Eine Mutter aus Niederösterreich schreibt uns. Wir haben ihren Text zweimal gelesen, weil wir zunächst dachten, es handle sich um Satire. Es ist keine.

Dritte Klasse Gymnasium, Religionsunterricht. Zehn Mädchen, drei Buben. Thema: „Wer ist mein Nächster?“ – das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Mitten in der Stunde fragt ein Mädchen: „Was ist, wenn mein Nächster eine sie ist?“ Die Tochter unserer Leserin, Franziska, sagt darauf, halb im Scherz, halb im Ernst: „Herr Professor, das ist diskriminierend.“ Der Lehrer erklärt laut der Schilderung, er verwende aus Verständnisgründen nur die männliche Form. Franziska entgegnet: „Wir sind nicht dumm. Wir leben nicht im 16. Jahrhundert. Wir verstehen das.“ Ein anderes Mädchen stimmt ihr zu.

Was dann folgt, beschreibt die Mutter als besonders irritierend. Nicht die ganze Klasse erhält eine Aufgabe, sondern nur die beiden Mädchen. Sie sollen einen Bibeltext abschreiben – als „Konsequenz“, wie es heißt. Franziska sagt darauf, sie störe nicht das Abschreiben, sondern die Begründung. Warum nicht gendern? Der Lehrer antwortet demnach: „Ist doch sowieso egal. In zwei, drei Jahren gendern wir eh nicht mehr. Dagegen kann man nichts machen.“ Franziska erwidert: „Doch. Sie können was machen. Und gendern ist erst der Anfang.“ Schließlich erhält sie eine zusätzliche Hausübung: ein 250-Wörter-Text darüber, warum man gendern sollte. Abgabe bis Freitag.

Zusammengefasst: Zwei Schülerinnen stellen eine Frage zum Gendern und erhalten zusätzliche Aufgaben. Mich beschäftigt daran weniger die inhaltliche Position des Lehrers als die Art der Reaktion. Nicht die männliche Form, sondern der Umgang mit Widerspruch. Nicht Religion, sondern die Frage, wie Autorität in einer solchen Situation ausgeübt wird.

Franziska hat sich gemeldet, sie hat widersprochen – öffentlich, vor der Klasse. Das braucht Mut. Und solche Momente können prägend sein: für die Erfahrung, ob eine Wortmeldung erwünscht ist oder man als „schwierig“ gilt, wenn man als junge Frau den Mund aufmacht.

Die Mutter will sich nun an Direktion und Fachinspektion wenden. Und zwei Mädchen schreiben Bibeltexte ab, nachdem sie die Macht von Sprache ernst genommen haben.

Wie ist Ihre Meinung zu diese Vorfall? Haben Sie schon einmal einen ähnlichen Fall im (Arbeits-) Alltag erlebt? Schreiben Sie uns unter news@sheconomy.media


Anmerkung der Redaktion: Die geschilderte Szene beruht auf der Darstellung der Mutter.

KI-generiert (DALL·E / OpenAI)
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