Frauen müssen nicht noch mutiger, perfekter oder besser vorbereitet sein. Sie müssen dorthin kommen, wo Chancen verteilt und Entscheidungen getroffen werden. Aber Nicht jede Chance ist eine gute Chance, nicht jede offene Tür führt weiter und nicht jeder Umweg ist ein Fehler.

Andrea Fruhstorfer hat genau das erst mit den Jahren gelernt. Heute weiß sie: Karriere bedeutet nicht, möglichst viel mitzunehmen, sondern die richtigen Entscheidungen zu treffen – auch unter Druck. Im Gespräch erzählt sie, warum Mut oft vor dem Gefühl von Bereitschaft kommen muss, weshalb Frauen einander nicht nur bestärken, sondern konkret Zugang zu Entscheidungsräumen verschaffen sollten und warum Erfahrung am Ende der größte Vorsprung sein kann.

Was war Ihr persönlicher Game-Changing-Moment?

Mein größter privater Game-Changing Moment war zweifelsfrei die Geburt meiner beiden wunderbaren Töchter. Sie haben mein Leben komplett verändert und unendlich bereichert. Gleichzeitig sind sie meine größten Kritikerinnen – ehrlich, direkt und ohne jeden Respekt vor beruflichen Titeln oder Erfolgen. Und genau das ist großartig, weil sie mich immer wieder daran erinnern, was wirklich zählt.

Mein beruflicher Gamechanger war Ende 2023 ein Anruf: die Bestellung zur Insolvenzverwalterin der Signa Development – eines der größten Insolvenzverfahren der österreichischen Nachkriegsgeschichte. Als einzige Frau unter den Verwalterinnen und Verwaltern der großen Signa-Gesellschaften war etwas ganz Besonderes. Plötzlich wurde mir bewusst, dass die vergangenen 20 Jahre genau darauf hingearbeitet hatten. Jede schwierige Verhandlung, jede Entscheidung unter Druck, jeder Rückschlag, aber auch jeder Erfolg hatte mir etwas mitgegeben. Was sich früher manchmal wie ein Umweg angefühlt hatte, war rückblickend Erfahrung – und damit mein größtes Kapital. Die Signa-Bestellung war deshalb nicht einfach der nächste Karriereschritt. Sie war der Moment, in dem ich verstanden habe: Die Jahre der Erfahrung sind kein Rückblick. Sie sind mein größter Vorsprung.

Was hätten Sie zu Beginn Ihrer Karriere gebraucht, was damals noch nicht vorhanden war, aber heute verfügbar ist?#

Sichtbare Vorbilder. Als ich meine Karriere begonnen habe, war die Insolvenzverwaltung noch ein sehr männlich geprägtes Feld. Ich hatte niemanden, an dem ich mich orientieren konnte, wie eine erfolgreiche Karriere mit Familie in diesem Beruf als Frau aussehen kann. Heute gibt es Netzwerke, Mentoring und vor allem Frauen, die öffentlich über ihren Weg und ihre Erfahrungen sprechen. Das nimmt einem die Arbeit nicht ab – aber es nimmt einem das Gefühl, ein Sonderfall zu sein, wenn man Familie und Karriere verbinden will.

Was hatte den größten Impact auf Ihre Laufbahn?

Den größten Impact auf meine Laufbahn hatten sicherlich die Menschen, die mir etwas zugetraut und mir Verantwortung gegeben haben – teilweise sogar früher, als ich selbst daran geglaubt habe. Entscheidend waren für mich dabei starke Vorgesetzte, Mentoren und Wegbegleiter, die mich gefördert, aber auch gefordert haben. Aber am Ende auch, dass ich immer meiner Intuition gefolgt bin.

Gleichzeitig war es wichtig, Chancen zu ergreifen, auch wenn ich noch nicht auf alles eine Antwort hatte. Ich habe gelernt, nicht darauf zu warten, bis ich mich für den nächsten Schritt zu hundert Prozent bereit fühle, sondern Verantwortung zu übernehmen und daran zu wachsen. Rückblickend war die Kombination aus Menschen, die an mich geglaubt haben, und meinem eigenen Mut, Chancen anzunehmen, der größte Treiber meiner Karriere. Der größte Impact waren also Menschen, die mir Türen geöffnet haben – und mein Mut, durch diese Türen zu gehen.

Was war der größte Karriere-Boost?

Der größte Karriere-Boost war für mich der Schritt in die großen, komplexen Verfahren. Dort geht es plötzlich nicht mehr nur um juristische Expertise, sondern um Verantwortung, Krisenmanagement und die Fähigkeit, unterschiedlichste Interessen zusammenzuführen. Die Dimension ist eine andere – mehr Verantwortung, mehr Sichtbarkeit, mehr Druck. Aber genau solche Situationen bringen einen beruflich enorm weiter. Man beweist sich nicht nur anderen, sondern auch sich selbst. Danach wird man anders wahrgenommen.

In welchen Situationen denken Sie heute: „Hätte ich das bloß früher gewusst“?

In vielen Situationen. Ich hätte früher gerne gewusst, dass man nicht jede Chance ergreifen muss, nur weil sie sich bietet – und dass man nicht jedem gefallen muss mit dem, was man tut.Gerade wenn man als junge Frau ambitioniert und zielstrebig ist, möchte man gestalten, sich beweisen, Verantwortung übernehmen und möglichst viel erreichen – oft am liebsten alles gleichzeitig. Ich habe lange geglaubt, dass jede neue Möglichkeit automatisch auch eine gute Möglichkeit ist. Heute weiß ich: Das stimmt nicht.
Erfolg bedeutet für mich heute deshalb nicht mehr, möglichst viele Türen zu öffnen, sondern zu wissen, durch welche Türen ich wirklich gehen möchte.

Und ich hätte gerne früher gewusst, dass man nicht alles kontrollieren kann. Manchmal schließt sich eine Tür, obwohl man alles dafür getan hat, dass sie offenbleibt. Im ersten Moment fühlt sich das wie ein Rückschlag an. Mit etwas Abstand erkennt man jedoch oft, dass genau dadurch Raum für etwas Neues entstanden ist. Nicht jeder Umweg ist ein Fehler. Manchmal muss man die Dinge auch einfach ihren Lauf nehmen lassen. Vertrauen, dass sich etwas entwickeln darf, ohne jeden nächsten Schritt selbst bestimmen zu müssen. Und akzeptieren, dass nicht alles in der eigenen Hand liegt. Vielleicht ist das eine der größten Veränderungen, die mit den Jahren kommt: Man wird gelassener, wenn das Leben einen anderen Plan hat. Früher wollte ich meinen Weg möglichst genau kennen und kontrollieren. Heute reicht es mir, zu wissen, in welche Richtung ich gehen möchte.

Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit mehr Frauen Führungspositionen erreichen – und welche, damit sie erfolgreiche Unternehmerinnen werden?

Für Führungspositionen braucht es aus meiner Sicht vor allem mehr sichtbare Role Models. Man übernimmt eine Rolle leichter, wenn man einmal gesehen hat, dass jemand wie man selbst sie erfolgreich ausfüllen kann. In meinem Fachgebiet gab es das lange kaum – und genau deshalb halte ich es für so wichtig, dass Frauen, die es geschafft haben, sichtbar bleiben und ihre Erfahrungen teilen.

Genauso wichtig ist aber, dass Frauen einander stärker fördern. Nicht nur beraten oder ermutigen, sondern tatsächlich empfehlen, Türen öffnen, Kontakte herstellen und die richtige Person mit an den Tisch holen, wenn Entscheidungen getroffen werden. Das ist etwas, das Männernetzwerke seit Jahrzehnten ganz selbstverständlich leisten. Wir Frauen haben begonnen, diese Netzwerke aufzubauen. Aber wir müssen noch konsequenter darin werden, einander wirklich weiterzubringen. Und für Unternehmerinnen gilt aus meiner Sicht dasselbe: Es braucht Zugang zu Kapital, Netzwerken und Entscheidungsstrukturen – vor allem aber das Vertrauen, sich selbst als Unternehmerin und Führungspersönlichkeit selbstverständlich den Raum zu nehmen.

Frauen brauchen nicht mehr Ermutigung – sie brauchen mehr Zugang zu den Räumen, in denen Chancen und Entscheidungen entstehen.

Ihr persönlicher Karriere-Rat an alle?

Mein wichtigster Rat an junge Frauen: Unterschätzt euch nicht. Wartet nicht darauf, dass euch jemand die Erlaubnis gibt, groß zu denken oder Verantwortung zu übernehmen. Seid mutig, macht eure Leistung sichtbar und ergreift Chancen – auch dann, wenn ihr noch nicht auf jede Frage eine Antwort habt. Niemand muss für den nächsten Schritt bereits perfekt vorbereitet sein. Sucht euch Menschen, die an euch glauben, euch fördern und euch gleichzeitig ehrliches und kritisches Feedback geben. Menschen, die euch Türen öffnen, wenn ihr selbst noch nicht den Mut habt, hindurchzugehen. Und baut euch parallel euer eigenes Netzwerk auf. Denn ein starkes berufliches Umfeld entsteht nicht von allein. Und vor allem: Definiert Erfolg für euch selbst. Karriere muss nicht bedeuten, immer höher, schneller und weiter zu wollen. Viel wichtiger ist es, ein Berufsleben zu gestalten, das zu euch, euren Werten und eurem Leben passt.

Das ist auch eine Botschaft, die ich meinen beiden Teenager-Töchtern mitgebe: Wartet nicht darauf, dass ihr euch bereit fühlt. Seid mutig, macht euch sichtbar und nehmt euch den Raum, den ihr verdient. Glaubt an euch selbst, bleibt unabhängig und begebt euch niemals bewusst in Abhängigkeiten. Ihr müsst nicht darauf warten, dass euch jemand eine Tür öffnet – ihr dürft auch selbst eine aufmachen.

Am Ende geht es für mich genau darum: den eigenen Weg zu kennen, den Mut zu haben, ihn zu gehen, und sich dabei nicht kleiner zu machen, als man ist.

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„Krise ist ihr Element: Warum Plan B oft der bessere Plan A ist“ mit Ilinka Kajgana, Andrea Fruhstorfer und Karin Mair, moderiert von Sabine Schnabel: wie Führung gelingt, wenn es darauf ankommt, warum in jeder Krise auch eine Chance steckt und weshalb gerade die Umwege ihre Karrieren stark gemacht haben.

3.11.2026
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