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Gekommen um zu steigen

Die jüngsten wirtschaftlichen Daten sprechen eine deutliche Sprache: Die Inflation ist nach Jahrzehnten wieder zurück. Allein in den USA stieg sie im vergangenen Juli auf Jahressicht um 5,4 Prozent, nachdem sie bereits im Juni um ebendiesen Satz zulegte. Auch in der Eurozone zieht die Teuerung an, der Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) erreichte im Juli ein Plus von 2,2 Prozent. In Österreich waren es 2,8 Prozent. Noch höher viel der Zuwachs in Deutschland aus dort stieg die Inflationsrate um 3,8 Prozent.

Freilich, die Gründe für die rasante Wende sind vielfältig. In Deutschland war die Anhebung der Mehrwertsteuer auf die alten Sätze (19 beziehungsweise sieben Prozent) seit Jahresbeginn 2021 mit ein Grund. Ganz allgemein treibt aber auch die globale Kon-junkturerholung – und damit eine steigende Nachfrage nach vielen Gütern – das allgemeine Preisniveau kräftig an. Zusätzlich Öl ins Inflationsfeuer gießen Lieferengplsse und steigende Rohstoffpreise, etwa bei Energie und Nahrungsmitteln.

Doch wie dauerhaft wird der Anstieg ausfallen? Die Expertenmeinungen sehen unterschiedlich aus. Nitesh Shah, Director, Analyst beim Vermögensverwalter WisdomTree meint die Nation werde längerfristig auf einem hohen Niveau bleiben. Das wäre insbesondere in einem Umfeld denkbar, in dem Lieferengpässe, etwa aufgrund neuer Lockdowns im Herbst, länger anhalten. Doch auch die Notenbanken spielen eine wichtige Rolle bei der Inflationsentwicklung. Ann-Katrin Petersen, Investment Strategist Global Economics & Strategy bei Allianz Global Investors (AllianzGI), meint in diesem Zusammenhang, „massive Ausweitungen der Notenbankliquidität bergen mittel bis längerfristige Risiken für steigende Inflationsraten.

Derzeit sind in den USA sowie in der Eurozone nämlich keine Zinsanhebungen als Gegenmaßnahme zur steigenden Teuerung in Sicht. Höhere Zinsen bremsen in der Regel das Wirtschaftswachstum, aber auch die Kreditnachfrage. In solch einem Umfeld würde dann auch die Inflation eingedämmt werden. Marion Höllinger, Privatkundenvorständin bei der HypoVereinsbank, will die jüngste Entwicklung aber nicht überbewerten. Sie verweist auf Nachhol- und Einmaleffekte aufgrund der Pandemie. Diese führten 2021 zu einer Übergangsphase mit erhöhter Inflation. „Im kommenden Jahr erwarten wir eine Rückkehr zu eher niedrigen Inflationsraten um die 1,5 Prozent in der EU“, sagt Höllinger. In den USA dürfte die Inflationsrate im kommenden Jahr bei etwa 2,6 Prozent liegen, so die weitere Prognose.

Doch einerlei, wie kräftig und dauerhaft der Preisauftrieb anhält, die Folgen sind schon jetzt an den globalen Finanzmärkten sichtbar. Vor allem mickrig verzinste Anleihen geraten in solch einem Umfeld unter Druck da deren geringe Verzinsung die Inflationsrate längst nicht mehr abdeckt. Vielmehr rücken in diesem Umfeld Aktien verstärkt in den Fokus, vor allem von jenen Unternehmen, die in einem internationalen Umfeld solide Gewinne erzielen können Birgit Fleischmann, Leitung des Private Banking Teams Österreich bei der Kathrein Privatbank, sagt, „Aktien erwiesen sich historisch gesehen als guter Inflationsschutz“. Fleischmann zufolge zeige die Historie, dass allein der US-Aktienindex S&P 500 bei einer Inflation bis zu drei Prozent im Schnitt die beste Wertentwicklung abgeliefert habe doch Vorsicht: Ab einer Inflation von mehr als fünf Prozent sei es mit den Kursgewinnen vorbei, mahnt Fleischmann. Schließlich können Unternehmen nicht ewig steigende Preise stemmen – oder auf Konsumenten unbegrenzt abwälzen.

Noch ist solch ein negatives Szenario nicht Teil der Kathrein-Prognose: „Langfristig sehen wir den Aufwärtstrend bei Aktien intakt.“ Unterstützend seien die lockere Geldpolitik und niedrige Anleiherenditen. Damit halten sich auch Finanzierungskosten für Unternehmen in Grenzen. Doch wo genau sehen die Experten im aktuellen Umfeld Chancen? Fleischmann verweist etwa auf europäische und japanische Aktien. Diese seien günstiger bewertet als jene in den USA. Das liegt freilich zu einem guten Stück an der hohen Marktgewichtung von Technologieaktien jenseits des Atlantiks. Sie konnten zuletzt vom steigenden Bedarf rund um die Digitalisierung proftieren.

Nun, da die Konjunkturerholung voranschreitet, rücken zahlreiche Industriewerte, etwa aus der Automobil- und Stahlbranche, in den Fokus. Auch Energie- und Finanztitel sind gefragt. All solche Titel sind oftmals Teil vieler europlischer Indizes. Dabei profitieren viele Ölkonzerne derzeit von den steigenden Ölpreisen. Zahlreichen Banken kommt hingegen die jüngste Konjunkturerholung zugute, etwa auf der Kreditseite. Zugleich müssen sie auf kurzfristige Einlagen praktisch keine Guthabenzinsen bezahlen. In Japan profitieren wiederum zahlreiche Konzerne von Chinas Aufschwung, das Reich der Mitte ist inzwischen wichtiger Handelspartner geworden. Bislang wurde dieser Umstand an Nippons Börse wenig honoriert. „Das liegt zum Teil daran, dass die Wirtschaft noch große Probleme mit der Pandemie und deren wirtschaftlichen Auswirkungen hat, während China immer wieder mit Regulierungsänderungen überrascht, die Investoren verunsichern“, zeigt Silvia Cova, Portfoliomanagerin im Asset Management der Zürcher Kantonalbank Österreich AG (ZKB Oe) auf.

Und worauf sollten Anlegerinnen bei anderen Anlageklassen achten? Bei Kernstaatsanleihen mit längeren Laufzeiten, etwa aus Deutschland, vor allem aber aus den USA, rechnet Petersen von der AllianzGI mit weiteren Kursverlusten. Dazu dürfte insbesondere die Diskussion rund um die Drosselung der Anleihekäufe durch die US-Notenbanken beitragen. Die Käufe sind derzeit wichtiger Teil der Notenbankmaßnahmen, um die Märkte mit günstigen Finanzierungskosten zu unterstützen.

„Aktien erwiesen
sich historisch
gesehen als
guter Inflationsschutz.“
Birgit Fleischmann

Chancen mit Anleihen gibt es dennoch. Bei der ZKB Oe verweist Cova auf eine Portfoliobeimischung mit Hochzinsanleihen. Diese Papiere werden von Schuldnern mit einer schwächeren Bonität begeben, locken aber mit einer höheren Verzinsung als Ausgleich. Auch bei Bonds aus den Schwellenländern sieht Cova interessante Chancen für eine Beimischung. AllianzGI-Expertin Petersen mahnt allerdings, in diesen Regionen selektiv vorzugehen. Denn manch eine Region, wie etwa Russland, profitiert insbesondere
von steigenden Rohstoffpreisen. Andere Länder, wie zum Beispiel die Türkei oder Südafrika, leiden hingegen unter strukturellen Problemen und einer besonders hohen Inflation.

Und wie sieht es bei Gold aus? Schließlich wird das gelbe Edelmetall gerne als Inflationsschutz gehandelt. Höllinger von der HypoVereinsbank mahnt in diesem Zusammenhang, „Anlegerinnen sollten auf die Inflationsbereinigten Renditen im Anleihesektor achten“. Doch was ist damit gemeint? Solange die Renditen länger laufender sicherer Anleihen unter der Inflationsrate verharren – somit ein realer Wertverlust droht – ist ein zinsloses Investment in Gold attraktiv. Sobald allerdings die Anleiherenditen höher sind als die Inflationsrate wird in der Regel von Gold in sichere Anleihen umgeschichtet. Dann würden dem gelben Edelmetall Kursverluste drohen.

„Die Wirtschaft hat
noch große Probleme mit der Pandemie und
deren wirtschaftlichen Auswirkungen, während China immer wieder mit
Regulierungsänderungen überrascht, die Investoren verunsichern.“
Silvia Cova

Doch wie turbulent könnte der aktuelle Börsenherbst insgesamt werden? Höllinger von der HypoVereinsbank meint: „Sollte die aktuelle Impfgeschwindigkeit beibehalten werden, dürften die Risiken begrenzt sein, wobei es wichtig ist, dass keine großen Unterschiede der Impfniveaus innerhalb der EU entstehen.“ Dennoch können neuerliche Lockdowns nicht ausgeschlossen werden. Bei der ZKB Oe verweist Cova auf mögliche negative Auswirkungen. „Dann wären die Gewinnperspektiven der Unternehmen beeinträchtigt. Das stünde in Kontrast zu den rosigen Perspektiven, die von den Märkten in manchen Fällen bereits eingepreist werden. „Sollten sich obendrein die aktuellen Engpässe zwischen Angebot und Nachfrage nicht nur als temporär erweisen und somit zu einem permanenten Inflationsanstieg führen, müssten die Notenbanken stärker darauf reagieren“ meint Cova. „Die damit konsequente Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen würde die längerfristige Planung der Unternehmen trüben und ihre Börsenbewertungen nicht mehr rechtfertigen.“ Und das, so die Marktexpertin, könnte auch eine Korrektur an den Aktienmärkten auslösen.

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