Als Frau an der Spitze eines industriell geprägten Familienunternehmens bewegen Sie sich bis heute in einem eher männlich dominierten Umfeld – obwohl Sie ein Kosmetikunternehmen führen. In welchen Situationen haben Sie besonders gelernt, sich selbst treu zu bleiben, statt Erwartungen zu erfüllen?

Bereits in meinen ersten Jahren als Unternehmerin habe ich gerade in schwierigen Verhandlungen oder bei Investitionsentscheidungen, in denen ein klassisch-harter Führungsstil erwartet wurde, bewusst meinen eigenen Weg gewählt. Außerdem habe ich früh gelernt, dass es als Geschäftsführerin nicht mein Job ist ein People Pleaser zu sein, um konstant Harmonie zu erzeugen, es ist manchmal auch wichtig klare Standpunkte zu beziehen und Widerstände auszuhalten.

Sie sind im Jahr 2013 als Familienmitglied in dritter Generation in die Geschäftsführung eingetreten, 2015 starb Ihr Stiefvater unerwartet und Sie übernahmen das Ruder vollständig. Was war der Moment, in dem Ihnen klar wurde: Ich trete hier nicht nur an, um zu bewahren, sondern um zu verändern?

Ein Familienunternehmen bleibt nur dann wirklich zukunftsfähig, wenn es bereit ist, jeden Prozess kritisch zu hinterfragen und sich konsequent weiterzuentwickeln. Das ist mir in dem Moment bewusst geworden, als unser Sohn zur Welt kam. Dieser kleine Mensch hat meinen Blick auf Verantwortung und Zukunft grundlegend verändert. Schon vorher habe ich gemeinsam mit meinem tollen Team unser Unternehmen stark modernisiert aber dann war die Zeit reif für eine klare Strategie, die die Kraft hat uns fokussiert in eine erfolgreiche und nachhaltige Zukunft zu führen.

Was reizt Sie an der Aufgabe, was treibt Sie an?

Es ist ein großartiges Privileg ein Unternehmen Formen zu dürfen, denn der Gestaltungsraum gibt einem die Möglichkeit echten Impact zu erwirken, für die eigenen Mitarbeiter:innen, für die Kund:innen und nicht zuletzt für Umwelt und Gesellschaft. Ich möchte in 20 Jahren in den Spiegel schauen können und sagen, dass ich alles dafür getan habe, unserem Unternehmen und kommenden Generationen eine tragfähige Zukunft zu ermöglichen.

Wo wollen Sie konkret eigene Spuren hinterlassen, was sind Ihre langfristigen Ziele?

Es ist unsere Vision, innovative Beauty Produkte zu schaffen und gleichzeitig nachhaltige Lösungen zu suchen, die unseren negativen Impact zu reduzieren. Was manche als Widerspruch empfinden, ist für uns die Kür. Vor 10 Jahren hätte auch niemand für möglich gehalten, dass wir heute Kosmetik in Verpackungen aus Rezyklaten aus dem gelben Sack abfüllen. Solche Meilensteine sind aber mit vereinten Anstrengungen möglich und sie machen einen echten Unterschied für unseren Planeten.

Wie hat sich der Kosmetikmarkt weltweit und im DACH-Raum in den vergangenen 10 Jahren verändert?

In den letzten zehn Jahren hat sich der Kosmetikmarkt stark gewandelt: Nachhaltigkeit und Transparenz sind zentrale Kaufkriterien geworden. Im DACH-Raum wie international beobachten wir eine wachsende Nachfrage nach cleanen und umweltfreundlichen Rezepturen und Verpackungen. Handelsmarken gewinnen zudem stark an Bedeutung, weil Konsumenten zunehmend Wert auf Preis-Leistung legen. Digitalisierung und neue Vertriebskanäle beschleunigen diese Entwicklung spürbar. Für Hersteller bedeutet das deutlich höheren Innovations- und Effizienzdruck.

Was ist Ihr erfolgreichster Absatzkanal bzw. Markt?

Wir sind in den meisten Badezimmern Deutschlands zu Hause – aber eben meistens inkognito. Denn unser Kerngeschäft liegt im Private Label-Bereich für führende Drogerie- und Lebensmitteleinzelhändler sowie Discounter in Deutschland und Europa. Hier sind wir sogar einer der führenden Full Service Hersteller im deutschsprachigen Raum. Mit unseren eigenen Marken alkmene®, sanosan, numis® med, VANDINI und der neuen nachhaltigen Marke we:care² erschließen wir zusätzliche Märkte. Der DACH-Raum bleibt zwar unser Heimatmarkt, aber wir wachsen kontinuierlich international – mit klarem Fokus auf Qualität „Made in Germany“.

In Zeiten von Rezession, Kostensteigerungen und Unsicherheit gilt Deutschland vielen Unternehmen nicht mehr als Wachstumsstandort. Warum halten Sie dennoch an Investitionen und dem Standort fest? Und was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, damit mehr Mittelständler diesen Weg gehen können?

Wir glauben an den Standort Deutschland – auch in herausfordernden Zeiten. Hier finden wir die technologische Basis, die besten Fachkräfte und derzeit auch unsere größten Kunden. Ganz bewusst investieren wir einen zweistelligen Millionenbetrag in neue Produktionslinien und ein Robotik- und Ausbildungszentrum. Was sich ändern muss? Weniger Bürokratie, verlässliche Rahmenbedingungen und gezielte Förderung für nachhaltige Innovationen. Ein starker Standort lebt von Vertrauen und Zukunftsperspektiven.

Ist eine gute Unternehmenskultur ein Wettbewerbsvorteil? Wie fördern Sie diese konkret?

Eine wertschätzende, inklusive Unternehmenskultur ist für mich ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Flexible Arbeitsmodelle sind bei uns Standard, Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird aktiv gefördert und wir investieren in persönliche Weiterentwicklung der Mitarbeitenden. Das Ergebnis sind motivierte Teams, geringe Fluktuation und eine Kultur, die Innovation fördert.

Nachhaltigkeit wird oft als Kostenfaktor diskutiert. Sie haben sie als Teil Ihrer Wachstumsstrategie verankert. Wo verschafft Ihnen dieser Ansatz heute messbare wirtschaftliche Vorteile?

Nachhaltigkeit ist für uns strategischer Innovationstreiber und kein Kostenfaktor. Wir verfolgen eine ambitionierte Klimastrategie: Bis 2030 sollen die CO₂-Emissionen um 30 Prozent sinken, validiert durch die Science Based Targets Initiative (SBTi). Bereits heute nutzen wir an allen Standorten 100 Prozent Ökostrom. Durch ressourcenschonende Produktion, Photovoltaikanlagen und Verpackungen aus Monomaterialien sowie Recyclingkunststoffen aus dem Gelben Sack erzielen wir nachweisbare Einsparungen bei Energie, Wasser und Abfall. So haben wir in den letzten Jahren viel Know-how im Bereich Nachhaltigkeit aufgebaut und mittlerweile haben auch unsere Kunden klare Nachhaltigkeitsstrategien und schätzen unsere Expertise in diesem Feld. Wer beim Thema Nachhaltigkeit kurzfristig die wirtschaftlichen Vorteile sucht, wird sie nicht finden, aber ich bin davon überzeugt, dass es sich mittel- und langfristig immer auszahlt, denn am Ende ist Nachhaltigkeit auch Versorgungssicherheit.

Viele junge Frauen denken heute über Unternehmensnachfolge oder Führungsrollen nach. Was möchten Sie ihnen aus Ihrer eigenen Erfahrung mitgeben?

Wenn man Lust daran hat zu gestalten, dann gibt es meines Erachtens kaum eine größere Chance als eine Unternehmensnachfolge. Aber ja – es ist nicht immer einfach und geht mit viel Verantwortung und einem hohen persönlichen und zeitlichen Commitment einher. Dazu muss man bereit sein. Gerade als junge Frau habe ich erfahren, wie wichtig es für mich dabei war authentisch zu bleiben, Strukturen beruflich wie privat) zu hinterfragen und sich ein starkes Netzwerk aufzubauen. Vielfalt im Team und Mut zur Veränderung sind entscheidend. In meinem Führungsteam sind heute 50 Prozent Frauen, weil wir Talente fördern und Räume öffnen. Ach ja, und man sollte als Frau nicht warten bis man denkt man ist bereit, das ist ein typisch weiblicher Fehler in meinen Augen. In all den Jahren, in denen ich nun Führungskraft bin, habe ich nicht einen Mann erlebt, der bei einer Beförderung Sorge hatte, er sei noch nicht bereit für die neue Aufgabe, aber etliche junge Frauen. Wir meinen immer schon perfekt sein zu müssen, bevor wir etwas wagen- diese Eigenschaft ist meines Erachtens ein riesiger Erfolgsverhinderer.


Über Christine Steger und Mann & Schröder Cosmetics Group:

Christine Steger führt die Mann & Schröder Cosmetics Group in dritter Generation. 2013 trat sie in die Geschäftsführung ein, 2015 übernahm sie die alleinige Geschäftsführung. Unter ihrer Leitung hat sich das Familienunternehmen zu einem Vorreiter für nachhaltige Innovation in der Kosmetikbranche entwickelt. Ihr Ziel: Kosmetik neu, nachhaltig und innovativ denken und das Unternehmen enkelfähig aufstellen.
Das 1951 gegründete Unternehmen mit Sitz in Siegelsbach (Baden-Württemberg) wird dieses Jahr 75 Jahre alt und zählt zu den führenden Herstellern von Haar- und Hautpflegeprodukten im deutschsprachigen Raum. Über 900 Mitarbeitende produzieren über 2000 verschiedene Produkte „Made in Germany“, die in knapp 70 Ländern vertrieben werden. Umsatz 2024: rund 220 Millionen Euro. Die Mann & Schröder Cosmetics Group investiert einen zweistelligen Millionenbetrag in Produktion, Ausbildung und Nachhaltigkeit am Standort Deutschland.


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