Diskussionen über digitale Souveränität verlaufen meistens wie eine Selbsthilfegruppe: Europa gesteht seine Abhängigkeit von Übersee, alle nicken betroffen, danach geht man erschüttert zum Buffet.

Bei den Medientagen in Wien lief es erfrischend anders. Unsere Lara Gonschorowski diskutierte mit Wiens Vizebürgermeisterin Barbara Novak und dem Genetiker Markus Hengstschläger. Das waren 30 Minuten, durchgehend auf den Punkt und mit deutlich mehr Lösungen als Problemen.

Der spannendste Moment kam früh. Hengstschläger erzählte, dass sein Institut Genomdaten ins Ausland schicken muss, um sie mit KI auswerten zu lassen. Novak antwortete: „Wir haben gut zugehört, Wunsch schon erfüllt.“ In St. Marx entsteht genau dafür ein KI-Zentrum. Politik, die auf offener Bühne liefert, erlebt man nicht jeden Tag.

Danach stellte Lara Gonschorowski eine Frage, die man am liebsten jedem Digitalministerium schicken würde. Aus dem Biologieunterricht wisse sie, dass kein Organismus zu hundert Prozent autark funktioniert. Gilt das nicht auch für digitale Souveränität? Einem Genetiker eine Biologiefrage zu stellen, ist entweder sehr mutig oder sehr klug. Es war klug.

Hengstschläger hält es für „Unsinn“, vorhandene Technologie noch einmal zu erfinden, nur damit sie einem gehört. Er würde lieber zu guten Konditionen einkaufen und damit Lösungen bauen, die andere nicht haben. Novak nennt ihre Linie „Stärken stärken“: First Mover sein, wo das noch geht, und die vier, fünf Branchen ausbauen, in denen Wien ohnehin schon gut ist.

Dazwischen ging es um Wiens digitalen Humanismus, um Abwärme aus Rechenzentren, die künftig Wohnungen heizen soll, um Scheitern als österreichischen Karrierekiller und um die Frage, was vom Menschen bleibt, wenn die Maschine alle Standardaufgaben übernimmt. Hengstschlägers Antwort darauf ist die Lösungsbegabung. Novaks schönste Antwort galt einem Bauarbeiter, der wissen will, was er vom Supercomputer hat: „Der Supercomputer braucht ein Zuhause, und das hat in der Regel Wände.“

Unter all dem Witz lag eine ziemlich handfeste Rechnung. Wer Daten im eigenen Land auswerten kann, Scale-ups mit Kapital hält und Gescheiterte ein zweites Mal gründen lässt, verschenkt weniger Geld an andere Standorte.

Zum Schluss wollte Lara wissen, welche Schlagzeile die beiden 2035 lesen möchten, in der Krone oder bei sheconomy. Novak wünscht sich, dass Wien seiner Rolle als First Mover gerecht wird. Hengstschläger: „In Österreich geht kein einziges Talent verloren.“

Wir halten die Titelseite schon einmal frei.

HORIZONT/Johannes Brunnbauer
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