Felicia Nagel:“Eine ganze Generation verwechselt den Überlebensmodus mit Ehrgeiz“
In der Unternehmenswelt war sie stolz darauf, „die Maschine“ genannt zu werden: die Frau, die jede Krise meistert, alles organisiert und immer die Ruhe bewahrt. Bis das Leben sie mit mehreren Weckrufen konfrontierte und ihr zeigte, dass äußerer Erfolg nicht automatisch innere Erfüllung bedeutet.
Felicia Nagel ist Coach für somatische Begleitung und Speakerin. Sie verbindet über ein Jahrzehnt Erfahrung in Führungspositionen in internationalen Konzernen und digitalen Start-ups mit fundierten Ausbildungen in Process Work, Somatic Bodywork und ganzheitlicher Energiearbeit, um Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. Am 19. Oktober 2026 leitet sie in Wien die erste offline sheconomy Career Session „Wenn Erfolg dich erschöpft: Vom erfolgreichen Funktionieren ins erfüllte Leben“. In diesem Interview reflektiert sie über ihren Weg.
Was war Ihr persönlicher Game-Changing-Moment?
Das war im Jahr 2018. Ich stürzte vom Pferd, verlor das Bewusstsein und wachte dreißig Minuten später im Krankenwagen auf. Bis zu diesem Moment glaubte ich felsenfest, ich hätte alles im Griff. Ich leitete ein großes Start-up-Projekt mit einem 20-köpfigen Team – von Designern über Entwickler bis hin zu Testern. An den Wochenenden war ich völlig erschöpft und legte an Gewicht zu, aber all das schien keine Rolle zu spielen, weil ich das Gefühl hatte, im Job auf dem absoluten Höhepunkt meines Erfolgs zu sein.
In den Tagen nach meinem Unfall zwang mich eine schwere Gehirnerschütterung, mein Tempo auf ein Schneckentempo zu drosseln – und da traf es mich wie ein Blitz: „Ich hätte sterben können, ohne jemals wirklich gelebt zu haben.“ Das war das erste Mal, dass ich mich fragte, was ich eigentlich erleben wollte, bevor ich sterbe. Mein Kopf war völlig leer. Ich stellte fest, dass ich zwar hervorragend funktionierte, aber überhaupt nicht wusste, wer ich wirklich war.
Was hätten Sie zu Beginn Ihrer Karriere gebraucht, was damals noch nicht vorhanden war, aber heute verfügbar ist?
Ich habe meine Karriere in der Strategieberatung begonnen, wo wir zehn Trainingstage pro Jahr erhielten. Rückblickend konzentrierten sich diese Programme rein auf die Vermittlung von Fähigkeiten. Sie stülpten uns im Grunde nur eine weitere Schicht über, wie wir uns professionell verhalten „sollten“, und setzten uns eine Maske auf, die das wahre Ich verdeckte.
Erst als ich selbst für die Entwicklung anderer verantwortlich wurde als Softwareentwicklungs Managerin und miterlebte, wie Menschen unter der Arbeitslast kämpften und kaum „Nein“ sagen konnten, wurde mir klar: Praktische Tipps sind oft unzureichend oder sogar kontraproduktiv. Im besten Fall kratzen sie an der Oberfläche und erfordern reine Willenskraft; im schlimmsten Fall beschämen sie die Betroffenen, weil sie das Problem nicht einfach „lösen“ können.
Der Grund, warum es uns so schwerfällt, gesunde Grenzen zu setzen, direkt auszusprechen, ist nicht mangelndes Wissen. Es liegt daran, dass sich das auf menschlicher Ebene wie eine Zurückweisung von Verbindung anfühlt. Es triggert das unbewusste Bedürfnis nach Validierung – den tiefen Wunsch, gesehen zu werden und zu wissen, dass wir eine Bedeutung haben. Meine Hoffnung ist, dass heute – da immer mehr Führungskräfte nach einem Burnout die innere Arbeit tun – ein neues Bewusstsein in Unternehmen entsteht. Ein Bewusstsein, das Individuen dabei unterstützt, authentisch zu wachsen, anstatt jeden in dieselbe Standardform pressen zu wollen.
Was hatte den größten Impact auf Ihre Laufbahn?
Meine Therapeutin, meine Mentorin und meinen Supervisor an meiner Seite zu haben. Eine Person, die an mich geglaubt hat. Sie hat meinen „goldenen Schatten“ erkannt – mein ungenutztes Potenzial und meine innere Kraft – und mich immer wieder daran erinnert und mich dorthin geführt.
Da ich mit einem Vater aufgewachsen bin, der häufig lange Monologe hielt, war ich fest entschlossen, niemals jemanden mit meinen Gedanken zu langweilen. Das führte dazu, dass ich meinen eigenen Ausdruck völlig unterdrückte. Ich verließ mich im Job und selbst im engen Freundeskreis auf Top-down-Strukturen und eine rein funktionale Kommunikation. Das konditionierte mich zwar dazu, eine exzellente Zuhörerin und eine zutiefst vertrauenswürdige Vertraute zu sein, aber mir haben 1. authentische Beziehungen gefehlt, die sowohl auf Geben als auch auf Nehmen beruhen, und 2. verfehlte ich mein eigentliches Potenzial: das Teilen von echten, ungefilterten Lebenserfahrungen, um eine wahrhaftige menschliche Verbindung herzustellen.
Als meine Mentorin mir das erste Mal sagte: „Du bist eine Rednerin“, spürte ich eine Welle der Scham. Aber ich erkannte bald, dass ich mir diesen Teil umso mehr erlaubte, je mehr sie ihn in mir sah und anerkannte.
Was war der größte Karriere-Boost?
Zu verstehen, dass jeder Mensch, mich eingeschlossen, allein durch seine Existenz einen inhärenten Wert besitzt. Früher habe ich meinen Wert daran gemessen, wie schnell ich Unternehmen bei der Lösung von Problemen helfen oder Klienten dabei unterstützen konnte, die Muster aufzulösen, in denen sie feststeckten. Mein tief sitzender Glaubenssatz war: „Ich bin nicht wichtig. Deshalb muss ich die absolut Beste in dem sein, was ich tue, um meine Existenz, mein Gehalt und die Zeit, die andere mir schenken, zu rechtfertigen.“ Aber dieses ständige Streben nach einer „besseren“ Version von sich selbst ist quälend.
In dem Moment, als ich endlich – nicht nur mit dem Kopf, sondern mit meinem ganzen Sein – begriff, dass ich wertvoll bin, einfach weil ich bin, veränderte sich alles. Ich bewegte mich vom „Ich muss“ zum „Ich wähle“. Ich trat heraus aus einem Zustand des Mangels und des ständigen Beweisens und hinein in eine Klarheit und ein intuitives Wissen darüber, wann ich handeln möchte, wann ich den Dingen Zeit geben muss und wann ich Ruhe brauche.
Nach außen hin hat sich nichts verändert, aber im Inneren hat sich meine ganze Welt transformiert. Und aus diesem Zustand der Leichtigkeit und Freiheit wurde es zu einer echten Freude, andere zu unterstützen, zu führen und meine Arbeit sichtbar zu machen.
In welchen Situationen denken Sie heute: „Hätte ich das bloß früher gewusst“?
Eine ganze Generation hat eine Dysregulation des Nervensystems – sprich den Überlebensmodus – mit Ehrgeiz verwechselt.
Eines Tages werden wir auf die moderne Unternehmenskultur genauso zurückblicken, wie wir heute auf das Rauchen in Krankenhäusern schauen: „Wie konnte niemand merken, dass das die Menschen krank macht?“ Die Schlaflosigkeit. Die Angstzustände. Die emotionale Taubheit. Die Unfähigkeit aufzuhören. Das unerbittliche Bedürfnis, sich immer und immer wieder beweisen zu müssen. Und das Absurdeste daran ist, dass wir dafür auch noch belohnt wurden.
Ich war eine von ihnen. In einer meiner früheren Rollen als Produktmanagerin in einem E-Commerce-Start-up war mein Spitzname „Die Maschine“ – die Frau, die jede Krise am Arbeitsplatz in den Griff bekommen konnte. Heute weiß ich, dass das schlichtweg eine chronische Stressreaktion war. Ich hatte das Überleben perfektioniert.
Doch hier ist die Realität für die meisten Frauen, die sie erst erkennen, wenn es fast zu spät ist: Genau die Fähigkeiten, die dich zu Beginn deiner Karriere erfolgreich gemacht haben, sind dieselben Fähigkeiten, die dich am Ende erschöpft, ausgebrannt und von jeglicher Lebensfreude abgeschnitten zurücklassen werden.
Wenn du in einer chronischen Stressreaktion lebst – gefangen in Angst und der ständigen Suche nach Anerkennung –, ist es völlig egal, wie viel du erreichst. Du wirst nie ein Gefühl des Ankommens, der Leichtigkeit oder der echten, dauerhaften Freude erfahren. „Funktionieren“ ist eine großartige Ressource zum Überleben, aber es ist eine miserable Strategie, um wirklich zu leben.
Welche Kompetenzen werden Frauen in den kommenden zehn Jahren brauchen, die heute noch unterschätzt werden?
Wir alle spüren die enorme Geschwindigkeit des Wandels. Durch KI ist der Zugang zu Informationen kein rares Gut mehr und die operative Umsetzung lässt sich leichter outsourcen. Ganze Arbeitsbereiche, die einst „Expertise“ definierten, werden ersetzt.
Die Schlüsselkompetenz des nächsten Jahrzehnts liegt daher nicht im Verwalten von Informationen, sondern in der Fähigkeit, sich selbst und andere zu orientieren. Das bedeutet:
- In einem immer lauteren Umfeld stabil und bei sich zu bleiben.
- Entscheidungen ohne externen Konsens zu treffen und Raum für menschliche Werte zu halten.
- Strukturen aufzubauen, die etwas völlig Neues tragen, statt das Bestehende zu zementieren.
Wie entwickelt man diese Orientierungsfähigkeit? Die kurze Antwort lautet: Durch eine verkörperte menschliche Erfahrung (an embodied human experience).
Biologisch gesehen ist der Körper das primäre Medium, das Informationen sammelt und ans Gehirn weiterleitet. Dennoch haben wir gelernt, ihn als lästiges Anhängsel statt als Quelle angeborener Intelligenz zu betrachten, und leben fast ausschließlich in mentalen Konzepten von Erfolg und Sicherheit.
Menschen erzählen sich, es gehe ihnen gut, während sich ihr Körper sichtlich anspannt. Sie sagen Ja, während die Erschöpfung tiefer wird, und organisieren ihr Leben um Leistung, während der Körper verzweifelt versucht, dieses Muster durch Verspannungen, Verdauungsprobleme oder Haarausfall zu unterbrechen.
Eine lange vernachlässigte Fähigkeit wird daher absolut kritisch – um sich zu orientieren und schlichtweg gesund zu bleiben: die Fähigkeit, sich wieder mit der Weisheit des eigenen Körpers zu verbinden. Das soll nicht heißen, dass der Körper den Geist überwältigt, sondern vielmehr, dass Körper und Geist zusammenwirken.
Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit mehr Frauen Führungspositionen erreichen und welche, damit sie erfolgreiche Unternehmerinnen werden?
Zuerst müssen wir neu definieren, was „erfolgreich“ eigentlich bedeutet. In der heutigen Gesellschaft verwechseln wir äußeren Erfolg – Jobtitel, Gehälter, Investment-Summen und exklusive Urlaube – oft mit innerem Erfolg. Für mich ist der innere Erfolg der einzig wahre Erfolg. Ich definiere ihn so: Wenn ich genau in diesem Moment sterben müsste, könnte ich dann sagen: „Ich habe es geliebt, mein Leben zu leben, und ich würde es genau so wieder tun“?
Wenn du wahren, inneren Erfolg für dich selbst definierst – anstatt einem weiteren gesellschaftlichen Konzept davon hinterherzujagen –, verlässt du aktiv die Opfer- und Märtyrerrolle. Denn um diesen Erfolg zu definieren, musst du erkennen, dass du die Schöpferin deines Lebens bist. Du kannst die Schuld nicht mehr dem System zuschieben, denn mit Schuldzuweisungen gibst du deine eigene Macht ab. Genauso wenig kannst du deine eigenen Bedürfnisse und dein Wohlbefinden ständig für das Wohl anderer opfern.
Diese Unterscheidung – zur Gestalterin des eigenen Lebens zu werden – ist essenziell. Solange Frauen auf bessere Rahmenbedingungen warten, verharren sie in einer Opferhaltung. Sie bleiben hilflos und übertragen ihre Macht an das System.
Erfolgreiche Frauen in der westlichen Welt, die aus privilegierten Verhältnissen kommen (was praktisch auf jede Leserin der SHEconomy zutrifft), erschaffen ihre eigenen Positionen, ihre eigenen Unternehmen und ihre eigenen Rahmenbedingungen. Sie tun dies, weil sie fest in ihren natürlichen Rhythmen, ihrer inneren Autorität und der Freude am Leben verankert sind und ihre eigenen Bedürfnisse und Werte tief kennen.
Um es ganz klar zu sagen: Ich bin nicht gegen äußeren Erfolg. Aber wenn du ein erfülltes Leben willst, ein Leben, das wirklich deines ist, dann folgt der äußere Erfolg nicht aus der Angst ums Überleben oder dem Drang, dich beweisen zu müssen. Er entsteht als ganz natürliches Nebenprodukt deines inneren Erfolgs.
Ihr persönlicher Rat an alle, die „die große Karriere“ anstreben?
Sei ganz ehrlich zu dir selbst und beantworte diese drei Fragen:
- Wann endete deine Kindheit? Wann hast du angefangen, jemanden zu beschützen oder dich um jemanden zu kümmern? Wann hast du aufgehört, du selbst zu sein, und stattdessen eine Rolle übernommen (wie „die Unabhängige“, „die Unkomplizierte“ oder „die Rebellin“)?
- Wenn du heute sterben würdest, was würdest du bereuen, nicht getan zu haben?
- Wie würdest du Erfolg definieren, wenn niemand jemals erfahren würde, was du erreicht hast?
Das sind keine Fragen, die man leicht und mal eben ehrlich beantworten kann, denn wir sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, die uns darauf konditioniert hat, sie niemals zu stellen. Stattdessen hat sie uns ein unglaublich enges Bild von Erfolg vermittelt. Hab Geduld und Mitgefühl mit dir selbst, wenn du die Antworten nicht sofort weißt. Sprich mit Freunden, deinem Partner oder deinem Coach darüber. Erlaube den Antworten, sich zu entwickeln.
Sobald du hier Klarheit findest, merkst du, dass es im Leben eigentlich gar nicht um „die große Karriere“ geht. Eine große Karriere kann absolut ein wunderbares Ergebnis dessen sein, wer du bist – aber sie darf nicht der primäre Antrieb deines Lebens sein.
Und wenn diese Fragen dich irritieren oder du eine plötzliche Leere spürst, empfehle ich dir dringend, dir Zeit zu nehmen, um herauszufinden, wer du hinter all den beruflichen Masken eigentlich bist. Denn früher oder später werden diese Masken ohnehin fallen.
Möchtest du tiefer eintauchen? Ich unterstütze dich gerne durch individuelles Coaching oder transformative Retreats dabei, wahre Freiheit zu entdecken und die Freude am Leben aus deinem Inneren heraus zu aktivieren. Erfahre mehr unter www.felicianagel.com. Und bei der sheconomy Career Session am 19. Oktober, hier kannst Du dich anmelden.