„Net des a no“, soll Karl Valentin angesichts des Todes gesagt haben. Der Satz passt erstaunlich gut zu unserer zweitgrößten Zumutung: den -ismen. Sie tun so, als wären sie Naturgesetze, sind aber nur bequeme Denkabkürzungen. Ganz vorne: Ageism. Die Abwertung nach Geburtsjahr. Praktisch fürs Vorurteil, ruinös für alle, die
rechnen können.
Die Realität? Der Arbeitsmarkt ruft: Kommt zurück, bleibt länger, macht weiter! Europa altert, Schlüsselstellen bleiben unbesetzt, die Digitalisierung vernichtet weniger Jobs als befürchtet, und trotzdem tun wir so, als sei „alt“ gleich „abgeschrieben“. Politik nennt das „Aktivrente“, als wäre „aktiv“ eine saisonale Option. Pensions- und Krankenkassen mahnen zur Bewegung, die WHO warnt vor Folgekosten und psychischen Schäden – und zwar erheblichen.
Weltweit hat laut WHO etwa die Hälfte der Menschen altersfeindliche Einstellungen; in Europa sagt rund ein Drittel, bereits selbst betroffen gewesen zu sein. Das geht nicht nur vom Selbstwertkonto ab, sondern auch vom Gesundheitsbudget. Kurz: Ageism ist kein Fakt, sondern ein Filter. Ein kultureller Algorithmus, der aus „Baujahr“ eine Prognose macht: weniger lernfähig, weniger digital, weniger relevant. Das ist bequem und falsch. Organisationen sind keine Motoren, in denen man Teile nach Laufleistung tauscht. Sie sind Lernsysteme. Und Lernen hat mit Neugier zu tun, nicht mit Kalendern.
Ich bin 60+. Und ich habe wenig Lust, mich vom Rand der „Tapete des Geschehens“ aus zu verabschieden. Ruhestand? Ruhe wovor? Und vor allem: wozu? Ich arbeite gern. Ich strenge mich gern an. Vielleicht calvinistische Prägung, sicher aber Überzeugung. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat es einmal sauber auf den Punkt gebracht: „Es ist dekadent, zu vergessen, dass es ein Privileg ist, sich anstrengen zu dürfen.“ Leistung ist kein Jugendprogramm. Sie ist eine Haltung.
Mit den Jahren ändert sich vor allem eins: der Fokus. Weniger Streuverlust, mehr
Treffsicherheit. Erfahrung ist kein Hemmschuh, sie ist ein Produktivitäts-Booster – wenn man sie lässt. Das gilt für Menschen wie für Unternehmen. Je komplexer die Transformation, desto wertvoller die Mischung aus Tempo und Tiefgang. Vielfalt in Jahren ist dabei kein Nice-to-have, sondern Risikomanagement.
Und jetzt zur Branche, die unsere Selbstbilder am stärksten prägt: Werbung. Der
Zombie „werberelevante Zielgruppe 14–49“ wankt noch durch so manche Präsentation, während die 50+ längst die größte und oftmals kaufkräftigste Kohorte stellen. In US-Studien heißen sie „Active Agers“: mental, sozial und digital aktiv, wohlhabend, konsumfreudig. In der Werbung werden sie trotzdem gern mit drei Stereotypen abgefertigt: technikfern, körperlich schwach, geistig hinterher. Ergebnis: Formate, die Windeln und Wehwehchen verkaufen wollen – und an der Lebenswirklichkeit vorbeiproduzieren.
Die Pointe: Nicht die Zielgruppe ist alt – es ist die Zielgruppenlogik. Personas statt Schubladen, Lebensphasen statt Lebensalter: Wer ernsthaft an die „Best Ager“ ranwill, muss deren Lebensstil kennen, nicht deren Pensionstermin. Agenturen mit Alters-Mix sind dafür schlicht glaubwürdiger. Und ja, die Spaß-Rakete zündet auch jenseits von 50, nur anders. Weniger Hype, mehr Haltung.
Apropos Haltung: Bei sheconomy leben wir, was wir predigen. Unsere jüngste Kollegin ist 18, die älteste kratzt an der 70 – beide prägen, beide lernen, beide liefern.
Vielfalt heißt für uns: Perspektiven stapeln, nicht ersetzen. Was folgt daraus?
- Reframing statt Ruhestandsromantik. Arbeit ist Teilhabe – nicht Strafe.
- Kompetenz messen, nicht Kerzen auf der Torte: Skills, Outcomes, Lernkurven.
- Budget dorthin, wo Wert entsteht. In Teams, in denen Generationen kooperieren, steigt die Problemlösequote – und sinkt die Fehlannahmenrate.
- Kommunikation updaten. Wer 50+ anspricht, verkauft nicht Vergangenheit, sondern Möglichkeiten.
Am Ende zurück zu Karl Valentin: „Net des a no.“ Genau. Nicht auch noch das Alter
kleinreden. Wir haben Wichtigeres zu tun: arbeiten, lernen, vorangehen. Und zwar
gemeinsam. Denn der größte Ageism ist am Ende schlicht schlechte Ökonomie – er verschwendet knappe Ressourcen: Talent, Zeit, Erfahrung. Ruhestand? Von mir aus.
Vorurteil? Sofort.