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Franca Parianen: „Wenn wir uns zusammentun, haben wir alle mehr“

Die Neurowissenschaftlerin und Science Slammerin Franca Parianen ist überzeugt: Wenn wir teilen, schaffen wir Mehrwert für alle. In ihrem jüngsten Buch „Teilen und Haben“ belegt sie dies mit Exkursionen zum Ursprung der Menschheit und kindlichem Sozialverhalten. Im Interview sprach sie über verschiedene Formen des Teilens und was Männer und Frauen dabei unterscheidet. Im Oktober kommt Franca Parianen mit ihrem Buch zur herCAREER-Expo nach München.

Dieser Artikel erschien am 3. August 2022 auf her-career.com.

Franca, Du hast einen Doktor in Neurowissenschaftlerin. Was kann man damit beruflich anfangen?

Aktuell arbeite ich als Wissenschaftskommunikatorin. Ich schreibe Bücher, Artikel und Radio-Stücke. Dabei bin ich so eine Art Übersetzerin zwischen Forschung und Praxis. Das macht mir unglaublich viel Spaß, weil ich mich mit wissenschaftlichen Themen beschäftigten kann, aber die Nachteile des ganzen Forschungsbetriebs nicht habe. Ich muss keine Anträge mehr schreiben und mich nicht mit Formalien rumärgern. Ich kann zwischen den Zeilen Randbemerkungen machen und Gedanken äußern, die man sonst in wissenschaftlichen Arbeiten nicht unterbringen kann – schon gar nicht auf eine unterhaltsame Weise.

Du bist auch Science Slammerin. Dabei geht es darum, Wissenschaft locker, witzig und ansprechend herüberzubringen. Wie bist Du dazu gekommen?

Über das Studium der Neurowissenschaften, die sich damit beschäftigt, wie unser Gehirn funktioniert. So fing ich an, ganz anders über alltägliche Dinge nachzudenken. In der Öffentlichkeit kommt das oft noch viel zu kurz. Wissenschaftskommunikation lag da total nahe und damit auch Science Slam. Ich habe einfach losgelegt, bin dann ein Jahr damit durch die Gegend getourt und habe Vorträge gehalten. Und jetzt mache ich das eben beruflich.

Viele Frauen haben Respekt oder gar Angst vor der Bühne. War das für Dich kein Thema?

Ein bisschen schon. Ich war zwar vorher Stadtführerin und in der Theater-AG, hatte also etwas Bühnen-Erfahrung. Aber als ich anfangs beim Science Slam ankam und alle anderen sagten, sie haben das schon 50- oder 100-mal gemacht, kriegte ich schon Herzklopfen. Mein erster Vortag ist dann nicht besonders gut gelaufen, der zweite richtig gut. Der Science Slam lebt von der Überraschung, da muss alles auf den Punkt kommen. Das ist harte Handwerksarbeit. Ich arbeite viel mit Bildern, die meine Aussagen ironisch untermalen.

Zum Beispiel?

Wenn ich den Unterschied zwischen Mitgefühl und Verständnis erkläre, zeige ich ein Foto auf dem ein kleines Mädchen einen Fisch umarmt – an der Luft. Bei der Frage, „wie kommt das Böse in die Welt?“, zeige ich dagegen gern ein Bild von Heidi Klum. Da braucht es manchmal gar nicht viele Worte. Vor dem inneren Auge rattern dann eine ganze Reihe bedenklicher Verhaltensweisen. Die Menschen ahnen, dass im Model-Business etwas eingeübt wird, was nicht gut für unseren Charakter ist. Das löst einen Aha-Effekt aus.

Zuletzt hast Du Dir in Deinem Buch „Teilen und Haben“ angeschaut, warum wir zusammenarbeiten und teilen. Wie bist Du auf das Thema gekommen?

Das Thema hat bei meiner Doktorarbeit eine Rolle gespielt. Ich habe mich mit Entscheidungsfindung beschäftigt. Menschen handeln nicht immer als Homo oeconomicus, also aus Eigennutz. Aber was treibt sie dann? Parallel dazu kam eine Anfrage vom Dudenverlag für ihre Reihe „Warum eigentlich?“. Da war einer der Vorschläge das Thema Teilen. Als ich dann angefangen habe, darüber zu schreiben, wurde mir erst bewusst, was alles dahintersteckt.

Du schaust Dir das Thema in Deinem Buch zunächst evolutionsbiologisch an. Gehört das Teilen zur menschlichen DNA?  

Teilen ist das Einzige, was wir Menschen richtig gut können. Das sieht man bei Kindern im Vergleich zu unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen oder Orang-Utans. Wenn ein Schimpanse eine Tafel Schokolade ergattert, würde er sie nicht teilen, auch wenn andere dabei mitgeholfen haben. Kleine Kinder können hingegen kooperativ zusammenarbeiten. Klassisches Beispiel ist die Räuberleiter. Kinder verstehen, wie das funktioniert: Das obere Kind muss dem unteren von der Beute etwas abgeben. Ansonsten schreit es und rennt zu den Eltern. Oder spielt beim nächsten Mal einfach nicht mehr mit.

Wir tun das also, weil wir soziale Wesen sind. Oder welche Absicht steckt hinter dem menschlichen Teilen?

Es geht um die Erkenntnis: Wenn wir uns zusammentun, haben wir am Ende alle mehr. Wenn wir im Wald alleine eine Wurzelknolle finden, dann bringt uns das viel weniger, als wenn wir gemeinsam auf die Jagd gehen. Und das wiederum bringt viel weniger, wenn wir nicht durch die Gemeinschaft im Lauf des Lebens lernen, wie man einen Backofen bedient. Heute denken wir beim Teilen zunächst an Großzügigkeit und Empathie. Das ist auch wichtig und das kriegen wir besonders in Krisensituationen gut hin, mit einer Familie oder Gemeinschaft. Die meiste Zeit hat das aber einen anderen Zweck: dass wir zusammen Wert schöpfen und diesen untereinander aufteilen.

Im Zuge von New Work betonen inzwischen viele Organisationen, wie wichtig Teamwork ist. Häufig ist die Zusammenarbeit aber eher von Konkurrenz und Wettkampf geprägt. Wie ist es dazu gekommen, wenn wir doch so gut im Teilen und Zusammenarbeiten sind?

Der Gedanke vom „Survival of the fittest” hat sich in unserer Wirtschaft sehr breit gemacht. Das geht schon bei Kinderspielen los, die alle auf Wettbewerb getrimmt sind: Einer muss immer gewinnen. Das hat man in einer Studie gemerkt, in der man untersuchen wollte, wie Kinder miteinander spielen und hinterher teilen. Es musste erst ein Spiel designt werden, bei dem die Kinder gewinnen, wenn sie gemeinsam an einem Strang ziehen. Die Vorstellung, dass man gegeneinander kämpfen muss, entspricht aber nicht dem, wie Menschen gebaut sind. Eines meiner Lieblingsbeispiele sind die menschlichen Augen, mit ihrem weiß und der dunklen Pupille. Wir sind die einzige Primatenspezies, die das hat. Dadurch sehen wir nicht besser und eigentlich ist es voll unpraktisch, weil alle immer sehen, wo wir hinschauen. Aber das hat uns sehr geholfen, uns bei der Jagd mit den anderen zu koordinieren. Wir können uns mit den Augen Signale geben. Das heißt auch: Kooperation war fürs Überleben unserer Vorfahren wichtiger als die Chance, die besten Informationen für uns zu behalten.

Aber wir vergleichen uns doch ständig mit anderen, etwa in Sachen Karriere. Es geht immer noch vielen Menschen darum, die Karriereleiter nach oben zu klettern…

Wir haben Systeme mit Regeln geschaffen, die Einzelleistung belohnen und Teamarbeit bestrafen. Wenn wir zum Beispiel Yahoo anschauen, die ein Forced Ranking nutzen, bei dem Mitarbeitende in gut und schlecht eingeteilt werden müssen und sich das auf ihre Entlohnung auswirkt oder gleich zur Entlassung führt. Da muss man sich nicht wundern, wenn Teambuilding-Maßnahmen nichts bringen. Wenn ich als Team gemeinsam eine Aufgabe habe, sollten auch alle am Gewinn beteiligt sein. Metaanalysen zeigen, dass Belohnung und Bestrafung über die Zeit sehr schlecht funktionieren – also alles was externalisierte Konsequenzen hat. Je intrinsischer etwas wird, wenn wir darin zum Beispiel persönlich einen Sinn sehen, desto mehr steigert das langfristig unsere Motivation und unsere Gesundheit.

Teilen ist auch eine Frage der Gerechtigkeit. Nicht alle bekommen gleich viel vom Kuchen, was zum Beispiel der Gender Pay Gap oder die Schere zwischen Managementgehälter und Niedriglöhnen zeigt. Wie viel Ungleichheit ist noch gut und gerecht?

Wenn man Menschen fragt, wie viel mehr jemand mit viel Verantwortung verdienen sollte im Vergleich zu diejenigen mit dem niedrigsten Gehalt, dann kommen Antworten in der Spanne von zehn- bis zwanzigmal so viel. In der Realität ist es aber das zigfache. Das heißt, unsere Gehaltssysteme sprengen das, was wir eigentlich bereit sind zu tolerieren. Das Gefühl von Ungerechtigkeit wird auch dadurch genährt, dass das Management selbst in Krisenzeiten und nach üppigen Coronahilfen teilweise hohe Gehälter und Boni einstreicht, während am unteren Ende kaum etwas ankommt. Eigentlich weiß jeder von uns, dass niemand 100- oder 200-mal so produktiv sein kann wie andere.

Wie kam denn diese große Ungerechtigkeit in die Welt?

Die Grundidee beim Teilen ist ja: Nur wenn wir hinterher die Beute aufteilen, wollen andere mit uns zusammenarbeiten. Das funktioniert aber nur so lange, wie alle die gleichen Voraussetzungen haben. Sobald eine Person mehr besitzt als eine andere, hat sie natürlich die Macht, andere Bedingungen zu stellen. Ungleichheit und Ungerechtigkeit kommen also mit dem Eigentum in die Welt. Das ist relativ neu in der Menschheitsgeschichte und kam erst, als wir sesshaft wurden. Vorher habe wir nur ein paar Steine mit uns herumgetragen. Mit der Zeit hatten die Generation aber immer mehr Möglichkeiten, Reichtum anzusammeln – und das hat sich mit Industrialisierung, Digitalisierung und dem Internet potenziert. Deshalb sollten wir uns rückbesinnen auf Mechanismen, die gleiche Grundvoraussetzungen schaffen. Gewerkschaften und Sozialversicherungen sind wichtig, aber auch Debatten darüber, wie man Gewinne besser verteilt.

Gerade Care-Arbeit, die für den Erhalt der Menschheit immer sehr wichtig war, hat heute zumindest bezogen auf die Bezahlung kaum noch einen Wert. Warum werten wir das so ab?

Es ist total faszinierend, wie wir das hinbekommen haben. Gerade das Aufziehen von kleinen Kindern oder das Pflegen von Bedürftigen ist ja ein Hauptgrund, warum wir uns zusammengeschlossen haben. Das betrifft aber auch andere Dinge, wie die Nahrungsmittelversorgung oder das geteilte Wissen. Heute sind das alles Sektoren mit fragwürdigen Arbeitsbedingungen. Und welche, die wir als Kostenfaktor sehen. Wenn jemand eine Erfindung macht, zum Beispiel an einer Uni, dann ist das Ganze fürs Bruttoinlandsprodukt nichts wert – es zählt erst, wenn jemand ein Produkt daraus macht und es verkauft. Das gilt übrigens auch generell für unsere Lebensgrundlagen: Der Wert einer klaren Luft oder sauberen Umwelt zählt nicht. Wir haben offensichtlich irgendwo einen Fehler dabei gemacht, was wir wie bewerten. Wenn man etwas nicht bepreisen kann, hat es für uns keinen Wert.

Der Volksmund sagt es so: „Was nichts kostet, ist nichts wert.“

Das ist ein Problem! Hinzu kommt, dass wir alles abwerten, was Sozialkompetenz beinhaltet. Das ist das Wichtigste, was Menschen überhaupt haben und wahrscheinlich der Grund, warum wir unser Gehirn vor 250.000 Jahren aufgebaut haben. Damals haben wir nämlich noch ziemlich nackt im Gras rumgesessen. Aber für irgendwas muss das Gehirn ja gut gewesen sein – und das war mit ziemlicher Sicherheit soziale Kompetenz, Kooperation, Care-Arbeit, gemeinsame Konfliktlösung. Und heute nennen wir Sozialkompetenzen Soft Skills, also ein nettes Beiwerk und nice to have.

Hätten Frauen da eigentlich Vorteile, weil sie ja angeblich gute Sozialkompetenzen haben?

Dummerweise gilt Sozialkompetenz ja als karriereschädlich. Das führt soweit, dass man Frauen Karriere-Hinweise gibt wie: Backen Sie keinen Kuchen für Ihr Team! Ich möchte gern in einem Team arbeiten, wo wir füreinander Kuchen backen. Das ist doch nett. Ich mag Kuchen und ich mag mein Team im Idealfall, wenn ich mit ihm zusammenarbeite. Das gleiche: Schreiben Sie kalte Emails! Das kenne ich aus der Wissenschaft, wenn der Professor nur mit zwei Wort-Sätzen antwortet. Da soll man sich anpassen. Aber wollen wir so eine Welt? Da läuft doch etwas in der Kommunikation gewaltig schief.

Es heißt oft, Frauen wählen doch freiwillig Berufe im Care-Bereich, trotz des niedrigen Gehalts. Es geht ihnen ja ums Menschliche.

Es ist doch so: Berufe werden niedriger bezahlt, sobald sie besonders viele Frauen ergreifen. Frauen haben also keine Wahl. Und was ist denn der Langzeitplan von Leuten, die so etwas sagen? Soll also niemand mehr Krankenschwester sein, weil man sich da unter Wert verkauft? So Sätze wie, das machen die doch freiwillig, sollten wir nicht mehr einfach so stehen lassen. Es muss mehr Geld ins Gesundheitswesen fließen, weil eine Gesellschaft ohne Gesundheitssystem zum Erliegen kommt. Das wissen wir spätestens seit 2020. Aber wir denken immer noch, wenn etwas sozial ist und etwas bringt, dann darf es nichts kosten. Das macht man doch quasi fürs Gefühl.

Was sagt denn die Neurowissenschaft dazu: Gibt es überhaupt Unterschiede zwischen Männern und Frauen, wenn es um Kooperationsbereitschaft und ums Teilen geht?

Das ist nicht so leicht zu sagen. Das Geschlecht ist ja ein Spektrum. Und dann ist die Frage, welches Verhalten durch Biologie und welches durch die Kultur bedingt ist. In ökonomischen Spielen sehen wir, dass Frauen sehr sensibel sind für die Parameter der Zusammenarbeit. Männer sind etwas anfälliger für Gruppendenken und den Wettbewerbsgedanken. Sie vertrauen eher mal blind auf Bevorzugung innerhalb ihrer Gruppe oder geben Geld aus, damit die andere Gruppe weniger hat. Letztlich kommen aber alle Geschlechter auf Vor- und Nachteile. Deswegen sind diverse Teams am besten, weil sie Gruppendenken aufbrechen – also die Tendenz, sich gegenseitig zu bestärken statt selbst zu denken und zu entscheiden. Da neigt man dazu, gemeinsam an die Wand zu fahren und dabei noch zu behaupten, dass man recht hat – vor allem, wenn man testosteron-getrieben ist.

Spielen deine Hormone beim Teilen auch eine Rolle?

Ja durchaus. In Studien hat man beoachtet, dass Hormone in ökonomischen Spielen Einfluss auf unser Verhalten haben. Wenn die Gefahr besteht, dass wir beim Bluffen erwischt werden, unterlassen wir das zum Beispiel unter Testosteron eher. Das zeigt, dass unsere gesellschaftlichen Normen und die Hormone zusammenspielen.

Gemeinhin denkt man doch, dass Testosteron Aggressionen fördert, oder?

Ja, aber letztendlich korreliert Testosteron viel eher mit durchsetzungsstarkem und wettbewerbsorientiertem Verhalten. Es sorgt für ein impulsives Mindset, in dem wir Belohnungen stärker wahrnehmen als potenziell negative Konsequenzen. Das gilt übrigens für Männer und Frauen, wir haben beide Hormone wie Testosteron im Körper. Aber wie man Wettbewerbe gewinnt, das ist natürlich eine Frage der Gesellschaft. Das kann auch zu flirten führen oder sehr riskanten Skateboard-Tricks. Aber wenn Testosteron meistens zu Aggression führt, dann müssen wir uns schon fragen, was in unserer Hackordnung und in unserem System insgesamt schiefgelaufen ist.

Wenn wir teilen sollen, denken wir oft erstmal an Verzicht. Das lässt sich auch gut beim Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz beobachten. Wo kommt dieses Phänomen her?

Es fällt uns offensichtlich schwer, unser Verhalten im Kontext zu sehen. Denn oft stellen wir den Verzicht in Nachhaltigkeitsdiskussionen in den Vordergrund. Wenn es stimmt, dass Teilen Mehrwert schafft, gilt das auch für den Klimawandel. Wenn wir überlegen, all dieses Geld, was wir gerade ausgeben für den Individualverkehr, wenn wir das für öffentlichen Transport, für Busse, für Taxi-Gutscheine, für Teil-Autos ausgeben würden – und zwar auch auf dem Land. Wenn wir alles zusammenlegen, wie unglaublich viel mehr könnten wir haben. Wir kämen auf Billionen auf der Haben-Seite, wenn wir das Pariser Klimaabkommen einhalten würden. Wie verrückt ist es da, dass wir über Verzicht reden, wenn wir wunderbare Landschaften und Städten, die nicht untergehen, gewinnen könnten. Das Gemeingut-Dilemma ist im Experiment eigentlich das einfachste aller ökonomischen Dilemmata.

Was meinst Du mit Gemeingut-Dilemma?

Wir beobachten in ökonomischen Experimenten, wie viel Leute in einen Gemeinschaftstopf einzahlen. Dort vermehrt sich das Geld und wird dann gleichmäßig an alle verteilt – egal wie viel sie eingezahlt haben. Eigentlich ganz einfach: Wenn es ums Gemeingut geht, gewinnen alle, wenn alle investieren. Wir haben also in dem Fall keinen Interessenskonflikt. Es geht nicht darum, wer schneidet gut und wer schneidet schlecht ab. Trotzdem zögern wir, weil wir uns fragen, ob wir den anderen trauen können, dass sie sich einbringen.

Insgesamt hängt unser Verhalten ganz stark davon ab, was wir erwarten: Wie sehr wird das Vermögen im Topf wachsen und was glauben wir, was andere Menschen tun? Als Gesellschaft wählen wir den blödesten Ansatz, weil wir einerseits vermitteln, dass andere garantiert nichts einzahlen. Denn wir nehmen an, dass Menschen nur im Eigeninteresse handeln. Und weil wir andererseits nie vermitteln, was alles herauskommen könnte, wenn wir in die Gemeinschaft investieren. Wie viel mehr dadurch im Topf wäre. Wir fragen uns immer, was das kostet. Nur kleine Kinder, die haben das ganze Framing noch nicht abgekommen. Die machen bei solchen Spielen tonnenweise Vermögen, während Erwachsene leer ausgehen.

Deine Thesen haben eine gewisse Sprengkraft. Wie kommen sie denn bei Führungskräften und auf der Managementebene an?

Meine Vorträge sind nicht anklagend. Ich versuche immer einen ironischen Dreh drin zu haben. Ich erkläre, warum so wunderbare Dinge wie soziale Kompetenz nicht funktionieren und das sorgt meistens für Erleichterung. Wir leben in einer Zeit der Krisen. Da fragen sich Menschen, wo denn eigentlich das Problem ist. Dafür biete ich Ansatzpunkte.

Im Oktober bist Du mit Deinem Buch „Teilen und Haben“ auf der herCAREER. Die Plattform hat sich dem Austausch von Frauen verschrieben. Wissen teilen ist das Motto. Wie sehr praktizierst Du das unabhängig von solchen Veranstaltungen in Deinem Arbeitsalltag?

Mit dem Wissen ist es genauso: Es wird mehr, wenn wir es teilen. Das erlebe ich in verschiedenen Frauen-Netzwerken. Zum Beispiel bin ich schon lange bei speakerinnen.org, die zeigen, dass es viele Frauen gibt, die man für Vorträge anfragen kann. Aber auch wenn es um das Thema Hormone geht, ist es etwas ganz Tolles: zu sehen, was wir erreichen können, wenn wir Informationen zu Gesundheitsthemen teilen und – noch wichtiger – Fehlinformationen ausräumen. Östrogene haben beispielsweise einen ganz schlechten Ruf. Wenn man auf Youtube schaut: Es gibt zigtausende Videos, wie man Testosteron steigert und Östrogen unterdrückt. Diesen Klischees können wir Fakten entgegensetzen. Östrogen hat viele positive Effekte. Es stimuliert den Eisprung, macht gute Laune und Lust auf Sex. Es spielt eine wichtige Rolle bei der Trauma-Verarbeitung und bei der sprachlichen Kompetenz. Es lohnt sich also, ganz anders darüber nachzudenken und das sollten wir gemeinsam tun. Um unser Potenzial zu nutzen, um Probleme zu lösen und uns vom Ballast der Vorurteile zu befreien.

Am Freitag, 7. Oktober 2022, um 14.50 Uhr ist die Neurowissenschaftlerin und Wissenschaftskommunikatorin Franca Parianen zu Besuch beim Authors-Meetup der herCAREER-Expo in München und stellt ihr Buch „Teilen und Haben: Warum wir zusammenhalten müssen, aber nicht wollen“ vor.


Über Franca Parianen

Welche Rolle spielen Bindung, Stress und frühkindliche Erfahrungen für das soziale Leben? Welche Mythen stehen Frauen im Weg? Und wofür sollen die Hormone alles herhalten? Mit Witz, Humor und Erkenntnissen aus der Forschung widmet sich die Neurowissenschaftlerin und Wissenschaftskommunikatorin Dr. Franca Parianen diesen Fragen. Dabei taucht sie tief in die Welt der Botenstoffe und Neuronen ein und überträgt die Erkenntnisse auf die Probleme unserer modernen Welt. Nach einem Bachelor-Abschluss in öffentlicher Verwaltung (Politik, Wirtschaft, Soziologie und Recht) und einem Forschungs-Master in Kognitions- und Neurowissenschaften, machte sie einen entsprechenden Doktortitel am Helmholtz-Institut in Utrecht. Sie besuchte Fair-Trade-Unternehmen auf Mauritius, arbeitete als Koordinatorin im Eine Welt Netz in Nordrhein-Westfalen und studierte soziale Kognition am Max-Planck-Institut. Bekannt wurde sie mit dem Buch „Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage“, das wochenlang auf der Bestsellerliste stand. Seitdem schreibt Franca Parianen auch häufiger für Medien in Print, Funk und Fernsehen. In ihrem aktuellen Buch „Teilen und Haben“ (2021) spannt sie einen Bogen von den Ursprüngen der Menschheit über kindliches Sozialverhalten bis hin zur globalen Verteilung von Ressourcen.

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