Von Deutschland nach Los Angeles und wieder zurück – Miriam Jack wurde an der Make-up Designory in Los Angeles zur Make-up Artist ausgebildet, arbeitete für L’Oréal und eröffnete 2009 in Berlin ihren eigenen Concept Store, den sie 2016 wieder schließen musste. Wenige Jahre darauf gründete sie mit Geschäftspartnerin Lisa Buchholz ihre Marke JACKS beauty line, die heute ein Unternehmen mit 30 Mitarbeitenden ist.

Im Interview spricht sie über die Bedeutung von Coaching, Hürden auf ihrem Weg und über Führung. Warum Make-up für sie kein Widerspruch zur Selbstliebe ist und warum wir das Altern mehr schätzen statt bekämpfen sollten.

Wie entstand die Idee, eine eigene Make-up-Brand zu gründen?

Als Make-up-Artist habe ich meine Pinsel, mein Arbeitswerkzeug, eigenhändig bemalt. Diese Pinsel haben von anderen Artists so viel Aufmerksamkeit bekommen, dass ich anfing, sie in meinem ersten Beauty Concept Store in Berlin zu verkaufen. In der Corona-Pandemie habe ich mich vor die Kamera gesetzt und über Social Media immer mehr Menschen erreicht. Die Community hat sich dann irgendwann weitere Kosmetikprodukte gewünscht.

Mit einem Pinsel fing alles an. Was macht JACKS Pinsel so besonders?

Es gibt drei Artist Collections pro Jahr mit Frauen, die uns inspirieren. Diese designen jeweils sieben Pinsel. Jeder einzelne Pinsel-Körper wird anschließend von unserem Team handbemalt. Die Pinsel-Spitze besteht aus weichem veganem Pinselhaar. Das vegane Haar ist umweltfreundlicher, trägt nicht so viel Bakterien und es bleibt weniger Produkt hängen. Dahinter steht außerdem ein Charity Projekt: Pro verkauftem Pinsel wird ein Euro gespendet.

Eine wirtschaftliche Krise, die Schließung Ihres Concept Stores, das Ende der Zusammenarbeit mit L’Oréal Paris, zwei Burnouts und der Gedanke, der Beautybranche für immer den Rücken zu kehren: Ihr Weg zu JACKS beauty line verlief alles andere als gradlinig. Was haben Sie aus diesen Rückschlägen gelernt?

Wie ein Hamster in einem Hamsterrad bin ich immer nur gerannt und gerannt – ein ständiger Kampf, ständige Überarbeitung. Bis ich 2019 mit Coaching angefangen habe: Zuerst Business Coaching und dann immer tiefer rein in die Persönlichkeitsentwicklung, bis hin zur Spiritualität. Rückblickend hat mich diese Reise dorthin gebracht, wo ich heute stehe. Das Leben ist kein Spaziergang über eine Blumenwiese. Ich wäre nie so weit gegangen, wenn ich nicht so tief gefallen wäre. Ich habe die Schule abgebrochen, nicht studiert, nie E -Commerce gelernt und führe heute eine der erfolgreichsten E-Commerce Brands in Deutschland.

Ich wäre nie so weit gegangen, wenn ich nicht so tief gefallen wäre.

Sie und Lisa Buchholz führen das Unternehmen im Duo. Wie profitiert ihr von der Co-Geschäftsführung?

Wir sind wie Yin und Yang: Gegensätzlich und gerade deshalb ergänzen wir uns. Lisa macht Operations und Zahlen und ich bin der kreative Kopf, eher fürs Branding zuständig und stehe vor der Kamera. Wir haben beide während der Zeit der Co-Geschäftsführung Kinder bekommen. Lisa hat mir den Rücken freigehalten, als meine Kinder geboren wurden und ich dann ihren. Co-Geschäftsführung ist auch Typ Sache. Meine Geschäftspartnerin und ich haben schon immer gesagt, wir gehen niemals für Umsatz über Leichen.

Euer Angebot geht über Make-up-Produkte hinaus, etwa mit Masterclasses und persönlicher Beratung. Lasst ihr euch von euren Kund*innen inspirieren?

Aufgrund meiner Erfahrung in der Branche kann ich gut nachvollziehen, was eine Frau sich wünscht und braucht, um sich sicher zu fühlen. Freitags bin ich immer live auf Instagram, beantworte Fragen und wir binden unsere Community bei der Produktentwicklung gezielt mit ein. Mir ist wichtig, dass man sich bei uns nicht so fühlt, als müsste immer etwas gekauft werden, sondern als Teil einer Community.

Bei JACKS beauty line sprecht ihr nicht von Anti-Aging, sondern von „Well Aging“. Warum braucht es einen anderen Blick aufs Altern?

Ich finde, dass die Beauty und die Fashion Branche uns durch ihr Online Marketing gebrainwashed hat. Wir denken, dass nur ein bestimmtes Gesicht in einem bestimmten Alter schön ist und alles andere keinen Wert hat. Aber: Wir sind kein Produkt, wir haben kein Verfallsdatum. Wenn du älter wirst, bist du auch keine alte Schachtel und das Leben hört nicht auf. Du wirst freier, du hast mehr Möglichkeiten, du legst deine Selbstzweifel ab und kommst in ein Alter, wo du sagst: Ich bin ich.

Ihr löst euch bewusst von gesellschaftlich geprägten Beauty-Idealen. Stehen Make-up und Selflove da nicht auch im Widerspruch?

Ich sage immer: „Schminke dich nicht, weil du denkst, du musst, sondern mach Make-up, weil du Lust darauf hast.“ Du brauchst kein Make-up, um schön zu sein, aber es kann ein Hebel sein, um sich noch ein Stück besser zu fühlen. Ich erinnere mich an Frauen, die zum ersten Mal geschminkt wurden, dann mit Tränen in den Augen dasaßen und sagten: „Ich habe mich noch nie so schön gesehen.“ Für mich ist Make-up ein Selflove Booster. Es steht für mich nur im Widerspruch, wenn Make-up dazu genutzt wird, um Erwartungen anderer zu entsprechen.

Geschäftsführerinnen Lisa Buchholz (links) und Miriam Jacks (rechts)

Wie gelingt Ihnen Führung, ohne dass Sie selbst oder Ihr Team ausbrennen?

Der Fisch stinkt vom Kopf – in der obersten Führung fängt es an. Wenn ich vorlebe, dass es dauerhaft stressig ist, dann ist es auch fürs Team schwer, gelassen zu bleiben. Mein größter Schritt war tatsächlich zu lernen, wie ich mein Nervensystem regulieren kann. Ich habe durch so viele Jahre Coaching alles rational gewusst, aber trotzdem konnte ich es nicht umsetzen, weil mein Nervensystem es nicht zugelassen hat. Jetzt kann ich dadurch ganz anders führen. Wir arbeiten aktuell auch mit einer Coach, die erst mit der Führungsetage beginnt und dann in die Teams geht, um Optimierungswege zu finden. Das kann ich jedem Unternehmen empfehlen.

Wie setzen Sie heute Grenzen im Business-Alltag?

Indem ich wirklich in meinen Körper reinfühle und schaue, wie es mir gerade geht – auch zyklusbedingtes Arbeiten fällt da rein. Früher bin ich oft über meine Grenzen gegangen, heute schaue ich wirklich ganz bewusst, was schaffe ich, und was nicht.

Sie sind auch Angel Investorin. Wann investieren Sie in ein Startup?

Wenn ich zu hundert Prozent überzeugt bin, dass die Menschen, das Produkt und das Timing stimmen. Investieren hängt für mich auch immer mit Kapazitäten zusammen. Was ich nämlich nicht mache, ist, dass ich einfach nur mit Geld investiere, sondern ich investiere mein Wissen, meine Passion und meine Energie.

Sie sind Geschäftsführerin, Podcast-Host, Mutter und das Gesicht von JACKS beauty line. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

Unter einen Hut bringen lässt sich das nicht. Es ist etwas, was organisch mal hier mehr, mal da weniger Raum und Zeit nimmt. Es ist ein Jongliere-Akt, ein Prioritätenwechsel, eine gewisse Rollenflexibilität. Am Ende funktioniert alles zusammen, man darf sich nur nicht den Druck machen, dass alles immer perfekt laufen muss und sich Unterstützung holen. Der Masterskill dabei ist: Sich auf der Arbeit auf die Arbeit fokussieren und zu Hause auf das Privatleben.

Was wissen Sie heute über Unternehmertum, das Sie sich früher gewünscht hätten zu wissen?

Immer wenn sich etwas schwer anfühlt, dann ist es nicht der richtige Weg. Das Richtige fühlt sich leicht an und bringt gute Energie.

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