Noch vor ein paar Jahren war Diversity das große Trendthema. Es gab bunte Kampagnen und fancy Jobtitel. Es schien, als hätte etwas Substanzielles begonnen. Vielfalt war ein Symbol für Fortschritt. Was wir allerdings seit ein paar Monaten erleben, fühlt sich an wie das genaue Gegenteil: In den USA, wo viele gesellschaftliche Bewegungen ihren Ursprung haben, erleben wir derzeit einen massiven Backlash. Unter dem Deckmantel politischer Neutralität werden Programme zu Gleichstellung, Antirassismus oder LGBTQIA+-Inklusion zurückgefahren oder teilweise sogar verboten.

Diese Dynamik schwappt auch nach Europa. Hier beobachten wir ebenfalls, dass Unternehmen Diversity-Abteilungen abschaffen, Budgets streichen und Ziele still aus Berichten entfernen. Ich empfinde die aktuelle Situation als Reality-Check. Jetzt sehen wir, wer es ernst gemeint hat. Und vor allem, wer Innovation, Verantwortung und Vielfalt wirklich verstanden hat.

Laut Diversity Barometer der Robert Bosch Stiftung sank der Anteil der Deutschen, die Vielfalt als Bereicherung sehen, zwischen 2019 und 2025 von 63 Prozent auf 45 Prozent.

Seit Jahren belegen Studien: Unternehmen mit diversen Teams treffen nachweislich bessere Entscheidungen, sie schaffen schneller Innovation und reagieren resilienter auf Krisen. Wer Vielfalt abbaut, spart vielleicht kurzfristig – aber zahlt langfristig drauf. Denn wer Vielfalt streicht, streicht Zukunft.

Viele, die noch vor ein paar Jahren stolz die Regenbogenfahne geschwenkt habe, verhalten sich jetzt wie ein Fähnchen im Wind: Statt den Sturm auszuhalten und vielleicht sogar für Aufschwung zu nutzen, wirkt es, als wäre die Flagge – und damit auch die Haltung – vom Winde verweht. Auch wenn Rückentwicklung noch nie sinnvoll war, kann ich das in Teilen sogar verstehen. Denn in den letzten Jahren gab es zu viel Rainbow-Washing, zu viel Glorifizierung von Diversität, zu viele Buzzwords – und zu wenige echte, durchdachte Initiativen.

Viele Unternehmen schmückten sich im Pride-Monat mit Regenbogenlogos, aber ihre internen Prozesse, Führungsteams oder Rekrutierungspraktiken blieben unverändert. Diversity wurde oft als Marketinginstrument verstanden, nicht als kultureller Wandel. Da gab es Pride-Posts auf LinkedIn, während queere Mitarbeitende intern keine sichere Anlaufstelle hatten. Oder Frauenförderprogramme ohne flexible Arbeitszeitmodelle. Genau dieses Auseinanderklaffen von Bild und Realität hat dem Thema Glaubwürdigkeit genommen. Jetzt, wo der Wind sich dreht, ist das Fundament schwach.

Es ist wichtig, dass wir offen darüber sprechen, dass Diversität erstmal anstrengend und herausfordernd ist. Vielfalt ist kein perfektes Bild. Vielfalt ist die Realität unserer Gesellschaft. Und die Realität ist eben kein Bilderbuch. Ein Beispiel: Wenn ich in einem Meeting meine Idee vorstellen möchte, und in diesem Meeting sitzen lauter Menschen, die mir sehr ähnlich sind – dann sind sich vermutlich alle darüber einig, dass die Idee super ist, und das Meeting ist schnell zu Ende. Aber so kann eben keine Innovation entstehen. So fehlt mir eine andere Perspektive, die vielleicht etwas sieht, das ich übersehen habe.

Der Rückzug von Diversity ist gefährlich. Gesellschaftlich, weil er Spaltung befeuert. Wenn Menschen das Gefühl verlieren, gesehen und gehört zu werden, wächst Distanz – nicht nur im Büro, sondern in unserer gesamten Gesellschaft. Und wirtschaftlich, weil Unternehmen, die Vielfalt vernachlässigen, sich selbst schwächen. Sie verlieren Talente, Innovationskraft und Vertrauen.

Vielleicht ist genau das die Chance in dieser aktuellen Situation. Dass sichtbar wird, wer Verantwortung wirklich lebt. Wer zuhört, wenn es unbequem wird. Wer sich traut, empathisch zu führen, menschlicher, offener, echter. Denn am Ende geht es nicht um Kampagnen, nicht um Quoten, nicht um schöne Worte. Es geht darum, wie wir miteinander umgehen und wie wir miteinander arbeiten.


Zur Person:

Magdalena Rogl ist ehemalige Diversity & Inclusion Lead bei Microsoft Deutschland, Autorin und Speakerin. Sie engagiert sich für eine Arbeitswelt, in der Empathie, Vielfalt und Chancengleichheit selbstverständlich sind.