Finanzstadträtin Barbara Novak: „Budgetkonsolidierung und Lebensqualität ist kein Widerspruch“
Viel Licht, viel Platz, wenig Ablenkung. Wer Barbara Novaks Büro im Wiener Rathaus betritt, merkt schnell: Ihr geht es nicht darum, Eindruck zu machen, sondern sie will den Überblick behalten. Barbara Novak ist Wiens Finanzstadträtin und Vizebürgermeisterin – und eine der einflussreichsten Politikerinnen des Landes. Wien ist nicht nur Hauptstadt, sondern zugleich ein eigenes Bundesland mit eigener Regierung, eigenem Haushalt und entsprechend großen finanziellen Spielräumen. Wer hier das Budget verantwortet, entscheidet über Milliardenbeträge und über das Tempo, mit dem sich die Stadt verändert. Im Interview spricht Barbara Novak über Disziplin bei knappen Kassen, ihre Einstellung zu Macht und warum Wien noch sehr viel selbstbewusster auftreten sollte.
Sie sind seit fast einem Jahr Finanzstadträtin – was ist die präziseste Beschreibung Ihrer Rolle: CFO, Krisenmanagerin, Zukunftsinvestorin … ?
Alle drei. Als Finanzstadträtin ist es meine Aufgabe, die Balance zu halten. Ich muss die Stadt solide finanzieren und gleichzeitig die Dienstleistungen sowie die Qualität der Daseinsvorsorge und unserer Einrichtungen aufrechterhalten. Und das alles bei gleichzeitiger Budgetkonsolidierung. Ich sehe diese Rolle auch als Moderationsarbeit und als Übersetzungsleistung. Es geht darum, unterschiedliche Interessen zusammenzubringen, Prioritäten zu klären und am Ende handlungsfähig zu bleiben.
Was bedeutet für Sie Macht in Ihrer Funktion?
Mit dem Begriff „Macht“ habe ich eine durchaus positive Beziehung. Auch weil ich Soziologin bin. Für mich bedeutet Macht vor allem Handlungsspielraum. Das ist aber keine One-Woman-Show. Ich übe diese Gestaltungsmacht im Kollektiv aus, gemeinsam mit Kolleg*innen. Wir arbeiten wie Synchronschwimmer*innen im selben Takt und auf ein gemeinsames Ziel hin. Als Finanzstadträtin definiere ich in Budgetverhandlungen den Rahmen, also das Stück, in dem wir uns gerade bewegen, und manchmal auch das Tempo. Aber am Ende ist es eine Teamleistung. Ja, diese Art im Team zu arbeiten, ist vielleicht tatsächlich etwas, das viele als typisch weiblich erleben. Ich halte es
ökonomisch für sehr sinnvoll.
Mit dem Eurovision Song Contest steht ein internationales Großereignis vor der Tür. Wie lässt sich das finanzieren, ohne dass die Wiener*innen im Alltag Abstriche machen müssen?
Vor wenigen Monaten war die budgetäre Lage sehr ernst. Die Ausgaben müssen sinken, und zwar bereits im laufenden Budget. Das gelingt nur mit Disziplin, die ich auch einfordere. Und ein Grundprinzip ist: Wenn Geld übrigbleibt oder mehr Einnahmen da sind, dann wird das für den Abbau des Defizits verwendet, nicht als Startsignal für neue Ausgabenwünsche. Großereignisse wie der Eurovision Song Contest sind wichtig für Wien. Aber sie stehen nicht über allem. Entscheidend ist, dass wir state of the art bleiben und weiter investieren, weil unsere Gäste wegen der Veranstaltung kommen, aber auch wegen der Stadt.
Gehen Frauen risikobewusster mit Geld um?
Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Für mich zeigt sich langfristiges und risikobewusstes Handeln vor allem in Klarheit. Ich sage gerade sehr oft Nein, wenn die budgetären Mittel es nicht zulassen. Dann sollte man nicht herumschwurbeln, sondern deutlich aussprechen: Das geht jetzt nicht. Diese Klarheit ist für mich Teil moderner Führung und auch ein Akt der Wertschätzung, weil alle wissen, woran sie sind.
Wien wächst und muss sich transformieren. Woran orientieren Sie sich, wenn es darum geht, zu entscheiden, was erhalten, was ausgebaut und wo neu investiert wird?
Ich arbeite mit dem Prinzip der Priorisierung und der Substitution. Wir verabschieden uns ein Stück weit von der Logik „immer etwas drauf und immer etwas Neues dazu“. Stattdessen gilt: Wir ersetzen Dinge, wir organisieren bestehende Portfolios neu und machen Platz für das, was die Stadt künftig braucht. Das heißt konkret: Wir richten Förderungen und Maßnahmen so aus, dass sie auf die Transformation einzahlen, und wir lassen anderes bewusst auslaufen, wenn es nicht mehr zielgerichtet ist. So wird Wachstum nicht zur Dauerüberforderung.
Ich sage sehr oft Nein, wenn die budgetären Mittel es nicht zulassen. Diese Klarheit ist für mich Teil moderner Führung und auch ein Akt der Wertschätzung, weil alle wissen, woran sie sind.
Innovation wird oft als „nice to have“ gesehen. Welche Rolle spielt sie in Ihrer Finanzstrategie, und welche Bereiche haben Priorität?
Innovation ist für mich dann ein echter Budgethebel, wenn sie Standortstärke ausbaut und Wertschöpfung langfristig sichert. Ein Beispiel ist das Life Science Center Vienna in St. Marx. Dort entsteht ein Ökosystem, das Künstliche Intelligenz und Life Sciences eng verbindet; mit Forschung, Labors und Raum für Startups und Unternehmen. Ich folge dabei zwei Prinzipien: Erstens stärken wir gezielt Bereiche, in denen Wien bereits stark ist, etwa KI und IT, Life Sciences, Gesundheit, Kreativwirtschaft und Nachhaltigkeit. Zweitens sorgen wir dafür, dass Innovation in der Umsetzung ankommt, durch Infrastruktur, Vernetzung und klare Rahmenbedingungen. So entsteht ein Portfolio, das auf Zukunftsfähigkeit ausgerichtet ist.
Welche Themen werden Wien in den nächsten zehn Jahren besonders beschäftigen?
Erstens wird die nachhaltige Finanzierung der Stadt eine zentrale Aufgabe bleiben. Budgetkonsolidierung, Kostendisziplin und Defizitabbau sind notwendig, damit wir handlungsfähig bleiben. Zweitens ist die technologische Transformation eine Dauerbewegung. KI, Digitalisierung und neue Spitzentechnologien kommen in Wellen, und wir müssen Unternehmen und Arbeitsplätze dabei aktiv stärken. Drittens intensiviert sich der internationale Wettbewerb um Standorte, Talente und Kongresse. Unterschätzt wird dabei oft, wie wichtig Leistbarkeit und gute Zugänge, etwa zu Bildung, Gesundheit und Kinderbetreuung, für die Standortattraktivität sind. Das ist langfristig entscheidend.
Das sind Themen, die im Alltag vor allem Frauen betreffen. Wie gut ist Wien da aufgestellt?
Wir schauen konsequent auf die Lebenssituation von Frauen. Ein zentraler Punkt ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch gute und zugängliche Kinderbetreuung, inklusive Gratis-Kindergarten. Dazu kommen gezielte Arbeitsmarktprogramme und Wirtschaftsförderungen: In Wien sind rund 44 Prozent der Gründerinnen Frauen, da sind wir schon sehr gut unterwegs. Und es geht auch um Sicherheit und Schutz, etwa über Gewaltschutzeinrichtungen und klare Signale, dass Übergriffe nicht toleriert werden. Wir haben zudem ein Büro für Sofortmaßnahmen, das sehr gezielt gegen dubiose Praktiken vorgeht und Betroffene schützt.
Wo gibt es aus Ihrer Sicht noch Nachholbedarf?
Wien muss sich stärker in Erinnerung rufen, was es ist: die fünftgrößte Stadt Europas und die zweitgrößte im deutschsprachigen Raum. Dieses Selbstbewusst sein dürfen wir wieder lernen. Wien ist Universitätsstadt, es gibt viele Studierende, Forschungseinrichtungen, und Wien ist Stadt der internationalen Organisationen: ein UNO-Standort, der gerade an Attraktivität gewinnt. Wenn internationale Strukturen unter Druck geraten, schauen viele auf Städte wie Genf oder Wien, auch weil Wien im internationalen Vergleich leistbar bleibt und gleichzeitig hohe Lebensqualität bietet. Das ist unser „unfair advantage“.
Was meinen Sie damit konkret?
Menschen kommen nicht nur wegen einer Konferenz, sie kommen wegen der Stadt. Sehenswürdigkeiten, Kultur, Gastronomie, Lebensqualität – das kann man nicht in ein geschlossenes Convention Areal kopieren. Konkurrenz gibt es, und sie schläft nicht. Aber Wien bietet ein Stadterlebnis, das Teil des Angebots ist.
Zum Abschluss: Welchen Rat geben Sie jungen Frauen mit auf den Weg?
Es lohnt sich, in die eigene Persönlichkeit zu investieren, Zeit und auch Geld in Aus- und Fortbildung. Das zahlt sich später aus, finanziell und in der persönlichen Entwicklung. Und ich empfehle, sich mit Investments und Finanzinstrumenten auseinanderzusetzen. Banken und Versicherungen verkaufen naturgemäß Produkte. Wenn man aber nicht versteht, was man angeboten bekommt, kann das teuer werden. Und ganz persönlich: Man darf sich Erfolge auch zugestehen. Ich habe mein Soziologie-Studium neben einem Vollzeitjob abgeschlossen und mir die akademische Feier bewusst gegönnt. Als Ritual, als Anerkennung. Frauen sollten sich öfter erlauben, ihren Applaus abzuholen, sichtbar zu sein und sich feiern zu lassen.