Sechs Jahre, eine klare Vision und ein stetig wachsendes Kunst-Mosaik: Mit der sechsten Vernissage ihrer Unternehmenskunstsammlung hat die WTS Group AG – Spezialist Steuerberatung und Financial Advisory – im Münchner Werkviertel einmal mehr gezeigt, wie eng kulturelles Engagement und unternehmerische Verantwortung miteinander verwoben sein können. Wo früher Waggons gelagert, später legendäre Partys gefeiert wurden, ist heute ein Ort entstanden, der sich ganz dem künstlerischen Diskurs verschrieben hat. Die denkmalgeschützte Villa aus dem Jahr 1871 – Nebengebäude des Neubaus – ist nach umfassender Sanierung nicht nur ein architektonischer Blickfang entstanden, sie liefert auch ein inhaltliches Statement. „Unsere Villa ist nach ihrer Restaurierung und Modernisierung ein echter Hingucker. Mit ihr haben wir ein Zentrum für Kultur und Begegnung sowie einen Raum für künstlerischen Diskurs geschaffen“, sagte WTS-Vorstandsvorsitzender Fritz Esterer beim Neujahrsempfang, der 120 Gäste aus Kunst, Kultur und Wirtschaft zusammenbrachte.

Das eigentliche Herz dieses Ortes schlägt in der Sammlung selbst – kuratiert von der Kunsthistorikerin Dr. Sonja Lechner, Gründerin und CEO von Kunstkonnex. Seit 2019 baut sie die WTS-Kunstsammlung auf, mit einem klaren Postulat: Vielfalt. „Die Sammlung spiegelt die Diversität unserer Welt wider“, so Lechner. Und das als klares kuratorisches Prinzip: Werke von jungen wie etablierten Künstler:innen, von (noch) unbekannten bis international renommierten, aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten und Geschlechtern – von Malerei über Skulptur, Fotografie und Multimedia bis hin zu NFTs finden sich nicht nur in den Empfangsbereichen oder der Vorstandsetage, sondern auch in den Fluren und Meetingräumen.

Den Auftakt der aktuellen Vernissage bildete die Eröffnung der Ausstellung „Faces of Unity“ der Künstlerin Tanja Hirschfeld. Ihre Werke, die im Galerie-Bereich des WTS-Neubaus gezeigt werden, rücken Frauen ins Zentrum, die sich für andere eingesetzt haben: Marie Curie, Sophie Scholl, Mercedes Sosa, Malala – Ikonen des Widerstands, der Empathie und des Engagements. Hirschfelds Arbeiten sind dabei keine klassischen Porträts. Ihre Gesichter sind abstrahiert, symbolisch, Brücken zwischen Kulturen, Zeiten und Identitäten. Ergänzt werden die Gemälde durch auf Kaschmir gestickte Arbeiten mit Titeln wie “Caring” und “Empathy” – Begriffe, die heute nicht nur moralische, sondern auch politische und wirtschaftliche Relevanz haben. Hirschfelds Serie ist damit ein „Postulat, sich zu erheben gegen das Schlechte und sich einzusetzen für das Gute“, so Lechner. Die Ausstellung von Tanja Hirschfeld ist bis Herbst 2026 zu sehen, ebenso wie die gesamte Sammlung öffentlich zugänglich. Jeden letzten Freitag im Monat finden kostenfreie Führungen statt. Im folgenden Interview mit Dr. Sonja Lechner und Tanja Hirschfeld sprechen wir über Kunstsammlungen von Unternehmen und die laufende Werkschau.
Wo liegt der Unterschied in der Kuratierung von Privat- und Firmensammlungen?
Dr. Sonja Lechner: Privatsammlungen sind zumeist alleinig für die Augen der Sammler konzipiert, also für das Leben, das Menschen hinter verschlossenen Türen führen: Entsprechend werden Werke angekauft, die das Heim zu einem Zuhause machen, zu einer Umgebung, in der man seine eigene Welt schafft, die durch Kunst bereichert wird. Firmensammlungen hingegen sind oftmals öffentlich zugänglich und präsentieren entsprechend das Unternehmen nach aussen. In der Regel sind die Kunstsammlungen von Firmen daher meist einem Gebiet gewidmet, das das Unternehmen auch in seiner Corporate Identity oder seiner Corporate Social Responsibility verortet hat, wie etwa die Förderung von jungen Kunstschaffenden, den Ankauf von ausschließlich Künstlerinnen oder eben – wie im Falle der WTS – die Verbildlichung der Vielfalt, die unsere Welt ausmacht.

In der WTS-Sammlung zum Beispiel hängen große Namen neben Newcomern – braucht es da Überzeugungsarbeit?
Dr. Sonja Lechner: Da der Vorstandsvorsitzende Fritz Esterer selber die Ausrichtung der Sammlung auf „Vielfalt“ festlegte, war es nicht schwer, die Diversität, welche die Sammlung heute ausmacht, auch in Newcomern verbildlicht zu sehen. Wir haben von Anfang an Vielfalt nicht nur als Technik gesehen, und entsprechend Malerei, Fotografie, Graphik, Skulptur, Plastik und Multimedia angekauft, sondern natürlich und vor allem auch hinsichtlich der Motivik wie der Herkunft der Kunstschaffenden. Entsprechend hängen nun Werke junger Münchner AkademiestudentInnen neben internationalen Künstlerinnen und Künstlern, die in Museen ebenso zu finden sind wie sie Höchstpreise auf dem Kunstmarkt erzielen. Dieses Jahr etwa haben wir zwei junge Absolventinnen der Münchner Kunstakademie angekauft und zugleich eine Graphik von Picasso wie ein Ölgemälde von Gabriele Münter.
Wie finden Sie neue Künstler:innen?
Ich gehe regelmäßig auf die Jahresausstellungen von Kunstakakademien und liebe es zudem, die „offenen Ateliers“ wahrzunehmen: Bei diesen kann man meist an einem Wochenende durch ganze Gebäude wandeln, in denen Künstlerinnen und Künstler tätig sind, und dergestalt nicht nur wahrnehmen, was in den Studios passiert, sondern auch mit den Kunstschaffenden ins Gespräch kommen. Außerdem besichtige ich auf den internationalen Kunstmessen nicht nur die Stände, an welchen diejenigen ausgestellt sind, die bereits Teil der Kunstgeschichte und bzw. oder des Kunstmarktes sind, sondern auch die Präsentationen von Newcomer:innen. Zudem gibt es viele Galerien, die Graswurzelarbeit betreiben, also denjeingen ein Forum geben und diejenigen aufbauen, die noch studieren oder gerade ihren Abschluss gemacht haben.
Was bedeutet so eine Sichtbarkeit in der Sammlung für Sie als Künstlerin, Frau Hirschfeld?
Tanja Hirschfeld: Heutzutage als Frau in einer Kunstsammlung gezeigt zu werden bedeutet persönliche Anerkennung und zugleich Sichtbarkeit in einem Kunstfeld, in dem Künstlerinnen noch immer unterrepräsentiert sind.
Welche Motivation steckt hinter den Arbeiten, die bei WTS gezeigt werden?
Tanja Hirschfeld: Als Künstlerin und als Frau habe ich die Serie „Faces Of Unity“ aus der Motivation heraus geschaffen, Sichtbarkeit zu schaffen und die oft übersehenen Beiträge von Frauen zum Frieden und Fortschritt ins Zentrum zu rücken. Zugleich bringe ich meine Überzeugung zum Ausdruck, dass Frauen aufgrund ihrer Werte, Erfahrungen und ihrer Fähigkeit, Beziehungen zu stärken und Dialog zu fördern, in besonderer Weise zum Frieden beitragen können.

Wie profitieren Unternehmen von einer eigenen Sammlung? Was ist der Nutzen für die Mitarbeitenden?
Dr. Sonja Lechner: Immens! „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar“, hat Paul Klee einst auf den Punkt gebracht. Kunst ist aus meiner Sicht per se eine Bereicherung für jeden Menschen, da sie es ermöglicht, die eigene Perzeption zu weiten. Jeder Mitarbeiter, jede Mitarbeiterin eines Unternehmens profitiert also von der Vielzahl an Blickwinkeln, die Kunst ermöglicht! Darüberhinaus erreicht aber ein Unternehmen durch seine Kunstsammlung auch Menschen, die wömöglich bislang keinen Zugang zu der jeweiligen Firma hatten. Ich habe etwas 2019 mit der Vorstandsvorsitzenden der Münchner Bank Sandra Bindler das „Kunstforum Münchner Bank“ aus der Taufe gehoben: Dort zeigen wir zwei Mal pro Jahr Ausstellungen von StudentInnen oder Absovent:innen der Münchner Kunstakademie in einer Verkaufsausstellung, deren Erlöse zu 100 Prozent an die Kunstschaffenden gehen. Darüberhinaus habe ich die Ehre, die Kunstsamlung der Münchner Bank aus Ankäufen aus jeder Ausstellung aufzubauen. Eine Win-Win-Situation also für alle Beteiligten: Die KünstlerInnen werden ein halbes Jahr im ganzen Stammhaus der Bank ausgestellt und generieren nicht nur Sichtbarkeit, sondern erhalten auch alle Umsätze aus den Verkäufen ohne Abzüge, die Bank ist auf der anderen Seite stets von Kunst umgeben und lernt auf den Vernissagen neue Menschen kennen, die ich als Sammler einlade. Nach der Abhängung kommen die angekauften Werke in die Zimmer der Mitarbeiter und wechseln dorten regelmäßig ihre Hängung, weil es so viele „Lieblingsmotive“ gibt, die jeder gerne einmal im eigenen Zimmer hätte.
Besteht nicht auch die Gefahr, dass Werke hinter verschlossenen Unternehmenstüren landen?
Dr. Sonja Lechner: In den von uns betreuten Sammlungen kommt dies nicht vor – Kunst bleibt Anlass, sich auszutauschen, ob auf Vernissagen oder firmeninternen Veranstaltungen.
Aktuell mit Jahresstart und Neujahrsempfang wird eine neue Ausstellung speziell Frauen gewidmet. Warum war Ihnen das wichtig?
Dr. Sonja Lechner: Als Kunsthistorikerin war es für mich schon während des Studiums schwer verständlich, dass Kunstgeschichte vorwiegend von männlichen Künstlern geschrieben wurde. Frauen war das Studium an Akademien mehrheitlich erst nach dem Ende des Ersten Weltkrieges möglich, weshalb viele Kümnstlerinnen in den Jahrhunderten zuvor sich entweder selbst ausbildeten oder an sogenannten „Damenakademien“ unterrichtet wurden. Dank vieler Forschungen der jüngsten Zeit bekommen diese Frauen nun die Sichtbarkeit, die sie verdienen, Kunstgeschichte wird neu geschrieben! Ich versuche als Kunstberaterin mit meinem Unternehmen seit jeher, Künstlerinnen selbstverständlich das Forum zu geben, das Männern schon immer gewährt wurde, und ich freue mich sehr, dass sowohl in den Privatsammlungen wie den Unternehmenskunstsammlungen, die wir aufbauen, der Ankauf von Künstlerinnen dem Ankauf von Künstlern entspricht. Das Postlaut der Gleichberechtigung gilt im übrigen nicht nur für die Geschlechter, sondern auch für die Herkunft. Mir fällt bei jedem Besuch in Museen auf, dass die Motivik der Werke zumeist ausschließlich weisse Protagonisten und Protagonistinnen zeigt. Wie müssen sich Menschen anderen Hautfarben fühlen, wenn sie schlicht nicht vorkommen in der Kunstgeschichte? Hier gilt es durch Ankäufe und durch Forschung einen Paradigmenwechsel herbeizuführen, den wir in unserer Beratung längst umgesetzt haben.
Welcher rote Faden zieht sich durch diese Ausstellung?
Tanja Hirschfeld: Der rote Faden der sich durch die Werke zieht, ist der Versuch, mithilfe geometrischer Formen Emotionen zu vermitteln und Frauen nicht als realistische Porträts darzustellen, sondern vielmehr ein Gefühl durch Farbe und Form auszudrücken, das ich mit diesen Frauen verbinde und in ihnen sehe.