, warum wir in Europa – trotz aller Herausforderungen – jeden Grund haben, selbstbewusst, kritisch und voller Tatendrang in dieses neue KI-Zeitalter zu gehen. Es ist ein Buch für Optimisten mit Realitätssinn.
Zur Person:
Annette Doms ist promovierte Kunsthistorikerin und zählt zu den prägenden Vordenkerinnen an der Schnittstelle von Kultur, Künstlicher Intelligenz und digitaler Transformation. Als Strategin arbeitet sie in Expertenkommissionen führender Industrieunternehmen und internationalen Beiräten. Ihr Schwerpunkt liegt auf der verantwortungsvollen Gestaltung von Innovation, digitaler Souveränität und der Frage, wie kulturelle Identität im KI-Zeitalter bewahrt und zugleich weiterentwickelt werden kann. In ihrem aktuellen Buch „Von Gutenberg zu ChatGPT“ entfaltet sie einen holistischen Blick auf Kulturgeschichte, digitale Souveränität und KI-Kompetenz und setzt Impulse für längst überfällige Debatten und Reformen.